Sexualisierte Gewalt gegen Palästinenser: Meinung mit Methode
Ein Meinungsbeitrag der „New York Times“ erhebt sensationelle Vorwürfe gegen Israel. Doch die Quellen sind dubios – und die Form des Textes falsch.
A m Montag ließ die New York Times eine publizistische Bombe platzen. „The Silence That Meets the Rape of Palestinians“, so lautet die Überschrift des Meinungsbeitrags vom Kolumnisten Nicholas Kristof. Darin beschreibt er im schaurigen Detail die Vorwürfe palästinensischer Gefangenen, die von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen berichten.
Wie Kristof selbst schreibt, gibt es keine Belege dafür, dass die israelische Regierung Vergewaltigungen anordnet. Der Meinungskolumnist berichtet aber in Berufung auf 14 Palästinenser und Palästinenserinnen von zahlreichen alarmierenden Fällen.
„Viele berichteten, dass ihnen oft an den Genitalien gerissen wurde oder sie Schläge auf die Hoden erhielten“, schreibt er. „Mit Handmetalldetektoren wurde zwischen den nackten Beinen der Männer gesucht, und diese Geräte wurden ihnen dann gegen die Genitalien geschlagen.“ Auch die taz hat von ähnlichen Fällen sexualisierter Gewalt berichtet. Ein freier Journalist sagt der New York Times, er sei mit einem Gummiknüppel und einer Karotte vergewaltigt worden.
Ein brisantes Detail sorgt nun für heftige Kritik an Autor und Zeitung. Kristof beruft sich auf einen anonymen Journalisten aus Gaza, der davon erzählt, wie er von einem Hund auf Kommando vergewaltigt worden sei. Verifizieren lässt sich das bislang nicht. Einige tiermedizinische Experten halten es für äußerst unwahrscheinlich, dass Hunde so trainiert und eingesetzt werden können.
Absurde Anschuldigungen
Viele der besorgniserregendsten Vorwürfe im Text stammen außerdem von der Genfer NGO „Euro-Med Human Rights Monitor“, deren Gründer und Vorsitzendem Ramy Abdu vorgeworfen wird, zahlreiche Verbindungen zur Hamas zu pflegen.
Euro-Med erhebt seit Jahren teils absurde, unbelegte Anschuldigungen gegen Israel – etwa Organraub. Über den Hundevergewaltigungsvorwurf berichtete Euro-Med bereits in einem 2024 erschienenen Bericht und behauptet, das Problem sei „systematisch“.
Weitere zitierten Quellen im Meinungsbeitrag der New York Times werfen Fragen auf: Einige haben bereits in der Vergangenheit öffentlich über ihre Haftbedingungen gesprochen, jedoch mit auffällig abweichenden Details und teils erheblichen Widersprüchen. Das heißt nicht, dass ihre Geschichten nun ausgedacht sind, sondern dass sie möglichst verifiziert und gründlich auf Ungereimtheiten überprüft werden müssen, wie bei jeder anderen journalistischen Recherche auch.
Dass Palästinenser Vorwürfe sexueller Übergriffe erfunden haben könnten, um Israel zu diffamieren, hält Kristof für „weit hergeholt“. Gleichzeitig haben einige seiner Quellen sich durchaus positiv zur Hamas geäußert. Auch das heißt nicht, dass sie hier nicht die Wahrheit sagen. Es liefert jedoch einen zusätzlichen Grund, kritisch weiter zu recherchieren.
Ablenkung vom eigentlichen Thema
Das Timing des Meinungsbeitrags wird vielfach kritisiert: Am nächsten Tag erschien ein länger geplanter ausführlicher Bericht der israelischen „Civil Commission on October 7 Crimes Against Women and Children“, geleitet von der Menschenrechtsexpertin Cochav Elkayam-Levy. Dieser dokumentiert die systematische Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt der Hamas und ihrer Verbündete in Israel am 7. Oktober 2023.
Ein Sprecher der New York Times dementiert, dass die Veröffentlichung des Berichts Einfluss auf den Erscheinungstermin des Meinungsbeitrags hatte. Meinungskolumnist Kristof nutzt aber zumindest die sexualisierte Gewalt der Hamas und Co als Aufhänger seines Textes, um den Fokus auf die Behandlung palästinensische Inhaftierten zu lenken.
Damit haben die New York Times und Nicholas Kristof dem eigentlichen Thema einen Bärendienst erwiesen. Und mit vermeidbaren journalistischen Angriffsflächen von ihm abgelenkt. Gegen Vorwürfe der Folter, sexualisierten Gewalt und Vergewaltigung in israelischen Gefängnissen gegen Palästinenser muss mit Hochdruck ermittelt werden. Die Aufgabe des Journalismus heißt, dazu investigativ zu recherchieren.
Doch schon die Form des Textes ist hier fehl am Platz. Das Thema ist zu wichtig, zu heikel, zu gravierend für einen Meinungsbeitrag von einem einzigen Meinungskolumnisten. In US-amerikanischen Redaktionen sind das Meinungsressort und die Nachrichtenredaktion streng getrennt. Und Meinungstexte sind eben von der Meinungsfreiheit geschützt und unterliegen niedrigeren Fact-Checking-Hürden als journalistische Berichte.
Man fragt sich: Warum hat das Jerusalemer Büro oder das Investigativressort der Zeitung nicht zu den Vorwürfen recherchiert? Und werden sie das jetzt tun?
Nun reagieren einige Zeitungen mit eigenen Meinungsbeiträgen zur Causa. „Solche Vorwürfe sind schwerwiegend und erfordern gründliche Untersuchungen und eine sorgfältige Berichterstattung“, schreibt Rachel O’Donoghue vom Jerusalemer Medienblog „HonestReporting“ im Wall Street Journal. „Mr. Kristofs Kolumne wird diesem Anspruch nicht gerecht. Stattdessen stützt sie sich auf ein Flickwerk aus Auslassungen, zweifelhaften Quellen und immer reißerischeren Anschuldigungen, die eher dazu dienen, Israel zu verteufeln, als aufzuklären, was tatsächlich geschehen ist.“
Doch mit einem Kampf der Repliken ist es auch nicht getan. Sondern mit Recherche frei von Meinung.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert