piwik no script img

UNICEF-Studie zum KinderwohlMathe und Deutsch? Kein Problem für Deutschlands reiche Kids

Wer gute Noten kriegt, hängt meist am Einkommen der Eltern. In anderen Ländern ist Gesundheit und Glück viel weniger eine Sache des Geldes.

Nicht nur Mathe und Deutsch sind für viele ärmere Kinder schwierig Foto: Robert Pola/plainpicture

V or zehn Jahren schon zeichnete sich ab, dass für Kinder hierzulande nicht alles so prima läuft. An der Grundschule meines Sohnes, bürgerlicher Berliner Stadtbezirk, wurden die Toiletten gesperrt. Engagierte Eltern hatten die Hygieneaufsicht benachrichtigt. Aufgrund von Sparauflagen wurde die komplette Schule nämlich von einer einzigen Frau geputzt. Und so sah es auch aus.

Dann kam Corona. Fast anderthalb Jahre verbrachte mein Teenager überwiegend zu Hause. Viel gelernt hat er nicht in dieser Zeit. Doch es gab Hilfsangebote. Also eins, um genau zu sein. Fünf Tage freiwilliges „Aufholprogramm“ in den Winterferien. Erstaunlicherweise hatte mein 16-Jähriger andere Ferienpläne. Und dann wurde über die Coronalücken einfach nie wieder gesprochen.

Die in diesen Tagen vorgestellte internationale Unicef-Vergleichsstudie zum Wohlbefinden von Kindern zeigt, dass unsere Probleme damals Peanuts waren im Vergleich zu dem, was andere Kinder im reichen Deutschland erleben. Denn unser Land belegt Platz 25 – von insgesamt 37 bewerteten Ländern. Einmal mehr erfahren wir, dass das Wohlergehen eines Kindes in Deutschland vor allem vom Einkommen der Eltern abhängt.

Wir müssen uns nur ordentlich anstrengen, dann wird’s schon werden

Ganze 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik. Bei reichen Kindern kümmern sich wohl die Eltern, schicken den Nachwuchs auf Privatschulen und finanzieren, wenn nötig, Nachhilfeunterricht. Wozu also – wird sich Friedrich Merz denken – sollte man das Kindeswohl zur Chefsache machen?

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Warum im sozialen Bereich sparen?

Nicht nur Mathe und Deutsch sind für viele ärmere Kinder schwierig. Mehr als die Hälfte ist auch in keiner guten körperlichen Verfassung. Ähnlich ist es um ihren seelischen Zustand bestellt. Warum dann nicht auch im sozialen Bereich sparen? So wird jetzt zum Beispiel die größte Kindersuchtklinik geschlossen.

Der Kanzler setzt auf Eigenverantwortung und Investition der Eltern in den eigenen Wohlstand. Denn reiche Kinder sind in Deutschland gesünder und zufriedener. Wir müssen uns also nur ordentlich anstrengen, 40 Stunden arbeiten, erst mit 70 in Rente gehen und natürlich mehr verdienen. Und dann geht’s sicher auch den Kindern hierzulande endlich besser. Mit der aktuellen Bundesregierung sind wir da auf einem guten Weg.

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Gaby Coldewey
Redakteurin
Redakteurin in der Auslandsredaktion. Bei der taz in unterschiedlichen Positionen seit 2009. Studium der Slawistik, Politologie und Ost- und Südosteuropäischen Geschichte in Berlin, Prag und Odessa. Übersetzt aus dem Ukrainischen und Russischen. Schreibt immer mal wieder "Berliner Szenen".
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!