1.548 Tage Krieg in der Ukraine: Die Kinder des Krieges
Alljährlich finden in der ganzen Ukraine militärisch-patriotische Spiele für Jugendliche statt. Ein Besuch bei einem Camp im westukrainischen Dubno.
A uf einer Rasenfläche im Park von Dubno, einer kleinen Stadt in der Westukraine, haben Jugendliche ein Zeltlager errichtet. Sie tragen Militäruniformen. Neben den Zelten sehe ich Waffenattrappen. Es sind hölzerne Kalaschnikows. Einige singen, andere hören den Kommandeuren zu, wieder andere verfolgen mit Tourniquets in der Hand den Unterricht in taktischer Medizin. Als sie mich, in der Uniform der Nationalgarde, bemerken, grüßen sie mich respektvoll nach militärischer Art.
Es ist der letzte Tag der „Dzhury“-Spiele in Dubno, einem landesweit jährlich stattfindenden Spiel, das ukrainische Jugendliche im Sinne der Kosakentraditionen und des Patriotismus erzieht. Verschiedene Klassen aus Schulen eines Ortes treten dabei gegeneinander an. Die Teilnehmer erwerben Fähigkeiten in der militärischen Ausbildung, sie lernen, wie man richtig ein Lager aufschlägt und nehmen an Sportwettkämpfen und Quizspielen teil.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Die „Dzhury“ waren einst junge Gehilfen der Kosaken – ukrainische Ritter, die ihre Heimat verteidigten. Ihre Nachfahren tun dreihundert, vierhundert Jahre später dasselbe: Sie bereiten sich darauf vor, ihr Land gegen den Feind zu verteidigen. Diesmal sind es die Russen.
Leben im Krieg von Geburt an
Die jungen Teenager, die ich in dem Zeltlager kennenlernen konnte, sind in einer Zeit geboren und aufgewachsen, in der die Ukraine um ihre Unabhängigkeit kämpft. Sie haben noch keinen einzigen Tag in einem Land im Frieden erlebt. Dabei möchte man an diesem schönen Maientag im Park vor den Mauern des imposanten mittelalterlichen Schlosses Dubno über nichts weniger gern mit ihnen sprechen als über den Krieg.
berichtet als freier Journalist aus der Ukraine. Er lebt im westukrainischen Luzk und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
„Woher kommen Sie gerade? Von der Front?“, fragt mich Maksym. Er ist elf Jahre alt, sein Vater dient in einem Sturmregiment. Seine Familie hat er das letzte Mal kurz vor Neujahr besucht. Maksym schläft während der Spiele in einem Schlafsack, den sein Vater aus dem Krieg mitgebracht hat.
„Diese Generation wächst unter Bedingungen ständiger Gefahr und Verluste auf. Sie werden mit Informationen überflutet und viel zu früh erwachsen“, sagt Maksyms Mentorin Maryna. Sie kam im Februar 2022 auf der Flucht aus dem russisch besetzten Cherson nach Dubno. In der neuen Stadt gründete sie mit ihrem Mann Vasyl eine „Plast“-Gruppe, ukrainische Pfadfinder.
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Ukrainische Kinder sind jetzt anders
Maryna ist oft bei Pfadfindertreffen in Europa und hat dort festgestellt, dass junge Ukrainer oft Eigenschaften haben, die man bei Gleichaltrigen in friedlichen Ländern nicht in diesem Maße findet: eine hohe Anpassungsfähigkeit, einen ausgeprägten Realitätssinn und frühe Erfahrungen mit einem Leben in Unsicherheit.
„Mit 10, 12 Jahren wissen sie schon, was Tod, Front, Evakuierung, Verantwortung, Militärdienst und Freiwilligenarbeit bedeuten. Für sie sind Worte wie Alarm, Schutzraum, Drohne oder Luftangriff keine abstrakten Begriffe, sondern ein Teil ihres Alltags“, sagt Maryna.
Ein Junge aus ihrer Plast-Gruppe hört ihre Worte und erzählt sofort: „In unserer Straße ist letzte Woche eine Shahed-Drohne runtergekommen. Mein Bruder und ich haben gerade Fußball gespielt, wir hatten nicht mal Zeit, uns zu fürchten. Wir haben uns ins Gras gelegt und dann einfach weitergespielt. Nur Mama hat geschimpft, dass wir nicht in den Schutzraum der Schule gegangen sind.“
Keine „verlorene“ Generation
Maryna und ich lächeln traurig. Die Kinder gehen jetzt los, um das letzte Lagerfeuer in diesem Camp anzuzünden. Sie sieht ihnen bekümmert nach.
„Diese Kinder des Krieges merken ganz schnell, wenn etwas nicht ehrlich, nicht aufrichtig ist. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Worte ständig an der Realität gemessen werden: Wenn jemand von Patriotismus spricht, muss er auch etwas tun. Dabei sind nicht alle ihre Väter in der Armee. Manche verstecken sich in den Wäldern oder in verlassenen Dörfer“, meint Maryna.
„Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!“, rufen die Kinder im Park von Dubno im Chor. Und ganz sicher sind das nicht die Stimmen einer weiteren „verlorenen Generation“, sondern vielmehr die einer Generation, die schon sehr früh den wahren Wert der Freiheit erkannt hat.
Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
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