Regierungskrise in UK: Streeting macht den ersten Schritt
Wes Streeting tritt als Gesundheitsminister zurück. Es wird erwartet, dass er nun Keir Starmer als Labourchef herausfordert.
„Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes“, schreibt der britische nun Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting am Donnerstag in einer langen Rücktrittserklärung, „sind Nationalisten in jeder Ecke des Vereinigten Königreichs an der Macht“. Der 43-Jährige warnte mit Blick auf die Regionalwahlen in der vergangenen Woche insbesondere vor einem „gefährlichen englischen Nationalismus“ von den Rechtspopulisten von Reform UK um Parteichef Nigel Farage. Und Labourchef und Premierminister Keir Starmer, so Streeting, sei nicht in der Lage, dem Rassismus mit einer überzeugenden politischen Idee zu begegnen.
Streetings Rücktritt, so wird im politischen London erwartet, könnte lediglich ein erster Schritt sein, um danach Starmer um den Vorsitz der Labourpartei herausfordern zu können. Mit dem Posten des Parteichefs ist auch der des Premierministers verbunden. Streeting, der seinen Wahlkreis in Ilford North in Ostlondon hat, braucht 80 Labourabgeordete – 20 Prozent der Fraktion –, um Starmer in einer Urabstimmung herausfordern zu können. Auch andere Kandidat:innen könnten sich dann zur Wahl aufstellen lassen. Offiziell sagte Streeting am Donnerstag lediglich, die Partei brauche jetzt einen „Kampf der Ideen“ mit den „bestmöglichen Kandidaten“.
Streeting wird schon lange als potenzieller zukünftiger Parteiführer gehandelt. Nicht allen sagt Streeting zu, da er ein starker Gegenspieler des einst populären Ex-Labour-Chefs Jeremy Corbyn war, der unter anderem mit seiner Pro-Palästina-Haltung polarisiert hat.
Streeting hat ein Geschichtsstudium an der renommierten Cambridge University absolviert – doch er betont selbst gerne seine Herkunft aus der Arbeiterklasse. Er wuchs in prekären Verhältnissen in Ostlondon auf. Seine Mutter war 18, sein Vater 17, als er auf die Welt kam. Beide trennten sich gleich danach, kümmerten sich aber weiter gemeinsam um das Kind. Ein Großvater soll sehr belesen gewesen sein, saß aber wegen Raubdelikten oft hinter Gittern. Streetings Großmutter mütterlicherseits war eine sozialistische Aktivistin und machte ebenfalls Bekanntschaft mit dem Gefängnis. Sein Großvater väterlicherseits war hingegen ein Veteran des Zweiten Weltkriegs und klassischer Tory-Wähler aus dem Arbeitermilieu.
Wortegewandt, selbstbewusst, ambitioniert
Streeting ist praktizierender Anglikaner und lebt offen schwul. Sein langjähriger Partner Joe Dancey ist ebenfalls Labourpolitiker. Streetings Auftreten ist wortgewandt, selbstbewusst und ambitioniert. Jahrelang war er in der Studentenvertretung tätig, zunächst in Cambridge, später als Präsident der National Student Union. Später war er bei der LGBTQ+-Organisation Stonewall aktiv. Transaktivist:innen kritisieren ihn dafür, dass er nur das biologische Geschlecht anerkenne.
2021 wurde Streeting Labourbeauftragter für Gesundheit. Persönlich erlitt er einen Schicksalsschlag, als er beinahe zeitgleich zu seinem Amtsantritt mit Nierenkrebs diagnostiziert wurde. Ein operativer Eingriff entfernte das Geschwür erfolgreich und so wurde er 2024 Gesundheitsminister unter Keir Starmer, vor allem mit dem Auftrag, die Wartelisten für Behandlungen im nationalen Gesundheitssystems herunterzuschrauben.
Sollte Streeting Starmer herausforden, wäre das nicht ungefährlich für ihn. 2024 lagen zwischen ihm und der unabhängigen Pro-Gaza-Kandidatin Leanne Mohamad in seinem Wahlbezirk bei den Parlamentswahlen nur 528 Stimmen. Sicher war sein Einzug ins Unterhaus also nicht. Zudem ist da sein früherer Kontakt zu Peter Mandelson, der als ehemaliger britischer Botschafter in den USA in den Skandal um die Epstein-Akten verwickelt ist. Streeting und Mandelson waren politische Weggefährten.
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