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Gewalt am Jerusalem-TagSpucken, schubsen, provozieren

Nationalreligiöse Israelis ziehen zum Jahrestag der Eroberung Ostjerusalems durch die Altstadt. Aktivisten stellen sich schützend vor palästinensische Bewohner.

Sie fordern den Bau des dritten Tempels: Nationalreligiöse Israelis bei dem von Gewalt geprägten Flaggenmarsch Foto: Leo Correa/ap

„Das erste, was man sieht, wenn man in Jerusalem ankommt, ist wie leer die Straßen von Palästinensern sind“, sagt Itamar Avneri. Mit der Graswurzelbewegung Standing Together ist er an diesem Donnerstag und Freitag in Jerusalem unterwegs. Der Anlass: Der jährlich begangene Jerusalem-Tag, bei dem Zehntausende, vor allem junge nationalreligiöse Israelis im Rahmen eines Flaggenmarsches durch die Altstadt ziehen. Dieser Marsch geht mit Ausschreitungen und Gewalt einher, vor allem gegenüber den palästinensischen Bewohnern der Stadt. Die Mission also: Protective Presence. Das bedeutet: Aktivisten schützen eine gefährdete Bevölkerungsgruppe – in diesem Fall Palästinenser in Jerusalem – vor einer anderen Gruppe – den durch die Straßen ziehenden Rechten – durch ihre bloße Anwesenheit.

Der Jerusalem-Tag beginnt nach dem jüdischen Kalender in diesem Jahr am Donnerstagabend und dauert bis zum Freitagabend an. Dabei erinnern Israelis an den 7. Juni 1967, als das israelische Militär Ostjerusalem und damit auch die Altstadt von der jordanischen Armee einnahm. Später annektierte Israel das Gebiet. In der Altstadt befindet sich unter anderem einer der heiligsten Orte des Judentums, die Klagemauer. Aber auch der Al-Aqsa-Komplex, die drittheiligste Stätte im Islam, der auf einem Plateau, dem für Juden heiligen Tempelberg, oberhalb der Klagemauer thront. Und die für Christen wichtige Grabeskirche.

Viele palästinensische Geschäfte in Jerusalem, vor allem in der Altstadt, bleiben an diesem Donnerstag gleich ganz geschlossen, andere sperren früher als sonst ihre Türen zu. Der Flaggenmarsch beginnt am späten Nachmittag. Nach Angabe der Times of Israel hatten Geschäftsleute im muslimischen Viertel der Altstadt ihre Geschäfte auf Geheiß der israelischen Behörden geschlossen.

Der Jerusalem-Tag, sagt Aktivist Avneri, „ist ein Tag der Gewalt, des Rassismus und der Pogrome“. Jugendliche Siedler liefen bereits am Donnerstagmorgen durch die Altstadt und provozierten die Bewohner. „Sie verfluchen Araber und linke Aktivisten und singen Lieder gegen sie“, sagt er. Videos in den sozialen Medien zeigen die Gesänge und Rufe: „Möge euer Dorf brennen“, „Tod den Arabern“ und „Mohammad ist tot“, mit Referenz auf den muslimischen Propheten. Sie kleben Sticker, in denen die Besiedelung Gazas gefordert oder die Todesstrafe für Palästinenser zelebriert wird.

„Der Tempelberg ist in unserer Hand“

Ebenfalls noch vor dem offiziellen Beginn des Jerusalem-Tags zog an diesem Donnerstag der rechtsextreme Minister für Innere Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, auf den Tempelberg, auf das Gelände der Al-Aqsa-Moschee. Dort posierte er mit einer israelischen Fahne direkt vor dem Felsendom. Dieser ist auch wegen seiner Optik – den blau-weiß-gelben Fliesen und dem goldenen Dom – berühmt. Die Times of Israel zitiert Ben-Gvir: Man habe „die Kontrolle“ über den Ort „dank Entschlossenheit und Abschreckung“ wieder hergestellt. Und: „Der Tempelberg ist in unserer Hand“.

Es ist an der Zeit, alle Moscheen abzureißen und mit dem Bau des Tempels zu beginnen

Yitzhak Kroizer, israelischer Politiker, auf Facebook

Begleitet wurde Ben-Gvir von seinem Parteikollegen Yitzhak Kroizer. Der sprach auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee auch ein Gebet. Das ist Juden eigentlich verboten, gilt doch ein historischer Status quo, nach dem nur Muslime dort beten dürfen. Dieser wird aber immer mehr aufgeweicht, die auf dem Tempelberg stationierte Polizei lässt vermehrt jüdische Gebete zu. Kroizer schrieb später auf Facebook: „Es ist an der Zeit, alle Moscheen abzureißen und mit dem Bau des Tempels zu beginnen.“ Auch viele der Protestierenden tragen Fahnen bei sich, auf denen der Bau des dritten Tempels gefordert wird. Wo einst der zweite Tempel stand, steht aber nun der Al-Aqsa-Komplex.

Seit drei Jahren komme Standing Together am Jerusalem-Tag in die Stadt, erzählt Itamar Avneri. Insgesamt über 300 seien es in diesem Jahr. In den vergangenen Jahren habe die Organisation an Protesten und Demonstrationen gegen den Flaggenmarsch teilgenommen, dann aber erkannt, dass es am wichtigsten sei, die Bewohner selbst zu schützen.

Unten an der Klagemauer ein Meer von Feiernden, oben auf dem Plateau der Felsendom: In Jerusalem liegt alles nah beinander Foto: Ilan Rosenberg/reuters

Spucken, schubsen, provozieren

Denn: Jedes Jahr werde es schlimmer am Jerusalem-Tag, sagt Kegham Balian. Der armenische Schriftsteller aus Jerusalem setzt sich für sein Viertel und dessen Bewohner ein. Das armenische Viertel ist neben dem jüdischen, dem christlichen und dem muslimischen eines von vier Vierteln in der Altstadt.

Neben den rassistischen, anti-palästinensischen Gesängen kommt es auch immer wieder zu tätlichen Angriffen. „Das dauernde Spucken“, nennt etwa Balian. Mehr als ein Dutzend solcher Fälle habe man beobachtet, die Dunkelziffer sei höher. „Sie durchqueren das armenische Viertel, betrachten die Schriftzeichen und Symbole und spucken“, sagt er, etwa auch auf armenische Priester, Gemeindemitglieder, Kirchen. „Ich frage: Wie viele Armenier bespucken Juden? An ihren höchsten Feiertagen ziehen Hunderttausende von ihnen durch das armenische Viertel zur Klagemauer. Wie viele von uns spucken? Niemand.“

Nahost-Konflikt

Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Schon vor Beginn des Flaggenmarsches wurden Journalisten in der Altstadt angegriffen, ein Reporter wurde angespuckt, die Täter versuchten, ihm sein Handy zu stehlen. Im christlichen Viertel randalierte eine Gruppe junger Protestierender, es flogen Stühle.

Auch Itamar sagt: Nach vielen Stunden des Beschimpft-, Bespuckt- und Geschubstwerdens bräuchten die Aktivsten von Standing Together eine Pause. „Die Gefahr für uns ist aber geringer als für die Bewohnerinnen und Bewohner, deswegen entscheiden wir uns, dort zu sein“. Dreizehn Menschen wurden am Donnerstag im Rahmen des Jerusalem-Tags festgenommen, berichtet die Times of Israel.

Und der armenische Schriftsteller Balian sagt: „Der Hass, der in die Köpfe dieser jungen, beeinflussbaren, unschuldigen Kinder gesät wird, wird jahrelang schwelen und schließlich mit einer Kugel in einem Menschen enden. Das ist das eigentliche Verbrechen“.

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