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Gefangenenaustausch im JemenDer Freiheit endlich ganz nah

Die Huthis könnten bald fast 600 politische Gefangene freilassen, die international anerkannte Regierung über 1.000. Die Hoffnungen der Familien sind groß.

Gemeinsames Bild zum Abschluss: Hans Grundberg (4. v. links) mit dem Huthi-Verhandler Abdulqader Al-Murtada (3. v. links) in Amman Foto: Alaa Al Sukhni/reuters

Am Abend des 20. Oktober 2016 erzählte ein Kind aus der Nachbarschaft Nusaiba Al-Bawab, dass bewaffnete Männer in Militärfahrzeugen ihren Vater Youssef entführt hätten, als er nach dem Abendgebet die Moschee verließ. Al-Bawab war damals 17 Jahre alt. Im Morgengrauen des nächsten Tages stürmten Kräfte der von Iran unterstützten jemenitischen Huthi-Miliz ihr Haus, fesselten die Familie in einem einzigen Raum. Ein Bewaffneter richtete vor den Augen der Kinder sein Gewehr auf den Kopf der Mutter. Die Milizionäre stahlen außerdem Schmuck und Elektronikgeräte, sowie Bücher und Forschungsunterlagen von Youssef Al-Bawab, einem Professor für Linguistik an der Universität Sanaa. Dann gingen sie. Und Al-Bawab blieb verschwunden.

Neun Jahre später taucht Youssef Al-Bawabs Name wieder auf – auf der Namensliste des größten Gefangenenaustauschabkommens jemals zwischen den Huthis und der international anerkannte Regierung Jemens. Das Abkommen wurde am 14. Mai in der jordanischen Kapitale Amman unterzeichnet, nach über drei Monaten Verhandlungen. Geleitet wurden diese vom Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen (UN) für den Jemen, Hans Grundberg. Die Liste umfasst mehr als 1.600 Gefangene beider Seiten.

Majed Fadail ist Mitglied des Verhandlungsausschusses aufseiten der jemenitischen Regierung. Gegenüber der taz erklärt er: Der Austausch der nun auf der Liste Stehenden sei nur die erste Phase. Im Anschluss würden auch Fälle, die bislang nicht gelistet sind, geprüft. Weitere Gefangene sollten dann hinzugefügt und gemäß dem vereinbarten Mechanismus später ebenfalls freigelassen werden.

Doch Nusaiba, die Tochter des Gefangenen Youssef Al-Bawab, will noch nicht optimistisch sein. „Unsere Hoffnung stirbt jedes Mal aufs Neue, wenn Verhandlungen angekündigt werden, nur um dann in letzter Minute an der Umsetzung zu scheitern“, sagt sie.

Das einzige Verbrechen meines Vaters war, das Leben zu lieben

Nusaibah Al-Bawab, Tochter des Gefangenen Youssef Al-Bawab

Ein Jahrzehnt der politischen Erpressung

Seit dem Ausbruch des Kriegs im Jemen zwischen Regierung und Huthis im Jahr 2015, wird ein möglicher Gefangenenaustausch immer wieder zum Aufbau von Druck eingesetzt. Es gab immer wieder Verhandlungen, die schließlich wieder alle scheiterten. Doch diesmal scheint die Dynamik anders zu sein. Gemäß der Vereinbarung wird die international anerkannte Regierung 1.100 Huthi-Gefangene freilassen; im Gegenzug dafür lassen die Huthis 580 Personen frei. Darunter sind sieben saudi-arabische Bürger, 20 sudanesische Staatsangehörige sowie mehrere Politiker und Journalisten, die seit Jahren in Gefangenschaft sind.

Fadail sagt: Die tatsächliche Umsetzung werde nicht vor Mitte Juli beginnen. Das Internationale Komitee des Roten Kreuz (IKRK) benötige einige Wochen, um die logistischen Vorkehrungen zu treffen.

An einem Namen waren die Verhandlungen bisher meist ins Stocken geraten: Mohammed Qahtan, prominenter jemenitische Politiker und Mitglied der Islah-Partei, die der Muslimbruderschaft nahesteht. Er wurde am 4. April 2015 in seinem Haus in Sanaa von den Huthis verhaftet. Die Gruppe weigert sich seitdem, Auskunft über sein Schicksal zu geben. Im Vorfeld der jüngsten Gespräche in Amman verbreitete die Huthi-Delegation die Behauptung, Qahtan sei 2015 bei einem Luftangriff getötet worden. Seine Familie widerlegte diese Behauptung.

Fadail erklärt, dass in den jüngsten Verhandlungen beschlossen wurde, einen gemeinsamen Ausschuss zu bilden. Diesem sollen Qahtans Angehörige und das IKRK angehören. Sie sollen die von den Huthis kontrollierte Stadt Sanaa zu besuchen und seinem Schicksal nachgehen, bevor ein Austausch Qahtans endgültig vereinbart werden soll.

Ein sanktionierter Folterer am Verhandlungstisch

Ein Detail aus den Verhandlungen ist außerdem pikant: Der Mann, der im Namen der Huthis verhandelte und unterzeichnete, ist Abdulqader Al-Murtada, Leiter des Ausschusses für Gefangenenangelegenheiten, und beschuldigt, die Folter von Häftlingen beaufsichtigt zu haben. Das US-Finanzministerium verhängte 2024 Sanktionen gegen ihn – wegen direkter Beteiligung an der Folterung von Gefangenen, darunter Journalisten, Menschenrechtsverteidiger, UN-Mitarbeiter und Mitarbeiter internationaler Organisationen.

Der Journalist Tawfiq Al-Mansouri, der 2023 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikam, berichtete: Al-Murtada habe ihn mit einem Metallknüppel geschlagen, ihm dabei den Schädel gebrochen. Er sei bewusstlos geworden, medizinische Versorgung wurde ihm verweigerte. Eine Narbe hat er bis heute.

Dennoch saß Al-Murtada mit dem UN-Gesandten am Verhandlungstisch. Und: das nun unterzeichnete Abkommen schließt Mitarbeiter internationaler Organisationen, die von den Huthis festgehalten werden, aus. Nach UN-Angaben halten die Huthis 73 UN-Mitarbeitende fest, manche seit über fünf Jahren.

Auch Nusaiba Al-Bawab wartet weiter auf ihren Vater. Für sie beginnt das Abkommen nicht in Amman oder am Verhandlungstisch – sondern wenn Youssef Al-Bawab wieder über die Schwelle seines Hauses tritt. Sie sagt: „Das einzige Verbrechen meines Vaters war, das Leben zu lieben.“

Aus dem Englischen Lisa Schneider

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