: Der lange Marsch in die illiberale Republik
Der neurechte Autor Benedikt Kaiser hat so etwas wie ein Handbuch für eine identitäre Revolution verfasst. Wer es liest, versteht, auf welcher geistigen Grundlage einflussreiche AfD-Kreise die autoritäre Umformung der Republik verfolgen
Von Sascha Ruppert-Karakas
Dass die AfD trotz Vetternwirtschaftsskandale in den Landtagswahlen Baden-Württembergs massiv zulegte und in Sachsen-Anhalt bald den Ministerpräsidenten stellen könnte, zeigt vor allem eines: Der Rechtsruck in der Bundesrepublik ist nicht am Ende. Während das liberaldemokratische Establishment noch darüber debattiert, wie sich die Partei von Regierungsverantwortung fernhalten lässt, arbeiten die strategischen Köpfe der Neuen Rechten längst an der nächsten Etappe: der ideologischen und kulturellen Absicherung ihrer bisherigen Erfolge.
Einen programmatischen Aufschlag dazu hat Benedikt Kaiser Ende 2025 im rechtsextremen Jungeuropa-Verlag mit dem Titel „Der Hegemonie entgegen“ vorgelegt. Der für die AfD arbeitende, im Umfeld des ehemaligen Instituts für Staatspolitik wirkende, mit Götz Kubitschek und Martin Sellner vernetzte Autor will rechten Protest in langfristige Hegemoniearbeit überführen. Er steht dabei für einen Kurs, der die AfD auch für antikapitalistisch und antiimperialistisch orientierte Protestmilieus anschlussfähig machen will. Das liest sich wie ein Handbuch für eine identitäre Revolution.
Ausgangspunkt des Buches ist ein Verständnis der Bundesrepublik als nahezu totalitäres System. Für Kaiser ist sie kein offenes Wettbewerbsfeld legitimer Positionen, sondern ein durchstrukturierter Deutungsraum, in dem Herrschaft sich weniger in Regierungshandeln oder Parlamentsbeschlüssen zeigt als im alltäglich Sagbaren, Denkbaren und moralisch Akzeptablen. Für Kaiser zeigt sich das in einer „eminent grün geprägte[n]“ Bundesrepublik, die selbst Systemkritiker zu Positionierungen in ökologischen Fragen nötige. Eben darin offenbare sich „wahre Hegemonie“, die sich „im Alltag, nicht am Wahltag“ äußere. Sie werde nicht in erster Linie von Parteien getragen, sondern von Vereinen, Stiftungen, Schulen, Kirchen, kulturellen Räumen und Medien, die Sichtbarkeit verteilen und Normalität definieren. Aus dieser Perspektive wird gesellschaftliche Vielfalt zu einem nahezu geschlossenen Gefüge.
Die unmittelbare Konsequenz ist eine systematische Fehlbeurteilung zentraler Auseinandersetzungen: Klimapolitik, Diversitätspolitik oder Antidiskriminierung erscheinen bei Kaiser nicht mehr als Antworten auf reale gesellschaftliche Konflikte und Forderungen, sondern nur noch als Symptome eines bereits vorentschiedenen linksliberal-grünen Bezugssystems. Das für diese Konfliktfelder prägende Ineinandergreifen von Institutionen, Diskursen und zivilgesellschaftlichen Akteuren wird so in einen latent autoritären Apparat überführt, der strukturell konspirativ geordnet ist: Einzelbeobachtungen werden zum Erkennungszeichen eines verborgenen inneren Feindes erhoben, gesellschaftliche Widersprüche in einen kohärenten Hegemonialblock eingepasst.
Um aus diesem autoritär gelesenen Herrschaftsgefüge auszubrechen, schlägt Kaiser vor, sich theoretisch beim italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zu bedienen. Für langjährige Beobachter der antiliberalen Reconquista ist das keine Provokation, sondern Ausdruck eines Lernens, mit linken Theorien rechte Mobilisierung zu forcieren. Gramscis Metapolitik dient dabei vor allem als Instrument zur „Beeinflussung von menschlichen Denkweisen und Meinungen“; das ideologische Bekenntnis wird so zur Voraussetzung politischer Disruption.
Ein ausformuliertes Verständnis einer identitären Ideologie von morgen oder eine Roadmap dafür liefert Kaiser damit nicht. Zwar nennt er mit Orbán, Trump und Meloni rechte Erfolgsprojekte; als Zielvorgabe für sein sonst so auf Deutschland fixiertes Denken wirken sie nicht überzeugend. Während die konkrete Ausgestaltung einer identitären Zukunft dünn bleibt, tritt vor allem Kaisers Kritik an der bisherigen Agitation der AfD hervor. Was gestern als „Empörungsmaschinerie“ und „Bewirtschaften von Ressentiments“ zur Mobilisierung von politischer Frustration diente, genüge für das Morgen nicht mehr. Hinter die Empörung müsse, so Kaiser, eine „positiv setzende Vision“ treten. Um dieses diffuse Positive sichtbar zu machen, lohnt es sich, zwischen den Zeilen zu lesen und die Denkstrukturen hinter dem revolutionären Zukunftsbild zu identifizieren.
In Kaisers Schrift klingt immer wieder die Grammatik Carl Schmitts an. Das Politische erscheint als Feld ohne Neutralität, als Kampf um Freund und Feind. Das „Primat des Positiven“ läuft auf die Setzung einer politischen Totalität hinaus, in der legitime Gegnerschaft, Kompromiss und koalitionäre Vermittlung entwertet werden. Die Neue Rechte soll sich daher nicht in die konkordante Ordnung einpassen, sondern ein antagonistisches Regierungshandeln anstreben. Die Perspektive ist, davon auszugehen, dass man in Zukunft regieren wird – am besten alleine, anstatt lästige Kompromisse im Rahmen einer Koalition machen zu müssen. In Sachsen-Anhalt zeigt sich das ganz konkret: Hier sagt man offen, man möchte die Alleinregierung, um keine Kompromisse machen zu müssen. Da man weiß, dass so ein Szenario auf Bundesebene unrealistisch ist, zielt man hier auf eine Spaltung der Union in einen rechtskonservativen Flügel und einen liberalen Teil ab, damit man – wenn schon Koalition – eine Koalition mit Menschen macht, die ähnliche Ziele verfolgen. Genau dieses Szenario wurde schon vor einiger Zeit von Maximilian Krah visioniert und ist auch Absicht der Fraktionsstrategie der AfD seit 2025.
Diese schmittianische Tiefenstruktur zeigt sich auch im Freiheits- und Rechtsverständnis. Freiheit ist für Kaiser kein Schutzraum von Differenz und Individualität, sondern Verpflichtung innerhalb eines kollektiven Zusammenhangs. Solidarität könne nicht in Vielfalt, sondern nur in geteilter Identität entstehen. Daraus folgt ein identitär verengtes Rechtsverständnis: Rechte gelten nicht universal, sondern sind an Zugehörigkeit gebunden. Wer nicht ethnisch oder volksbezogen dazugehört, erscheint folglich nicht mehr als selbstverständliches Subjekt gleicher politischer und rechtlicher Ansprüche.
Aus der Perspektive dieser Denkstrukturen und der in ihnen angelegten Logik politischer Interaktion wird sichtbar, dass Kaiser im Kampf um Hegemonie die liberale Sozial- und Deutungsordnung selbst infrage stellt. Die gängige Einschätzung, die AfD strebe mehr an als einen Regierungswechsel und ziele auf eine andere Republik, erhält bei ihm einen strategischen Lageplan für einen tiefgreifenden geistigen Umbau, der die liberaldemokratischen Grundkoordinaten und gesellschaftlichen Interaktionsparameter selbst treffen soll.
Dieser Umbau setzt für Kaiser auf Ebene der Sprache an. Die „Sprache der BRD“ beschreibt er als „erzliberale Sprachform“, die selbst die Denk- und Begriffswelten systemischer Kritiker bestimme. Um sich aus dieser Hegemonie zu lösen, müsse zunächst das „Vokabular des Liberalismus“ gesprengt werden, jenes „praktisch alles durchdringende Idiom unseres Denkens und Sprechens“ über „die Wirtschaft, über die Autonomie des Menschen, über das Gemeinwohl“. Hinter dieser Diagnose steht die Überzeugung, dass die Bundesrepublik durch ein umfassendes Gewissensregime regiert werde. Eine neue Hegemonie müsse deshalb am „Common Sense“, am manipulierbaren Alltagsverstand ansetzen, den Kaiser dem „gesunden Menschenverstand“ gegenüberstellt, dem die identitäre Rationalität zugrunde liege.
Um den verschütteten Quell nationaler Selbstgewissheit unter den Sedimenten liberaler Verzerrung freizuschlagen, soll die Umwälzung in der Lebensrealität der einzelnen Bürger*innen ansetzen. Träger dieser Intervention müssen „Meinungsführer“ und Intellektuelle werden, die über soziale Autorität und alltagsweltliche Präsenz geistespolitische Wirkkraft gen rechts entfalten sollen. Gerade das vermeintlich Unpolitische wird so zum Feld neurechter Intervention. Sport, Kirche, Kultur, Schule und Alltagsmilieus sollen auf die Ziele neurechter Hegemonie ausgerichtet werden: im Sport über kämpferische Männlichkeitsbilder, in der Kirche über die Abkehr vom universalistischen Liebesgebot, in Bildungs- und Kultureinrichtungen über die Austreibung liberaler und relativistischer Deutungsmuster. Das Ziel scheint die identitäre Simplifizierung sozialer Komplexität.
Politisch anschlussfähig ist daran die Rhetorik der AfD: Sie markiert den gegenwärtigen Zustand als Anomalie und ersetzt komplexe soziale Konflikte durch einfache kulturelle Wahrheiten und rigide Denkmuster. Sichtbar etwa dort, wo aus jedem Konflikt um Migration ein simples Reaktionsschema wird: Straffälligkeit gleich Abschiebung, geordnete Rechtsverfahren gleich staatliche Schwäche, garantierte Grundrechte gleich sozialer Fehlanreiz.
Den Ursprung dieser angeblich volksfernen Verrechtlichung und Verweichlichung der Politik verortet Kaiser in der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung. Reeducation, 1968er und Kritische Theorie erscheinen ihm als Agenten einer „nationalmasochistischen Selbstanklage“, die mit ihrer Auseinandersetzung über die sozialpsychologischen Grundlagen der NS-Herrschaft, die autoritäre Vergesellschaftung und völkische Homogenitätsfantasien eine kollektive Selbstverleugnung vorangetrieben hätten. Der von ihm implizit geforderte U-Turn in der Geschichts- sowie Erinnerungstradition steht damit ganz im Sinne des AfD-Plädoyers für ein „Ende von Entschuldigungen für unser Erbe“ und zielt auf die normative Grundordnung der Bundesrepublik, wie sie im Grundgesetz ihren juristischen Ausdruck gefunden hat. Denn Menschenwürde, Grundrechte und die Absage an totalitäre Entgrenzung sind keine beliebigen Werte der Verfassungsrealität, sondern Reaktionen auf staatlich organisierte Entwürdigung und Vernichtung.
Um an Adorno zu erinnern, der im Gerede von der Meinungsdiktatur nur den Vorwand sah, die eigene in die Wege zu leiten, lässt sich Kaisers Werk als strategischer Entwurf zur autoritären Neudefinition der Republik lesen, die eine Abschüttelung vermeintlich lästiger Altlasten und damit Folgen einfordert, die jede*r im Alltag spüren soll. Wenn Hegemonie ein „vielschichtiger Prozess“ ist, in dem „kein noch so kleiner Gewinn“ vergeblich bleibt, dann ist das eine Kampfansage auf allen Ebenen. Dagegen reichen politische oder juristische Abwehr nicht aus. Nötig ist gesellschaftliche Resilienz aus dem Bewusstsein heraus, dass der Konflikt um die Republik längst bis in die individuelle Lebensrealität hineinreicht.
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