Feminismus in Ägypten: Eine Frau gegen ein Königreich
Sie unterbrachen die Sitzung, besetzten den Plenarsaal und weigerten sich zu gehen: Doria Shafik und ihre Mitstreiterinnen schrieben Geschichte.
D as hatte das ägyptische Parlament noch nicht erlebt: Am 19. Februar 1951 besetzten 1.500 Demonstrantinnen den Plenarsaal, riefen „Nieder mit einem Parlament ohne Frauen!“ und unterbrachen die Sitzung der männlichen Abgeordneten.
Angeführt wurden sie von Doria Shafik, die einen Forderungskatalog präsentierte. Dieser umfasste das volle aktive und passive Wahlrecht für Frauen, eine Reform des Scheidungsrechts sowie gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Erst als der Senatspräsident den Frauen sein Wort gab, dass sich das Parlament ihrer Forderungen annehmen werde, räumten sie den Saal.
Eine Woche nach dem Parlamentssturm lag ein Gesetzesentwurf vor, der den Frauen ihre politischen Rechte gewähren sollte, doch dieser wurde abgelehnt. König Faruk I. ließ Doria Shafiks Ehemann damals ausrichten: „Lass deine Frau wissen, dass Frauen, solange ich König bin, keine politischen Rechte erhalten werden.“
Schon zuvor stand Doria Shafik in der ägyptischen Öffentlichkeit. Mit ihrer feministischen Zeitschrift Bint al-Nil und der gleichnamigen Partei veranstaltete sie seit 1945 Bildungsprogramme für Frauen, gründete mit Unicef-Mitteln Alphabetisierungszentren in Schulgebäuden und schuf damit erstmals eine breitere Infrastruktur für weibliche politische Teilhabe in Ägypten. Bis 1952 entstanden 80 solcher Zentren im ganzen Land.
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Nach dem Sturz der Monarchie durch die Revolution von 1952 übernahmen die „Freien Offiziere“ die politische Macht im Land. Zu den führenden Köpfen zählte Gamal Abdel Nasser, der sich als dominierende Figur des neuen Regimes durchsetzte. Trotz des politischen Umbruchs wurden Frauen weiterhin von der Verfassungsarbeit ausgeschlossen.
Zwei Hungerstreiks
Im März 1954 begann Doria Shafik im Presse-Syndikat von Kairo einen achttägigen Hungerstreik. Der öffentliche Druck zeigte nachträglich Wirkung: Die Regierung verankerte 1956 in der neuen Verfassung erstmals das allgemeine Wahlrecht für Ägypterinnen und Ägypter. Während die Wahl für Männer verpflichtend war, mussten Frauen einen schriftlichen Antrag stellen, um überhaupt wählen zu dürfen. Zu dieser Zeit konnten in Ägypten fast 80 Prozent der Frauen weder lesen noch schreiben.
1957 trat Doria Shafik erneut in den Hungerstreik, diesmal gegen das inzwischen unter Gamal Abdel Nasser gefestigte autoritäre Regime. 18 Jahre durfte Doria Shafiks Name nicht in der ägyptischen Presse erscheinen. Ihre Publikationen wurden konfisziert, ihre persönlichen Papiere vernichtet, sie selbst unter Hausarrest gestellt. Kurz vor ihrem Tod 1975 flüsterte sie ihrer Tochter Jehane Ragai zu: „Ich hoffe, dass alles, was ich getan habe, nicht umsonst war“, so schildert es Ragai in einem Blogeintrag.
Heute sitzen ägyptische Frauen als Abgeordnete und Ministerinnen in dem Parlamentsgebäude, dessen Tore Doria Shafik einst stürmte. Ihr Anteil im Parlament liegt inzwischen bei knapp 28 Prozent.
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