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Antisemitismus in Großbritannien„Ich wurde bespuckt, mir wurde der Hitlergruß gezeigt“

Am Rande einer Großkundgebung in London schildern britische Juden, wie der wachsende Antisemitismus sie bedroht. Die Labour-Regierung wird ausgebuht.

Auf der Kundgebung gegen Antisemitismus im Londoner Regierungsviertel am Sonntagnachmittag Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski

Das Sicherheitsaufgebot war hoch, als am Sonntagnachmittag in der Londoner Regierungsstraße Whitehall direkt vor Downing Street bis zu 20.000 Menschen zu einer großen, von jüdischen Organisationen organisierten Kundgebung zusammenkamen. Anlass war die Wahrnehmung eines zunehmenden Antisemitismus in Großbritannien nach mehreren Brandanschlägen und Attacken auf jüdische Menschen, Einrichtungen und Synagogen in der jüngsten Zeit.

Wieso wurde Irans Botschafter in London noch nicht ausgewiesen und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen, fragte der britische Oberrabbiner Ephraim Mervis. Viele Redner verlangten ein stärkeres Vorgehen der Regierung gegen islamistischen, linken und rechten Extremismus. Labour-Premierminister Keir Starmer, an den sich dies richtete, war nicht da. Arbeitsminister Pat McFadden musste als Regierungsvertreter Buhrufe und Zwischenrufe über sich ergehen lassen. Er versprach jedoch mehr Arbeit gegen Antisemitismus und ein gesetzliches Verbot der Revolutionsgarde im Eilverfahren.

Anders als McFadden wurde die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch stark bejubelt. Sie war nach den Messerangriffen auf Juden in Golders Green die erste führende Politikerin, die den Tatort besuchte. Vor einer Woche im Londoner Kommunalwahlkampf reagierte sie robust auf eine Frau, die ihr Vorwürfe zu ihrer Position zum Antisemitismus machte, und forderte, man solle nicht länger „so tun, als ob das nicht passiert“.

Badenoch verwies jetzt auf die Massenentführungen von Mädchen durch islamistische Terroristen in Nigeria, wo sie aufgewachsen ist. Auch deshalb sei sie gegen Extremismus und Islamismus.

Die Grünen bleiben fern, die Rechten sind da

Gideon Falter, Geschäftsführer der Campaign against Antisemitism, bezeichnete die Angriffe auf jüdische Menschen in Großbritannien als „Britifada“ und als Geschwür. Antisemitismus sei Realität und nicht ein bloßes Gefühl – eine Anspielung auf Aussagen des grünen Parteichefs Zack Polanski. Grüne waren nicht auf dem Podium am Sonntag. Falter verwies auf Studien, wonach 7 Prozent aller Briten den 7. Oktober rechtfertigten und 20 Prozent aller Stu­den­t:in­nen nicht mit jüdischen Menschen in einer WG leben wollten.

Richard Tice von der rechtspopulistischen Partei Reform UK forderte deshalb ein Verbot der Muslimbruderschaft in Großbritannien und die Streichung von Fördergeldern für Universitäten, die Antisemitismus tolerierten. Adrian Cohen, Vizepräsident des jüdischen Dachvereins Board of Deputies, erklärte, dass es die jüdische Gemeinschaft in ein weiteres Exil verbannen würde, wenn die Plage des Antisemitismus nicht bewältigt werden könne.

Die 52-jährige Jüdin Suzie Nelhams, Enkelin eines deutschen Kindertransportflüchtlings, schildert der taz, dass sie wegen ihres Davidsterns angespuckt und als Babymörderin bezeichnet worden sei. Seit diesem Erlebnis zeige sie ihre Halskette nicht mehr öffentlich, außer heute, wo sie außerdem ein T-Shirt mit Davidstern trägt.

Der Kippa-tragende Mathematikstudent Samuel Moont, 20, berichtet von seinem Studienort Birmingham: „Man hat mir Schimpfnamen oder Free Palestine! nachgerufen und dass man mich umbringen wolle, ich wurde bespuckt, mir wurde der Hitlergruß gezeigt, und ich wurde auf meinen Weg nach Hause verfolgt.“ Er sei sehr vorsichtig geworden, besonders, wenn er abends das Haus verlasse.

Die 16-jährige Schülerin Evie Jacobs berichtet, in ihrer Schule im Norden Londons sei sie die einzige Jüdin. „Die erste Frage ist immer, ob ich für Gaza bin und die Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen unterstütze“, erzählt sie und nennt das vollkommen unangebracht und respektlos.

Auch Nichtjüdinnen und Nichtjuden sind gekommen. Die Kommunalangestellte Heather, 53, ist extra aus der walisischen Hauptstadt Cardiff angereist. Seit sie sich mit Jüdinnen und Juden solidarisiert, werde sie selber angegriffen, sagt sie. „Eine jetzt ehemalige Freundin bezeichnete mich als Rassistin.“

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