Investigativjournalist über Sam Altman: „Auf Ungleichheit folgt Korruption“
Ronan Farrow hat Sam Altman, Chef des KI-Konzerns OpenAI, ein Jahr lang begleitet. Sein Urteil: Der Mann hinter ChatGPT ist ein Meister der Täuschung.
taz: Herr Farrow, Sie beschäftigen sich seit Jahren kritisch mit den Tech-Bros im Silicon Valley, zuletzt mit OpenAI-Chef Sam Altman. Ein früherer Geldgeber von OpenAI, Elon Musk, hat kürzlich und vergeblich versucht, Altman zu verklagen. Sein Argument: OpenAI habe sich unter Altman von einer gemeinnützigen Organisation zu einem milliardenschweren Unternehmen gewandelt. Ist das so? Hat im KI-Bereich der Kommerz endgültig gegen die Ethik gewonnen?
Ronan Farrow: Ich denke, Musks angestrebter Prozess macht vor allem eines deutlich: Wir erleben gerade einen Moment der nationalen Selbstreflexion. In dieser Geschichte gibt es keine offensichtlichen Held*innen. Sie können meine Berichterstattung ansehen und selbst beurteilen, wie stichhaltig Musks Behauptung ist, OpenAI habe sich von seiner ursprünglichen Mission – der Priorisierung der technologischen Sicherheit – abgewandt. Doch auch Grok, Musks eigene Technologie, wirft zahlreiche Sicherheitsfragen auf.
taz: Wenige Tage nach der Veröffentlichung Ihrer Recherchen im New Yorker warf ein 20-jähriger Mann einen Molotowcocktail auf Sam Altmans Wohnhaus. Altman bezeichnete Ihren Artikel in der Folge als „aufwieglerisch“. Wie reagieren Sie darauf?
Farrow: Sam Altman hat sich später öffentlich entschuldigt und eingeräumt, dass dies eine unglückliche Wortwahl war. Zudem ist anzumerken, dass die Person, die die Flasche warf, bereits vor der Veröffentlichung meines Artikels durch extremistische Äußerungen gegen KI aufgefallen war. Gewalt ist keine Lösung. Ganz allgemein halte ich es für wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Wut vieler Menschen auf KI-Firmen durchaus berechtigt ist. Wenn man über „aufwieglerische“ Worte sprechen möchte, muss man gar nicht weit blicken – ein Blick auf Altman selbst genügt. Er hat sein Unternehmen auf einer apokalyptischen Rhetorik aufgebaut, indem er behauptete, KI könne uns alle töten und dazu führen, dass unzählige Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Das ist eine Aussage, die Ängste geschürt und ihm dabei geholfen hat, enorme finanzielle Mittel für den Aufbau seines Unternehmens einzuwerben – doch er ist nicht der Einzige, der solche Behauptungen aufstellt.
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taz: Altman forderte vor dem US-Kongress eine Regulierung der KI, betrieb jedoch gleichzeitig eine aggressive Lobbykampagne, die genau in die entgegengesetzte Richtung zielte. Wie deuten Sie diesen Widerspruch?
Farrow: Altmans Glaubwürdigkeit war bereits ein zentrales Thema in dem Rechtsstreit mit Elon Musk. Es bleibt jedem selbst überlassen, zu beurteilen, ob diese Aussagen ein Ausdruck von Redlichkeit sind.
taz: Sie beschreiben Sam Altman als einen „People-Pleaser“ – jemanden, der es allen recht machen will – sowie als eine Person mit einer „fast schon soziopathischen Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen von Täuschung“. Wie könnte sich die Tatsache, dass ein solcher Mann hinter der Entwicklung einflussreicher KI-Software steckt, auf den Durchschnittsbürger auswirken?
Farrow: Abgesehen vom Risiko massiver Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt sprechen wir hier über autonome Kriegsführung, die Entwicklung chemischer Waffen, Wahlmanipulation und Deepfakes, die unser grundlegendes Realitätsverständnis bedrohen. Die Frage nach der Ehrlichkeit des Marktführers ist daher von entscheidender Bedeutung. Wie sehr können Investor*innen und Steuerzahler*innen in den USA – die Rüstungsaufträge an KI-Unternehmen subventionieren – den Zusicherungen der führenden Köpfe dieser Technologie vertrauen? Es besteht ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Zahlreiche Expert*innen warnen davor, dass Altman zu viel und zu schnell verspricht und widersprüchliche Vereinbarungen trifft, ohne dabei tatsächliche Gewinne zu erwirtschaften. Sollte diese Blase platzen, würden die Folgen nicht nur OpenAI treffen; sie könnten die gesamte Wirtschaft destabilisieren.
taz: Sam Altman selbst hat davor gewarnt, dass eine Wirtschaftsblase rund um KI bald platzen könnte. Glaubt er, dass seine eigenen Finanzen betroffen sein werden?
Farrow: Es ist schwer nachzuvollziehen, was Altman wirklich glaubt. Seine Prognosen schwanken stark zwischen alarmistischen und utopischen Szenarien. Angesichts realer Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt wirken seine Lösungen oft oberflächlich; er argumentiert häufig, dass jeder mithilfe großer Sprachmodelle über die OpenAI Foundation ein eigenes Start-up gründen könne. Fragt man jedoch seriöse Ökonom*innen, ob die Nutzung von ChatGPT durchschnittliche Arbeiter*innen auf magische Weise in erfolgreiche Tech-Unternehmer*innen verwandeln kann – oder ob dies eine sinnvolle Lösung für Millionen verlorener Arbeitsplätze darstellt –, wird er den Kopf schütteln.
taz: Altman preist KI als Heilstechnologie an, warnt aber zugleich vor einem apokalyptischen Risiko, sollte China das Rennen um die Allgemeine künstliche Intelligenz gewinnen – also KI erschaffen, die die menschliche Intelligenz übertrifft. Befindet sich diese Technologie denn bei der US-Regierung in den „richtigen Händen“?
Farrow: Allgemeine künstliche Intelligenz bietet zwar immense Vorteile für Medizin und Klimaforschung, doch ihre Entwickler*innen sind sich einig, dass wir auf ihre zerstörerischen Risiken nicht vorbereitet sind. Auch wenn die Unterschiede zwischen der US-amerikanischen und der chinesischen Vormachtstellung diskussionswürdig sind, zeigen meine Recherchen, dass die „China-Bedrohung“ in Washington häufig instrumentalisiert wird, um wichtige Regulierungen zu verzögern und ein unkontrolliertes Vorgehen ohne jegliche Schutzmechanismen zu rechtfertigen. Sam Altman warnt seit Langem vor einer unmittelbar bevorstehenden chinesischen Vorherrschaft, doch viele Expert*innen und Beamt*innen weisen darauf hin, dass China weitgehend auf US-amerikanische Daten angewiesen ist und die Bedrohung weit weniger greifbar ist, als er annimmt.
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taz: Können institutionelle und demokratische Mechanismen die Macht von Tech-Milliardären denn überhaupt noch eindämmen?
Farrow: In meinen Recherchen zu Elon Musk weise ich darauf hin, dass Historiker seine beinahe überstaatliche Macht als ahistorisch betrachten; sie unterscheidet sich von der Macht etwa der Rockefellers. Diese Superreichen waren in vielerlei Hinsicht skrupellose Akteure, agierten aber dennoch innerhalb eines Gesellschaftsvertrags, der sie verpflichtete, etwas zurückzugeben und Infrastruktur zu schaffen. Heute sind die Milliardäre des Silicon Valley den Regierungen gegenüber kaum noch rechenschaftspflichtig und können nach ihren eigenen Regeln leben. Betrachtet man den historischen Kreislauf der Vermögensungleichheit, zeigt sich ein Muster: Auf extreme Ungleichheit folgt Korruption. Im Wesentlichen ist dies der Kreislauf, der zur Oligarchie führt und Demokratien aushöhlt.
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