Langjährige Partnerschaft und Polyamorie: Du und ich und das Dazwischen
Seit 38 Jahren ist unsere Autorin in einer Beziehung, obwohl Monogamie ihr nicht entspricht. Mit Mitte 60 stellt sie ihrem Mann ein letztes Mal diese eine große Frage.
E s ist Sommer, A. und ich sind im Urlaub. Drei Wochen zu zweit. Das gönnen wir uns jedes Jahr. Wir sind seit 38 Jahren zusammen, in ein paar Tagen ist unser 29. Hochzeitstag. Wir machen einen Spaziergang am Strand. Ich finde, es ist die Zeit für eine Frage, die mich beschäftigt, also frage ich: „Was hältst du davon, wenn wir es mal wieder mit einer offenen Beziehung versuchen würden?“ A. schweigt. „Darüber muss ich nachdenken“, sagt er dann.
Als unser Sohn vier Jahre alt war, haben wir es schon einmal probiert. Es war ein Desaster: schlechte Kommunikation, widerstreitende Gefühle, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Hätten wir das Experiment nicht abgebrochen, wäre unsere Beziehung vermutlich gescheitert. Seither sind 32 Jahre vergangen. Ich bin neugierig darauf, wie es heute wäre, mit dem Wissen und den Erfahrungen, die wir jetzt haben. Dabei ist es nicht so, dass A. mir nicht mehr gefällt, oder ich etwas in unserer Beziehung vermisse.
Wäre er ein Fremder für mich, fühlte ich mich von ihm angezogen. Ich würde ihn unbedingt kennenlernen wollen. Doch ich habe mich nie als monogamen Typ gesehen und hatte oft Sehnsucht nach einer offenen Beziehung. Trotzdem habe ich mit A. fast ausschließlich die Monogamie gelebt. Auch in schwierigen Zeiten habe ich nie an Trennung gedacht. Heute, mit 66 Jahren, frage ich mich, was uns über die vielen Jahre zusammengehalten hat und noch zusammenhält.
Die reine Gewohnheit?
Die Angst vor Veränderung?
Die Zeit?
Oder ist es das, was gemeinhin „Liebe“ genannt wird?
Die Antworten suche ich in A.s und meiner gemeinsamen Geschichte. Um unsere Privatsphäre zu schützen, gibt es inhaltliche Grenzen. Dazu gehört, dass ich Namen geändert habe und nicht über unsere Sexualität schreibe. So viel dazu: Wir sind gerne zusammen. Unsere Körper schenken sich Zärtlichkeit, aber es gibt auch Phasen des Rückzugs. Manchmal reicht es, zu kuscheln und die Nähe des anderen zu spüren.
Mit Mitte Zwanzig, in den Achtzigerjahren, entdecke ich die Lektüren von Doris Lessing, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und anderen. Die zweite Welle der Frauenbewegung prägt mein Selbstverständnis. In einer Frauengruppe diskutieren wir offen über Sexualität. Ich lerne „Nein“ zu sagen, wenn mein derzeitiger Freund Lust auf Sex hat, ich aber nicht. Von einem Mann erwarte ich Kooperationsfähigkeit und dass er stereotype Rollenbilder hinterfragt.
Damals halte ich die Ehe für eine Kapitulation vor dem System. Wieso sollte ich jemandem gehören oder jemand mir? Einen Mann „meinen“ Mann nennen? Ihm die ewige Treue halten? Das waren Symptome einer kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft. Einschränkend und besitzergreifend. Außerdem hatte ich keine guten Vorbilder. Meine Eltern trennten sich, als ich sechs war. Mein Vater heiratete noch zweimal, meine Mutter ließ sich auch vom zweiten Mann scheiden. Glückliche Ehen hielt ich für einen Mythos. Jede:r sehnte sich danach, zumindest suggerierten das die Medien. Aber im wirklichen Leben erreichte es niemand. Auch wenn viele so taten, als ob.
Dem gegenüber stand, dass ich zwar nicht heiraten, aber irgendwann Kinder haben und sie nicht allein großziehen wollte. Sie sollten ein stabiles familiäres Umfeld haben. So wie ich mir das als Kind für mich gewünscht hatte. Doch wie das funktionieren sollte, war mir ein Rätsel. Als A. und ich uns kennenlernen, studieren wir in Süddeutschland Kunsttherapie. A. ist 23 und ich 30, als unsere Affäre beginnt.
„Wenn du dir mit mir keine Kinder vorstellen kannst, beenden wir das hier gleich wieder“, sage ich, denn ich spüre, dass für mich langsam die Zeit drängt. A. guckt verdattert, zuckt mit den Achseln. Später sagt er, das Thema sei für ihn noch zu weit weg gewesen, um es ernst zu nehmen. Wir sind seit einem Jahr zusammen, als meine Regel ausbleibt. Der Schwangerschaftstest ist positiv. Ich warte auf den richtigen Moment, um es A. zu sagen. Wie wird er reagieren? „Ich bin schwanger“, sage ich schließlich. Wie immer in kritischen Momenten, sagt A. erst mal nichts. Dann streichelt er mein Gesicht. „Oh“, sagt er. Und: „Das kriegen wir hin.“
A. ist wie ich Einzelkind. Als Kind steht sein Wohl immer im Mittelpunkt. Seine Eltern leben in einer symbiotisch anmutenden Ehe, die erst mit dem Tod von A.s Mutter nach 53 Jahren ihr Ende findet. Nach der Scheidung meiner Eltern wachse ich bei meiner Mutter auf. Sie ist unermüdlich auf der Suche nach ihrem Märchenprinzen. Frustriert gibt sie es irgendwann auf.
Die große Liebe als Heilsversprechen? Betrug. Ich schwöre mir: Darauf werde ich nicht bauen. Gleichzeitig habe ich Sehnsucht nach jemandem, für den ich das Wichtigste auf der Welt bin. Der, anders als meine Eltern, bedingungslos für mich da ist.
Wir ziehen zusammen, unser Sohn kommt auf die Welt. Wir teilen alle anfallenden Aufgaben gleich zwischen uns auf. A. ist mit den Idealen der 68er Jahre groß geworden. Er kennt es, Verantwortung im Haushalt zu übernehmen. Er wechselt den Studiengang. Als Kunsterzieher wird er später ein gesichertes Einkommen haben – eine beruhigende Aussicht. Außerdem hofft er, in dem neuen Studium mehr Kunst machen zu können.
Doch statt mit seinen Studienkolleg:innen wilde Partys zu feiern und über Kunst zu diskutieren, wechselt er zu Hause die Windeln unseres Sohnes. Weil er so selten an der Uni ist, wissen manche der Studierenden nicht, dass er zu ihrem Semester gehört. Das tut weh. A. bindet das Tragetuch um und malt, das Baby vor den Bauch gespannt, im Wohnzimmer an der Staffelei. In Erziehungsfragen sind wir uns meistens einig. Es läuft gut zwischen uns.
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Aber auf die Dauer kann ich mir nicht vorstellen, immer nur mit einem Mann zusammenzusein. Dass es mir schwer fällt, treu zu sein, habe ich bereits in früheren Partnerschaften festgestellt. Mich nur auf eine Person zu konzentrieren, langweilte mich. Damals dachte ich: Wenn ich meiner großen Liebe begegne, lässt die Anziehung zu anderen Männern automatisch nach. Obwohl ich mit A. zum ersten Mal eine Übereinstimmung erlebe, die ich aus früheren Beziehungen nicht kenne, ziehen mich weiterhin auch andere Männer an.
In „Female Choice“ schreibt die Biologin Meike Stoverock, dass Frauen es bis zur Sesshaftwerdung der Menschen vor etwa 10.000 Jahren gewohnt gewesen seien, ihren Sexualpartner zu bestimmen. Um uneingeschränkten Zugang zu Sex zu bekommen, sich nicht in der Sexualkonkurrenz zu verausgaben und Besitztum und Erbe zu sichern, habe der Mann die Institution Ehe erfunden. Studien zu heutigen Langzeitbeziehungen zeigten, so Stoverock, dass Männer sich selten an der Vorstellung störten, ein Leben lang mit derselben Frau zu schlafen. Viele Frauen würden hingegen nach ein paar Jahren das sexuelle Interesse an ihrem Partner verlieren. Dass Frauen irgendwann ihren Mann nicht mehr begehrten, sei also ganz natürlich, schlussfolgert Stoverock.
Es ist nicht so, dass ich A. nicht mehr begehren würde. Aber ich finde es aufregend, dass in intimen Begegnungen Aspekte von mir zum Leben erweckt werden, die ich noch nicht kenne. Ich suche nicht aktiv nach neuen Erfahrungen mit Männern. Wenn sie sich ergeben, will ich sie mir nicht verbieten.
„Lass es uns mit einer offenen Beziehung versuchen“, schlage ich vor. A. widerspricht nicht. A. und ich leben in einem urbanen, alternativen Umfeld im Süden von Baden-Württemberg. Es sind die frühen Neunzigerjahre, die Atmosphäre ist offen und liberal. In unserem Umkreis bekennen sich einige, die ihre sexuelle Orientierung bislang versteckt hielten, zu ihrer Homosexualität. Doch das Konzept der Zweierbeziehung ist weiterhin die Norm. A. und ich kennen keine Menschen, die eine offene Beziehung praktizieren. In meinem näheren Umfeld erlebe ich, dass Seitensprünge im Geheimen stattfinden.
Aus dem Seitensprung wird eine romantische Verbindung
Als unser Sohn vier ist, beginnen W. und ich eine Affäre. W. ist aus unserem entfernten Bekanntenkreis. Wir gehen von Anfang an offen mit unserer Affäre um. Für meine freizügige Haltung ernte ich nur Unverständnis. „Riskiere nicht deine Beziehung. Denk an dein Kind“, rät eine Freundin.
Ich habe nicht vor, A. zu verlassen. Mich reizt nur das Neue. A. sehe ich nach wie vor als den idealen Partner. Dann gesellt sich in der Affäre mit W. die Verliebtheit dazu. Aus dem Seitensprung entsteht eine romantische Verbindung. Ohne es so zu benennen, weil ich den Begriff zu der Zeit noch gar nicht kenne, schlage ich A. und W. die polyamoröse Beziehungsform vor. A. und W. willigen ein.
Der Begriff Polyamorie („Mehrfachliebe“) wird erst in den Neunzigerjahren geprägt. Laut Duden ist hiermit eine „auf einer einvernehmlichen dauerhaften Liebesbeziehung von mehr als zwei Personen gründende, nicht eheliche Partnerschaft“ gemeint. Die Zustimmung der beteiligten Partner:innen ist die Voraussetzung – und eine offene Kommunikation.
Wir drei setzen uns nicht zusammen, um Vereinbarungen auszuhandeln. W. und ich stürzen uns mit A.s Erlaubnis in unsere Beziehung. „Einfach aushalten“, habe er gedacht, sagt A. in der Erinnerung an diese Zeit. Irgendwann würde die Affäre schon wieder vorbeigehen. Währenddessen leidet er, ohne viel zu sagen. Er will nicht um meine Aufmerksamkeit betteln.
Meine Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf W. als auf A. Dass A. für mich da ist, sehe ich als Selbstverständlichkeit. A. leidet angesichts meiner offensiv gelebten Beziehung mit W. und beginnt auch eine Affäre. Nun leide ich ebenfalls.
Im Rückblick frage ich A., was damals das zentrale Problem für ihn war. „Nicht die Eifersucht“, sagt A. „Sondern, dass ich von euch beiden ausgeschlossen wurde.“ Er war mit seinen Verlustängsten allein. In einer bewusst gelebten polyamorösen Situation, in der wir respektvoll und wertschätzend miteinander umgegangen wären, hätten sie Platz gehabt.
Die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz schreibt in „Warum Liebe weh tut“ über die Frage, wie Sexualität in einen Verhaltensbereich verwandelt werden könnte, der sowohl vom Gedanken der Freiheit als auch von ethischen Gesichtspunkten bestimmt ist. Sie plädiert dafür, den „Selbstausdruck durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten gegenüber anderen und ihren Gefühlen zu trennen“. Das ist mir damals nicht gelungen.
Dass unsere Partnerschaft ins Wanken gerät, beunruhigt A. und mich. Schließlich wollen wir unserem Sohn eine stabile Familiensituation bieten. Und unsere Beziehung retten. Wir gehen in eine Paarberatung. „Entweder W. oder ich“, verlangt A. nach ein paar Sitzungen. Er will unsere monogame Beziehung zurück und beendet seine Affäre. Ich weiß, dass ich A. verliere, wenn ich mich nicht von W. trenne. Das will ich nicht riskieren.
W. und ich sitzen in unserem Lieblingscafé in der Altstadt, als ich unsere Beziehung beende. Ich habe das Gefühl, versagt zu haben. Mein Ideal der offenen Beziehung ist gescheitert. Ich bin frustriert und traurig. Kurz nach unserer Trennung geht W. wieder eine Partnerschaft ein und kehrt ebenfalls zur Monogamie zurück.
Ist es die Vision einer glücklichen Familie, die A. und mich unser Experiment beenden lässt? Oder bleiben wir zusammen, weil wir uns lieben? Es ist, als befänden wir uns auf einer gemeinsamen Frequenz. Zwischen uns gibt es eine Art Grundrauschen, das nur wir beide wahrnehmen können. Aber es fällt uns schwer, offen über unsere Gefühle zu reden. Das war in meiner Kindheit auch nicht üblich. Der häufigen Aussage meiner Mutter „Hab dich lieb“, misstraute ich. Sie stimmte oft nicht mit ihrem Verhalten überein. Bis heute kommen mir verbale Liebesbekundungen kitschig vor. Auch in der bürgerlich-intellektuellen Umgebung in A.s Kindheit wurden Gefühle nicht benannt. Liebe zeigen, das geht – aber aussprechen?
Mit der Rückkehr zur Monogamie stellt sich bei mir ein Unbehagen ein. Zwischen A. und mir ist es angespannt: A. wünscht sich mehr Zärtlichkeit und Nähe, ich fühle mich bedrängt. Wir stoßen auf ein Buch des deutschen Psychotherapeuten Michael L. Moeller und beschließen, an unserer Beziehung zu arbeiten. Moeller empfiehlt die Methode des „Zwiegesprächs“. Abwechselnd erzählt jede:r fünfzehn Minuten von sich, ohne unterbrochen oder kommentiert zu werden. Wir verabreden uns regelmäßig und üben, über unsere Gefühle und Bedürfnisse zu reden. Die Wirkung ist beachtlich: Indem wir lernen, dem anderen vorurteilsfrei zuzuhören, kehrt allmählich Friede zwischen uns ein.
Als unser Sohn sieben ist, werde ich, dieses Mal geplant, wieder schwanger. Wir heiraten. Das kommt mir wie ein Verrat an meinen Überzeugungen vor, schließlich war ich immer gegen die Ehe gewesen. Aber jetzt ist es wichtiger, dass wir uns finanziell besserstellen. Außerdem hat A. durch die Heirat mehr Rechte für die Kinder. Wir sind uns einig: Mit einem zweiten Kind bekennen wir uns stärker zu unserer Beziehung als durch die Heirat. Ein Trauschein lässt sich auflösen, aber die Kinder werden uns ein Leben lang verbinden. Die Ehe verändert die Qualität unserer Beziehung, auch im Rückblick gesehen, nicht.
Unsere Tochter kommt auf die Welt. Inzwischen währt unsere Beziehung neun Jahre. Berufliche Orientierung, zwei Kinder – die Herausforderungen wachsen. Aber manchmal träume ich von einem Leben, in dem ich Single bin, und nicht Mutter und Partnerin. Wenn ich könnte, würde ich zwei parallele Leben führen.
A. hat Aussicht auf eine Stelle in T., 150 km entfernt von der Stadt, in der wir leben. Beim Vorstellungsgespräch sind ihm Schule und Team sympathisch. „Ohne mich“, sage ich und bin sauer, dass er umziehen will. Was habe ich davon, meine berufliche Perspektive in der Stadt aufzugeben und aufs Land zu ziehen? Dann gebe ich nach. Mit dem größeren Einkommen ist er der Hauptversorger. An seiner neuen Arbeitsstelle sollte er sich wohlfühlen. Außerdem habe ich ihm mit der polyamourösen Affäre ganz schön viel zugemutet. Er hat noch etwas gut bei mir.
Damit folge ich der „sozialen Austauschtheorie“, die besagt, dass Beziehungen auf einem Austausch von Ressourcen beruhen, bei dem Kosten und Belohnungen abgewogen werden. Solange die Belohnung größer ist als die Kosten, wird die Beziehung weitergeführt. Fehlt die Ausgewogenheit, droht die Beziehung zu scheitern. Mit dem Umzug investiere ich in die Beziehung. Aber richtig glücklich bin ich damit nicht.
Mit der finanziellen Hilfe von A.s Eltern kaufen wir ein Haus, in dem ich mich als Kunsttherapeutin selbständig machen kann. Aber wenn ich in mich hineinfühle, spüre ich den Stachel, gegen meinen Willen umgezogen zu sein. Im Dorf als „Frau Oberlehrerin“ angesprochen zu werden, weckt meinen Widerstand. Es ist, als müsse ich eine Rolle spielen, die nicht zu mir passt: die Ehefrau, die Kinder und Mann versorgt und aus Spaß nebenher Kunstkurse gibt. In mir rebelliert es. Ich bändele mit einem alten Freund an. Und frage mich, ob ich mich auf eine neue Affäre einlassen soll.
Wenn es mir zu eng wird, entwickele ich Fluchttendenzen
A. findet es heraus und konfrontiert mich mit unserer Abmachung: Nach der Affäre mit W. haben wir uns bewusst gegen die offene Beziehungsform entschieden. Zu anstrengend und zu bedrohlich für unsere Partnerschaft. Ich lenke ein und beende den Flirt. Und fühle mich A. gegenüber mies, der für unsere Familie sorgt, während ich darüber nachdenke, ihn zu betrügen. A. sieht, dass ich nicht glücklich bin, weiß aber nicht, wie er es ändern kann. Das macht ihn hilflos. Manchmal ärgert er sich auch. „Wir könnten es doch so schön zusammen haben“, sagt er einmal. „Warum bist du nicht einfach mal zufrieden?“ Die Antwort darauf weiß ich selbst nicht. Ich merke: Wenn es mir zu eng wird, entwickele ich Fluchttendenzen.
Unsere früheren Beziehungen, insbesondere die zu unseren Eltern oder zu anderen Hauptbetreuer:innen, beeinflusst unsere späteren Bindungsmuster. Laut „Bindungstheorie“ nach John Bowlby gehört A. zum „sicheren“ Bindungstyp. Das warme Familiennest, aus dem er stammt, richtet er auch mit den Kindern und mir ein. Ich hingegen erkenne mich im Typ „unsicher-vermeidend“ wieder. Wer darunter fällt, hat Angst davor, sich emotional abhängig zu machen und tut sich schwer, sich allzu tief auf eine enge Beziehung einzulassen.
Mein Vater, an dem ich sehr hing, kam und ging, wie es ihm passte. Meine Mutter schien manchmal zu vergessen, dass es mich gibt. Meine Erfahrung war: Enge Beziehungen tun weh. Besser ist es, sie zu meiden. A.s Beständigkeit hat auf meine Fluchttendenz eine günstige Wirkung. Auch wenn er meine Unzufriedenheit nicht versteht, steht er zu mir. So bekomme ich die Zeit, die ich brauche, um innerlich zurückzukehren. Und die Flucht zu beenden.
Ich beginne mein Hobby, das Schreiben, zu professionalisieren. Veröffentliche Artikel über kulturelle Veranstaltungen und übe mich in literarischen Texten. Was für A. die Bildende Kunst ist, wird für mich das Schreiben. Der Alltag stresst. A. und ich nehmen uns vor, mehr Zeit zu zweit zu verbringen. Wir machen einen Tanzkurs, verfassen zusammen ein Buch über Kunstpädagogik. Tauschen uns über unsere Projekte aus, geben uns gegenseitig Tipps. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Und dass uns irgendetwas zusammenhält, das über die Jahre gewachsen ist.
A. legt ein Sabbatjahr ein. Ein Jahr lang vergräbt er sich in seinem Atelier und betreut die Kinder, wenn ich arbeite. Eine gute Gelegenheit für mich, mich beruflich weiterzuentwickeln und das Schreiben voranzubringen.
Mit unserer fünfjährigen Tochter gehe ich für zwei Monate nach Australien. Ich bin in Melbourne geboren, mein Vater und andere Verwandte leben dort. A. kümmert sich so lange um unseren jugendlichen Sohn. Das Konstrukt funktioniert gut. A. und ich nehmen in Kauf, dass sich unser individuelles Wachsen in eine Richtung ausdehnen könnte, in der das Gegenüber nicht mehr vorkommt. Auch nach seinem Sabbatjahr handeln A. und ich immer wieder neu die Zeit aus, die jeder von uns braucht, um sich zu entfalten. Manchmal streiten wir uns auch darum. Wir ermutigen uns gegenseitig, in dem, was wir gern tun, besser zu werden, und Neues auszuprobieren. A. geht regelmäßig auf lange Meditationsseminare, ich auf Schreibworkshops.
In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung sinniert die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt, deren Mann Paul Auster vor zwei Jahren gestorben ist, über das „und“ zwischen ihr und Paul: „Paul und Siri, Siri und Paul. Und das „und (…)“ Zwischen ihnen habe sich über 43 Jahre etwas gebildet, das nicht identisch geblieben sei. Denn das „und“ sei ein Prozess, der sich ständig verändere und wandele, so wie auch die Menschen sich veränderten und wandelten.
Dieses Eigenleben des „Zwischen“ kennt auch meine Freundin P. Sie nennt ihn den „Beziehungsraum“, den sie zu ihrem Freund L. spürt. Zu L. hat sie eine liebevolle Verbindung, ohne dass diese erotischer Natur ist. „Ich sehe zwischen uns ein waberndes, sich veränderndes Objekt. Es schillert in den verschiedensten Farben, und auch die Textur sieht nie gleich aus. Die Form ist fast greifbar und sehr real“, sagt sie.
Das „und“ zwischen A. und mir wächst kontinuierlich. Im „und“ steckt die Essenz unserer gemeinsamen Erfahrungen – die auch dann spürbar ist, wenn wir uns nicht sehen. A. kennt mich von allen Menschen am besten. In dieser unberechenbaren Welt ist er mein Anker. Ist das meine Definition von Liebe: sich bei jemandem geborgen und sicher zu fühlen? Umsorgt und verstanden? Oder gehört noch mehr dazu?
Wir verwechselten oft Fürsorge und Zuneigung mit Liebe, schreibt bell hooks. Liebe aber beinhalte viel mehr. Sie bestehe zudem aus Anerkennung, Respekt, Verantwortung, Hingabe und ehrlicher Kommunikation. Wenn wir lieben, ermutigen wir unser Gegenüber darin, emotional, intellektuell und spirituell zu wachsen.
Ein paar Jahre später zieht unser Sohn von zu Hause aus und beginnt ein Studium. A. will sich wieder intensiver dem Kunstschaffen widmen, als Lehrer hat er zu wenig Zeit dafür. Er bekommt die Zusage für einen Platz in einer Künstlergemeinschaft in Neuseeland. Ich bin auf die fremde Kultur neugierig. Und freue mich auf weitere Besuche bei meiner australischen Familie. In Neuseeland macht A. Kunst, ich schreibe. Unserer Tochter gefällt vor allem der Outdoorunterricht. Besonders fasziniert bin ich von den Lebensweisen meiner neuen Freundinnen: Eine lebt in einem Tinyhaus mit Blick aufs Meer, eine andere auf einem selbst gerodeten Stück Regenwald, die dritte hat ein Faible dafür, Durchreisende zu beherbergen. Bei ihr ist immer etwas los. Es sind autarke, kreative Frauen, die ein zufriedenes Leben ohne Partner führen. Zurück in Deutschland eröffne ich A., dass ich nach Neuseeland zurückkehren möchte.
Vier Monate lang will ich an der Gemeinschaft meiner neuen Freundinnen teilhaben. Aber dieses Mal allein, da A. wieder arbeiten muss. „Ich halte dich nicht zurück“, sagt er. A. ist es gewohnt, dass ich ab und zu für ein paar Wochen zu meiner Familie nach Australien fliege. Aber nie für so lange. Er hat Vertrauen darin, dass ich zurückkommen werde.
Unsere Tochter ist wütend, sie beschwert sich: „Und uns lässt du hier einfach allein zurück!“ Ich gehe trotzdem. Die Verbindung zwischen A. und mir ist wie ein Gummiband, das sich im Laufe der Zeit gebildet hat. Immer wieder zieht uns das Band, kurz bevor es zerreißt, wieder zusammen. Vielleicht, weil jeder etwas nachgibt.
Mit meinen neuseeländischen Freund:innen besuche ich Kreativworkshops, wir campen draußen, reden viel. Ich sehe, dass ich das Leben auch ohne A. managen und genießen kann. Das ist beruhigend zu wissen. Schließlich könnte es sein, dass ich eines Tages ohne ihn leben muss; er könnte sich von mir trennen oder vor mir sterben. Aber mit ihm zusammen ist es schöner. Unsere Vertrautheit und unseren Austausch kann niemand ersetzen. Ich kehre erfüllt, aber mit Vorfreude auf meine Familie, nach Deutschland zurück.
„Wie habt ihr es geschafft, euch nicht zu entfremden“, fragt meine Freundin T. Sie kann sich nicht vorstellen, länger als eine Woche von ihrem Partner getrennt zu sein. Sie glaubt daran, dass es eine Art Körpergedächtnis gibt, das sich bei einer Trennung regt. Ihrer sende Signale des Unbehagens aus, wenn er sich nach seinem Pendant, dem anderen Körper, sehne. „Fast wie ein physischer Entzug“, sagt sie.
Für T.s Erfahrung gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Durch zärtlichen Körperkontakt wird in unserer Hirnanhangsdrüse das Hormon Oxytocin gebildet, auch Bindungshormon genannt. Oxytocin aktiviert das Belohnungssystem und stärkt so die Bindung zwischen den Liebespartner:innen – und damit die Monogamie. Das Belohnungssystem ist bei fehlender Oxytocin-Ausschüttung unterstimuliert und damit quasi auf Entzug. „Wie haltet ihr es aus, dauernd so eng zusammen zu sein“, frage ich T. Für meine Oxytocin-Produktion ist ab und zu Abstand zu A. notwendig. Es macht mir Spaß, Sachen zu unternehmen, bei denen A. nicht dabei ist. Wenn wir uns dann wiedersehen, nehme ich seine Attraktivität bewusster wahr. Wir schlafen unter der Woche getrennt. Eine gute Lösung, da wir unterschiedliche Biorhythmen haben. An den Wochenenden genießen wir es dann, das Bett zu teilen. Wir stellen fest: Im Laufe der Zeit rücke ich A. näher, während er gelernt hat, mir mehr Abstand zu lassen. Das Gelingen unserer Beziehung hat viel mit dem richtigen Verhältnis von Nähe und Distanz zu tun.
Unsere Tochter ist mittlerweile 28. Am Telefon frage ich sie, wie sie uns, ihre Eltern, als Paar wahrnimmt. „Ich finde es gut, wie ihr euer Leben organisiert“, sagt sie. Es gefalle ihr, dass wir einerseits gern Zeit zusammen verbrächten, andererseits jeder eigene Freund:innen und Interessen habe. An ihre Wut auf mich, als ich allein nach Neuseeland zurückging, erinnert sie sich nicht mehr.
Viele Paare nutzen nur einen Bruchteil ihres Liebespotenzials, schreibt der Psychologe Jörg Berger. Wenn das Verliebtheitshoch vorbei ist und die erotische Anziehungskraft nachlässt, sollte Aufbauarbeit betrieben und das Gegenüber mit Geduld und Neugierde kennengelernt werden. Nur so könne die Beziehung auf lange Dauer Beständigkeit und Tiefe erfahren. Das klingt einfacher, als es ist. A. und ich hatten Zeiten, in denen es mit der Neugier aufeinander nicht weit her war. Und mit der Geduld erst recht nicht. Aber die Phasen gingen vorbei.
„Was führt uns eigentlich immer wieder zusammen“, frage ich A.. Wir zählen auf: Das Zusammensein als Familie. Gemeinsame Interessen wie Kunst und Reisen. Unser soziokulturelles Engagement. Unser Weltbild, die politische Haltung. Und dass wir immer im Gespräch bleiben.
A. hat eine Verbindung zu Teilen meiner Selbst, die durch das Zusammensein mit ihm gereift sind. Ohne unsere Beziehung wäre ich heute vermutlich eine andere Person.
„Was magst du an mir am meisten?“
A. und ich liegen faul am Strand. Es ist sogar zu heiß, um ein Buch zu lesen. „Was magst du an mir am meisten?“, frage ich. A. überlegt nicht lange: „Deine Offenheit“, sagt er. Durch sie erfahre er mehr über sich und die Welt, als es vermutlich ohne mich der Fall wäre. Und er möge meinen Humor. Mir falle immer ein, wie ich ihn aufmuntern könne, wenn er schlecht drauf sei. Was mir zu ihm einfällt? „Dass du meine Ambivalenzen aushältst“, sage ich. Und, um mit Nietzsche zu sprechen: Mir gefällt, dass A. kontinuierlich damit beschäftigt ist, der zu werden, der er ist. Er fordert viel von sich. Es wird mir mit ihm nie langweilig.
Seit meiner Allein-Tour nach Neuseeland sind 12 Jahre vergangen. A. und ich haben keine größere Krise mehr in unserer Beziehung erlebt. Ich bin gesund und aktiv. Aber wie lange noch? Ich weiß, dass sich das schnell ändern kann. Manchmal stelle ich mir die Frage, was ich noch erleben möchte, bevor es zu spät ist.
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Der Urlaub geht dem Ende zu. A. und ich machen eine Flusswanderung. Zwischendrin springen wir ins kalte Wasser. Danach ruhen wir uns auf den warmen Steinen aus. „Ich habe über deine Frage nachgedacht“, sagt A. Ich sage nichts, warte gespannt. Ob er bereit ist, unsere Beziehung zu öffnen? „Wenn du dich auf jemanden einlässt, sollte ich es auch tun. Damit es nicht zu einer Schieflage kommt“, sagt er. Er ist noch nicht fertig: „Aber mir ist nicht danach. Du genügst mir.“
Die Antwort ist also nein. Leichtes Bedauern steigt in mir auf. „Schlimm“, fragt er. Ja und nein. Es ist schlimm und erleichternd zugleich. Keine Aussicht auf neue Erfahrungen. Aber auch keine schwierigen Herausforderungen. Die Unruhe, die mich umtreibt, wird vorbeigehen. Und wiederkommen. Aber sie auszuhalten ist mir lieber, als ohne A. zu sein. Wir bleiben in unserer Komfortzone. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.
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