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Public Viewing bei der WeltmeisterschaftRudelgucken ist passé

Uwe Rada

Kommentar von

Uwe Rada

In Berlin wird es wie in vielen anderen deutschen Städten diesmal keine Fanmeile geben. Das macht es einfacher, die Fußball-WM links liegen zu lassen.

So voll war das auf der Berliner Fanmeile bei der EM 2024 beim Spiel Deutschland–Spanien im Viertelfinale Foto: Christoph Soede/picture alliance/dpa

D eutschlands Sommermärchen vor zwanzig Jahren beflügelte sogar den einen oder anderen in der taz. „Gelegentlich fühlte sich die Fußball-WM wie eine ziemlich gelungene Fortführung der Love Parade an“, wunderte sich ein Kolumnist über sich selbst – und stand damit nicht allein.

Im Sommermärchen 2006 feierten die Fans auf der Berliner Fanmeile nicht nur ihre Mannschaften in den jeweiligen Farben. Deutschland feierte während der Heim-WM auch sich selbst. Als ein Land, das viele wegen seiner Lebensfreude kaum wiedererkannten.

Zur Fußball WM der Männer in den USA, Kanada und Mexiko vom 11. Juni bis zum 19. Juli fällt das Märchen aus. Die Berliner Fanmeile, die 2006 das Bild vom freundlichen Deutschland in die Welt sandte, wird nicht stattfinden.

Das gab der Berliner Senat am Montag auf eine sehr berlinische Art und Weise bekannt. „Korrektur“ war die Meldung auf berlin.de überschrieben. Wochenlang war auf der offiziellen Berlin-Seite eine Fanmeile angekündigt gewesen. Doch die hatte – typisch Berlin – nie einer angemeldet.

Zu späte Anstoßzeiten

Das musste der Senat nun kleinlaut einräumen. Das private Eventunternehmen KIT Group, das auch die Fanmeile beim Sommermärchen 2006 veranstaltete, hat gekniffen. Zu späte Anstoßzeiten in den USA, Mexiko und Kanada, zu viel unternehmerisches Risiko. Ähnlich sieht es in Hamburg, Köln, Dortmund und München aus. Ausnahmen von der Regel machen lediglich kleinere Städte wie Recklinghausen und Hückelhoven im Rheinland.

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Fast möchte man sich bei dieser Nachricht die Hände reiben. Denn zwanzig Jahre vergehen nicht eben so. 2006 gab es weder die AfD noch Donald Trump im Weißen Haus, Gianni Infantino, der Mafiaboss des internationalen Fußballs, war beim Weltfußballverband Fifa noch ein kleines Licht und Putins Russland hatte „nur“ in Tschetschenien Krieg geführt, was die Stimmung hierzulande nicht sonderlich trübte. Dass dabei, wie die WM nach Deutschland kam, nicht alles mit rechten Dingen zuging, kam erst später heraus.

Zwanzig Jahre später ist die Welt eine andere und das wird auch auf die Stimmung drücken. Nicht nur in Deutschland fallen die Fanmeilen aus, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Viele Fans schrecken davor zurück, in die USA zu reisen. Und wer weiß, welche Bilder von Razzien der Einwanderungsbehörde ICE es während der Spiele geben wird.

So wenig Vorfreude auf eine WM war selten und die Absage der großen deutschen Fanmeilen könnte das noch verstärken. Das größte kommerzielle Sportspektakel der Welt wird (wenn auch aus kommerziellen Erwägungen) in den privaten und halbprivaten Raum des heimischen Fernsehers und des Biergartens verbannt.

Keine Bühne für Mafiaspiele

Möglichst wenig sichtbar sein, zumindest in Europa: Das ist, was die WM von US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino verdient. Den Mafiaspielen wird auf den großen Plätzen hierzulande keine Bühne gegeben.

Das alles ist natürlich keine Garantie, dass nicht doch hier und da ein paar Märchen aufgeführt werden. In Berlin ist Public Viewing für alle Spiele erlaubt, die bis 22 Uhr angepfiffen werden. Beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft dürften die Biergärten voll sein. Nach einem frühzeitigen Aus dürfte sich das schnell ändern.

Vielleicht ist die Absage der Fanmeile auch ein kleiner Liebesdienst für Berlin. Was könnte da nicht alles schiefgehen? Stromausfall. Bahnausfall. Schlechte Verliererlaune. Sommeralbtraum.

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Die Chancen stehen also gut, dass der Sommer 2026 als erster WM-Sommer in die Geschichte eingeht, den selbst Fußballfans lieber am See als beim Rudelgucken verbringen.

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Uwe Rada
Redakteur taz.Berlin
Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Weitere Schwerpunkte sind Osteuropa und Brandenburg. Zuletzt erschien bei Bebra sein Buch "Morgenland Brandenburg. Zukunft zwischen Spree und Oder". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow und in Grunow im Schlaubetal.
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1 Kommentar

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  • Ich will die Hoffnung des Autors nicht trüben, aber der einzige Grund, dass keine Fanmeile stattfindet, ist wohl die späte Anstoßzeit.



    Damit verbunden das Risiko des finanziellen Verlustes.



    Das aktuelle politische Weltgeschehen, hat und wird nie Einfluss auf den Fußball nehmen. Brot und Spiele funktionieren immer.



    Siehe Cannabislegalisierung.