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Angst, Isolation, beobachtet werdenWie der Iran Exil­jour­na­lis­t*in­nen angreift

Weltweit übt das iranische Regime Gewalt gegen Ak­ti­vis­t*in­nen und Jour­na­lis­t*in­nen aus. Unsere Autorin erlebt es selbst.

Hat jetzt also ihren eigenen Ansprechpartner beim Verfassungsschutz: Mina Khani Foto: Stefan Boness/ipon

Im März 2023 klingelte es an meiner Tür in Berlin. Das hat man mir später am Telefon erzählt. Ich war gerade in München und berichtete in einem Theatersaal darüber, wie junge Menschen, Frauen und Minderheiten die Frau-Leben-Freiheit-Bewegung tragen. Währenddessen versuchte in Berlin der Verfassungsschutz mich zu erreichen. Sie wollten mir mitteilen, dass ich im Visier des Regimes stehe. Auch in Deutschland.

Eigentlich wusste ich das bereits. Ich war schon lange Ziel organisierter Angriffe des Regimes gewesen, sowohl in staatlichen Medien als auch in sozialen Netzwerken. Sexualisierte Beschimpfungen, Morddrohungen und die üblichen Verschwörungserzählungen über Israel oder westliche Geheimdienste. Mal war ich „Separatistin“, mal „Agentin“, mal „Hure“, mal „Terroristin“. Ich bin: iranische Autorin.

Seit 2009 schreibe ich über soziale Bewegungen in Iran, auf Farsi und Deutsch. Ich berichtete während der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung über die Lage in Iran, unter anderem auch für die taz. Gleichzeitig erschienen Interviews und Porträts über meine Arbeit in deutschen Medien. Diese Sichtbarkeit war wichtig. Sie bedeutete gleichzeitig aber auch, dass ich stärker ins Visier der Islamischen Republik geriet.

Next Level

Dass jedoch deutsche Sicherheitsbehörden beobachten konnten, wie das Regime mich überwacht und sogar versucht, Informationen über mich in Deutschland zu sammeln, war wie die junge Generation sagen würde: Next Level.

Zurück in Berlin musste ich mich beim LKA melden. Dort bekam ich einen direkten Kontakt zum Verfassungsschutz. Ein Mitarbeiter, nennen wir ihn Herr Falk, kontaktierte mich und sagte, es handle sich um eine ernstere Angelegenheit. Wir vereinbarten ein Treffen. Herr Falk musste dafür extra nach Berlin fahren: Ach so, dachte ich, jetzt habe ich also schon meinen eigenen Ansprechpartner beim Verfassungsschutz.

An einem kalten Donnerstagmorgen stand ich an unserem vereinbarten Treffpunkt. Eine völlig unauffällige Frau in einem Hoodie holte mich dort ab und begleitete mich zu einer Polizeistation. Dort wurde ich von ihr und Herrn Falk befragt.

„Was machen Sie genau? Warum interessiert sich das Regime für Sie?“

Natürlich wussten sie längst, wer ich war, wo ich lebte und worüber ich schrieb. Sie erklärten mir, dass aktuell zwar kein konkreter Anschlagsplan bekannt sei, die Gefahr aber ernst genommen werde. Vor allem Reisen in die Region seien problematisch. Die Möglichkeit einer Entführung könne nicht ausgeschlossen werden.

Noch am selben Tag wurde ich in einem Fahrzeug zu einer weiteren Einheit des LKA gebracht, zur Abteilung für islamistischen Extremismus. Dort verstand ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht mit einem einzigen Gespräch enden würde.

Ab diesem Zeitpunkt begann für mich eine Art Sicherheitsbürokratie. Über Monate hinweg musste ich regelmäßig Kontakt mit Sicherheitsbehörden halten, Gespräche führen und Situationen melden. Man sagte mir, die Lage sei noch nicht so akut, dass ich Personenschutz bräuchte. Gleichzeitig solle ich vorsichtiger werden, mein Umfeld beobachten, Kontakte reduzieren und größere Reisen oder öffentliche Veranstaltungen vorher ankündigen.

Plötzlich bestand mein Alltag aus Sicherheitsgesprächen, Risikoeinschätzungen und der ständigen Erinnerung daran, beobachtet zu werden. Ich hatte weniger Zeit zu schreiben, weniger Kraft für Mobilität – Dinge, aus denen meine Arbeit bestand. Genau darin liegt ein Teil der Gewalt solcher Systeme.

Ein unbekannter Anruf. Eine Nachricht. Jemand, der plötzlich zu viele Fragen stellt.

Transnationale Repression

Denn transnationale Repression funktioniert nicht nur durch direkte Angriffe. Sie funktioniert auch dadurch, dass sie dein Leben langsam komplizierter macht. Dass sie dich erschöpft. Dass sie dich zwingt, ständig aufmerksam zu sein. Dass du irgendwann selbst alltägliche Situationen anders wahrnimmst. Ein unbekannter Anruf. Eine Nachricht. Jemand, der plötzlich zu viele Fragen stellt.

Menschen, bei denen du dich fragst, ob sie zufällig in dein Leben gekommen sind. Irgendwann entsteht dieses Gefühl, dass das Regime sogar versuchen könnte, sich über emotionale Nähe Zugang zu verschaffen.

Diese Form von Gewalt haben viele iranische Aktivist*innen, Re­por­te­r*in­nen und Medienmenschen im Exil erfahren. Die in den USA lebender Journalistin Masih Alinejad etwa. Die Islamische Republik versuchte mehrfach, sie entführen oder töten zu lassen. Über Jahre hinweg musste sie unter massivem Polizeischutz leben, ihre Aufenthaltsorte und Safe-Häuser wechseln und ihre Arbeit immer wieder unterbrechen.

Angst, Isolation und das Wissen, beobachtet zu werden

Die Islamische Republik behandelt diejenigen, die über ihre Gewalt berichten, wie ein gewalttätiger Mann eine Frau behandelt, die er kontrollieren will

Öffentlich sichtbar blieb oft nur ihre mediale Präsenz. Unsichtbar blieb dagegen der Alltag: Sicherheitsprotokolle, Angst, Isolation und das Wissen, beobachtet zu werden.

Auch Sima Sabet aus London berichtete öffentlich über massive Bedrohungen durch das Regime. Früher war sie Moderatorin beim Exilsender Iran International, den Millionen Menschen in Iran ansehen. Heute betreibt sie einen eigenen Youtube-Kanal und ist Gästin in Nachrichtensendungen. Mehrmals musste sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen – manchmal über Wochen. 


2019 wurde der Journalist Ruhollah Zam, der damals in Frankreich lebte und bis kurz vorher mit seinem Medium „Amad News“ auf Telegram über 1 Millionen Reichweite verfügt hatte, aus Paris in den Irak gelockt. Dort wurde er entführt, in den Iran verschleppt und später hingerichtet. Seine Ermordung veränderte die Wahrnehmung vieler iranischer Journalisten im Exil nachhaltig.

Ab da nahm auch die Bedrohungslage für einen guten Freund von ihm zu: den Journalisten Ali Javanmardi. Doch auch wenn er zeitweise deutlich vorsichtiger auftrat, kehrte er später laut in die Öffentlichkeit zurück und arbeitet heute als Berater beim US-Auslandssender Voice of America. Diese Gleichzeitigkeit gehört zur Realität iranischer Exiljournalist*innen: Manche überleben knapp, manche ziehen sich zurück, manche machen weiter, manche werden getötet.

Und daneben existieren Hunderte Geschichten, die nie öffentlich erzählt werden.


Unsichtbare Frauen und Journalistinnen

Frauen, die früher sichtbar geschrieben oder moderiert haben und heute nur noch hinter den Kulissen arbeiten. Journalistinnen, die unter Pseudonym veröffentlichen. Feministinnen, die ihre Bilder aus dem Internet gelöscht haben. Menschen, die jahrelang öffentlich gearbeitet hatten und irgendwann beschlossen, nicht mehr mit ihrem echten Namen aufzutreten.

Ich kenne sie persönlich. Sie sind teilweise enge Freundinnen von mir. Oft teilen wir in vertrauten Kreisen das Unsagbare, das wir erfahren und erfuhren. Manche haben den Journalismus ganz verlassen.

Die Islamische Republik behandelt Oppositionelle, Andersdenkende und diejenigen, die über ihre Gewalt berichten, oft wie ein gewalttätiger Mann eine Frau behandelt, die er kontrollieren will. Nicht nur durch direkte Gewalt, sondern auch durch Einschüchterung, durch permanentes Beobachten, durch psychologischen Druck.

Die Islamische Republik versucht dir das Gefühl zu geben, dass sie überall ist. Dass sie selbst aus dem Schatten heraus noch dein Leben beeinflussen kann. Dass sie jederzeit neue Probleme schaffen kann. So will sie dir deine Bewegungsfreiheit nehmen, deine Öffentlichkeit, deine Stimme. Sie formt dein Leben langsam um.

Und trotzdem versuchen viele weiterzuschreiben.


Nicht immer laut. Nicht immer sichtbar. Aber weiter.

Die Kunst, in einem Schlachthaus des Todes zu leben

Ich berichtete schließlich verstärkt innerhalb der Menschenrechtsorganisationen wie Hawar.help und Hengaw weiter über systematische Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen, politische Gefangene, Kur­d*in­nen und andere marginalisierte Gruppen in Iran. Die Drohungen der Islamischen Republik hielten mich also nicht vom Schreiben ab. Aber sie veränderten die Bedingungen des Schreibens. Ich habe angefangen, weniger als Mina und mehr als Teil einer Organisation zu schreiben, das Persönliche wurde immer unsichtbarer.

Ich berichte noch immer über die Kunst, in einem Schlachthaus des Todes zu leben, das die Islamische Republik Tag für Tag weiter ausbreitet. Über die Proteste im Januar 2026 und das Blutbad, das das Regime im Schutz eines vollständigen Internet-Blackouts angerichtet hat. Ein Blackout, der Wochen dauerte und durch den die Bilder uns erst viel später erreichten. Bilder von Müttern, die auf den Gräbern ihrer ermordeten Kinder tanzten.

Und jetzt: wieder Krieg, wieder abgeschaltetes Internet, wieder abgeschnittene Stimmen. Es ist eine der weltweit längsten und massivsten Phasen von Internetzensur. Und trotzdem leben die Menschen dort weiter, lieben weiter, kämpfen weiter. Mit all ihren politischen Widersprüchen, ihren Streitigkeiten, ihren Hoffnungen, ihrer Müdigkeit, ihrer Wut und ihrer Liebe. Sie leben all diese Gewalt auf eine fast unfassbar kreative, widerständige und manchmal erschütternd magische Weise.

Wie könnte man ihre Geschichte also nicht weitererzählen?

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