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ESC 2026 in WienWeniger Teilnehmer bei Anti-Israel-Demo als erwartet

Vor dem ESC-Finale in Wien demonstrieren Hunderte Menschen gegen Israels Teilnahme. Jüdische Studierende können die Show nur unter Polizeischutz verfolgen.

K-Gruppen-Revival: Propalästinensische Demonstranten am Rande des Eurovision Song Contest (ESC) Foto: Britta Schultejans/dpa
Florian Bayer

Aus Wien

Florian Bayer

Trotz Kälte und Nieselregens ziehen Samstagnachmittag Hunderte Menschen zur Stadthalle Wien, um gegen die Teilnahme eines israelischen Künstlers am Eurovision Song Contest (ESC) zu protestieren. „Songs und Glitzer können Israels Völkermord nicht verbergen“ und „‚Nie wieder‘ gilt für alle“ steht auf den vielen Schildern, die auch Österreichs Haltung gegenüber Israel kritisieren. Auf einem riesigen Transparent sind die Namen der von der israelischen Armee seit Oktober 2023 getöteten Menschen in Gaza gelistet.

Die Stimmung: kämpferisch-laut, aber völlig friedlich. Amnesty International-Beobachter in gelben Westen begleiten den Protestzug, ebenso die Polizei, die mit einem Großaufgebot inklusive Hubschrauber und Drohnen präsent ist. Entlang der Route bleiben etliche Schaulustige stehen und recken die Handys hoch. Angekündigt waren bis zu 3.000 Teilnehmer, am Ende sind es weniger. Der Lärm, den sie machen, reicht trotzdem weit.

Bereits am Freitag, dem Jahrestag der Nakba, hatte die Plattform „Palästina Solidarität Österreich“ zum „Song Protest“ mit Rede- und Musikbeiträgen geladen – bewusst in Hörweite des israelischen Fan-Cafés im nahen Museumsquartier. Im Schatten des Maria-Theresien-Denkmals drängten sich Menschen mit rot-weißen Palästinenserschals, auf Rucksäcken prangten „Boycott Israeli Apartheid“-Sticker, an den Rändern wurde Falafel und Baklava verkauft. Die Stimmung war ausgelassen, das Publikum durchmischt, das internationale Medieninteresse groß.

Der taz-ESC-Live-Ticker 2026

Meinungen und Eindrücke zur Show am 16. Mai 2026? Anastasia Zejneli, Klaudia Lagozinski und Jan Feddersen kommentieren den ESC 2026 in Echtzeit. Hier geht es zum ESC-Live-Ticker 2026.

Einer der eindringlichsten Momente gehörte Sami Ayad, einem 1944 in Jaffa geborenen Arzt und Nakba-Überlebenden. „Ich habe es noch vor meinen Augen als Vierjähriger, wie mein Vater weinend am Ende des Lastwagens saß. Wir sind mit dem, was wir angehabt haben, einfach geflohen“, sagte Ayad, der der Palästinensischen Gemeinde Österreichs vorsitzt. Er erinnerte an die Versprechen der israelischen Unabhängigkeitserklärung: „Nichts von all dem wurde gehalten. Ein Unrecht kann nicht mit einem anderen Unrecht gesühnt werden.“

„Aggressiv bis traurig“

Ein 70-jähriger pensionierter Arzt sagte abseits der Bühne: „Österreichs Haltung im Gaza-Konflikt macht mich aggressiv bis traurig. Ich hätte mir mehr Objektivität erwartet: von der Regierung, von der Politik, vom ORF.“ Eine 19-Jährige berichtete, wie ihr Direktor die Schülerinnen als antisemitisch bezeichnet hatte, als sie sich gegen den Krieg in Gaza aussprachen: „Wir haben nur gesagt, dass wir keinen Völkermord wollen. Doch das wurde nicht gern gehört.“ Sie ortet „Doppelmoral“. Schließlich sei Russland kurz nach seinem völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine 2022 vom ESC ausgeschlossen worden.

Die österreichische Regierung hielt trotz aller internationalen Kritik an Israel an ihrem kategorisch proisraelischen Kurs fest. Auch der ORF machte sich für eine Teilnahme des Landes stark. Der mittlerweile zurückgetretene ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat laut New York Times sogar angedacht, Wiens Gastgeberrolle abzugeben, sollte Israel vom ESC ausgeschlossen werden. Die österreichische Bevölkerung zeigte sich in dieser Frage gespalten, wie eine repräsentative Umfrage von Mitte April verdeutlicht: 28 Prozent befürworteten einen Ausschluss Israels, 26 Prozent lehnten ihn ab, 46 Prozent zeigten sich neutral.

Der ESC findet in einem aufgeheizten Sicherheitsumfeld statt. Seit dem mörderischen Angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 gilt in Österreich die zweithöchste Terrorwarnstufe. Die staatliche „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ warnte zuletzt, dass islamistische Akteure wie der Hisbollah-nahe Sender Al-Manar die ESC-Debatte gezielt für antiwestliche Propaganda nutzen.

Noch im Mark sitzt vielen in Wien der Terroranschlag vom November 2020 in der Wiener Innenstadt mit vier Toten und 23 Verletzten. Kurz vor den Taylor-Swift-Konzerten im Sommer 2024 wurden zudem mehrere IS-Sympathisanten festgenommen, die einen Sprengstoffanschlag geplant hatten – alle drei Shows wurden abgesagt. Für den ESC gelten auch deshalb besonders hohe Sicherheitsvorkehrungen.

Beklemmend ist die Lage auch für die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JÖH): Wochenlang hatten sie versucht, ihr traditionelles Public Viewing am Universitätscampus zu organisieren. Dabei seien sie aber „von allen Seiten“ auf die schwierige Sicherheitslage hingewiesen worden. Das Finale können sie nun nur als angemeldete Kundgebung unter Polizeischutz verfolgen.

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