Stadtbäume unter Druck: Zwischen Klimakrise und Beton
Bäume tragen dazu bei, dass Städte auch in Zeiten der Klimakrise lebenswert bleiben. Es wird allerdings schwerer, den Bestand zu erhalten.
epd | Freiwillig würden sich Bäume den Standort zwischen hohen Häusern und Straßen wohl nie aussuchen: verdichteter Boden, Feinstaub, Versiegelung, Baustellen und Autos, die auf ihren Wurzeln parken. Hinzu kommen steigende Temperaturen durch die Klimakrise. Straßenbäume in Großstädten stehen zunehmend unter Druck. „Es wird schwerer, unseren Bestand weiterhin so zu erhalten“, sagt Torsten Melzer, Straßenbaum-Manager der Stadt Hamburg. Dieser Frühling beispielsweise sei bisher viel zu trocken. „Zum Glück hatten wir im Winter viel Schnee und das Grundwasser befindet sich aktuell auf unbedenklichem Niveau“, sagt der Biogeograph.
Das Grün sorgt dafür, dass Städte in Zeiten des Klimawandels lebenswert bleiben. Städte heizten sich besonders auf, aber unter Bäumen herrsche ein angenehmes Mikroklima, erklärt Melzer. „Das Zusammenspiel aus Schatten und Verdunstungskälte wirkt wie eine grüne Klimaanlage.“ Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ergab, dass Bäume eine Stadt im Sommer um durchschnittlich zehn Grad Celsius herunterkühlen können. Das könnte Leben retten, denn geschwächte und alte Menschen leiden besonders unter der Hitze.
Kostenlose Ökosystemleistung
Außerdem produzieren Straßenbäume Sauerstoff, filtern Schadstoffe und verbessern die Luftqualität, wie der Naturschutzbund (Nabu) Hamburg informiert. Sie bieten Schatten, schützen vor Wind, halten Lärm ab und sind Lebensraum für Tiere. „Bäume liefern all diese Ökosystemleistungen kostenlos“, sagt Katharina Schmidt, Referentin für Stadtnatur.
Welche Vorteile zusätzliches Grün für die Stadtbevölkerung haben kann, zeigt das Online-Tool „Stadtgrün wertschätzen“ des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Für 23 große deutsche Städte lässt sich die Leistung des Grüns berechnen. Was wäre etwa, wenn eine Stadt wie Hamburg die Zahl der Straßenbäume von aktuell sechs auf zwölf pro 100 Meter verdoppeln würde? Durch Luftreinhaltung oder Kohlenstoffregulation summiert sich nach den Berechnungen des IÖW die zusätzliche Ökosystemleistung der Bäume auf mehr als 42 Millionen Euro pro Jahr.
Alte Bäume sind praktisch nicht ersetzbar
In Hamburg kontrollieren Straßenbaum-Manager Melzer und sein Team die Stadtbäume regelmäßig: „Wie bei einer Krankenakte dokumentieren wir jeden einzelnen Baum in einem Baumkataster“, erläutert Melzer. Seit 2018 steigt ihre Zahl, aktuell gibt es rund 230.000 Straßenbäume in Hamburg, der älteste ist eine 305 Jahre alte Stiel-Eiche in Othmarschen. Für sein Stadtbaum-Management wurde Hamburg 2025 vom Europäischen Baumpflegerat mit dem Preis „Europäische Stadt der Bäume“ geehrt.
„Altbäume sind praktisch nicht ersetzbar“, sagt Melzer. Sie hätten es geschafft, ihr Wurzelsystem weit auszubreiten und könnten Trockenperioden für eine gewisse Zeit gut überstehen. Wassermangel schade vor allem Jungbäumen, die noch ein Wurzelgeflecht ausbilden müssten.
„Je älter ein Baum, desto mehr leistet er“, erklärt Biologin Schmidt. Eine 80 Jahre alte Linde bilde jährlich 89.000 Liter Sauerstoff und binde 160 Kilogramm CO2 – eine 20 Jahre alte Linde bilde dagegen nur 10.000 Liter Sauerstoff und binde 18 Kilogramm CO2. Für einen gefällten Altbaum mit einer 20 Meter großen Krone brauche es etwa 400 neue Jungbäume, um den Verlust auszugleichen, heißt es in einer Studie der Technischen Universität Dresden.
Mehr Artenvielfalt
Die meisten Straßenbäume wie Linden, Ahorne oder Eichen sind vor Jahrzehnten in großen Zahlen gepflanzt worden. Melzer: „Sie galten damals als ideale Stadtbäume.“ Ob das in Zukunft so bleibt, sei angesichts immer neuer Schädlinge oder Krankheiten ungewiss. Die rotblühende Rosskastanie habe sich bereits vom Hoffnungsträger zum Problembaum gewandelt: Wurde sie vor Jahren wegen ihrer Widerstandskraft gegen Miniermotten als Zukunftsbaum gefeiert, ist die Euphorie längst vorbei: „Durch ein eingeschlepptes Bakterium stirbt bei dieser Kastanienart die Rinde ab“, erklärt Melzer.
„Viele verschiedene Arten zu pflanzen, macht Bäume widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge“, sagt er. Aktuell wachsen an Hamburgs Straßen 320 Baumarten. Neben den bekannten Arten wie Eiche, Ahorn, Hainbuche und Platane setzt die Stadt auf klimaresistente Gattungen wie Amberbaum oder Zelkove. Dabei appellieren Naturschützer, nicht zu exotisch zu werden. „Es sollten Baumarten aus Europa sein, die auch auf natürlichem Wege einwandern könnten“, sagt Schmidt. Bei Arten aus Übersee sei das Risiko größer, dass diese keine ökologischen Funktionen wie Lebensraum und Nahrung für heimische Tiere böten.
Menschen sind da weniger wählerisch: Jeder Baum macht glücklich. Laut Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sind Menschen weniger depressiv, wenn sie Bäume vor der Tür haben. Und viele setzen sich für „ihre“ Bäume ein. In Hamburg beispielsweise demonstrieren viele Leute gegen Abholzungen, gießen Jungpflanzen und spenden, wie Melzer erzählt: „Im vergangenen Jahr waren es rund 70.000 Euro für neue Bäume.“ Damit die Zukunft grüner wird.
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