Social Freezing: Die biologische Uhr snoozen
Immer mehr Frauen lassen ihre Eizellen für eine mögliche spätere Schwangerschaft einfrieren. Wieso? Und wer kann sich das leisten?
H ochpräzise Geräte, große silberne Kühltonnen und schwere Behälter, aus denen, wenn man sie öffnet, dichter weißer Dampf entweicht. Das ist der Arbeitsplatz von Manfred Schleyer – im Kinderwunschzentrum München-Pasing liegt er genau zwischen den Behandlungsräumen, dem Empfang und dem Bereich, in dem die Patientinnen nach einem Eingriff wieder aufwachen. Schleyer ist Biologe und hilft unter anderem dabei, dass Frauen ihren Kinderwunsch einige Jahre buchstäblich auf Eis legen können.
Die Rede ist vom sogenannten Social Freezing: dem vorsorglichen Einfrieren von Eizellen, ohne dass eine Krankheit vorliegt. Immer mehr Frauen entscheiden sich für diese Prozedur. Waren es vor einigen Jahren nur ein paar Hundert, sind es heute mehrere Tausend, Tendenz steigend. Die Frauen sind dabei im Schnitt 35 Jahre alt. In einer britischen Studie aus dem Jahr 2023 gaben 93,9 Prozent der Befragten an, sich für Social Freezing zu entscheiden, weil sie sich Sorgen um schwindende Fruchtbarkeit machten. 89,5 Prozent waren nicht in einer Beziehung und gaben dies ebenfalls als Faktor an.
Social Freezing ist kostspielig. Eine einzige Behandlungsrunde kostet zwischen 2.500 und 4.000 Euro. Da für eine gute Chance auf ein Baby 15 bis 20 Eizellen nötig sind, müssen die Frauen oft zwei- bis viermal zur Entnahme. Ab 38 Jahren steigt die notwendige Zahl an Eizellen in der Regel deutlich an. Hinzu kommen jährliche Gebühren von 300 bis 500 Euro für die Lagerung im Stickstoff. Die Krankenkassen zahlen nur in Ausnahmefällen, etwa bei drohender Unfruchtbarkeit oder wenn die Patientin sich aus Krankheitsgründen, zum Beispiel bei einer bevorstehenden Krebstherapie, ihre Eizellen entnehmen lässt.
Je jünger die Frauen bei der Entnahme sind, desto höher später ihre Chancen. Eine 25-jährige Eizelle sei in einem besseren Zustand als eine 40-jährige, sagt Schleyer. „Das ist leider so, da gibt es nichts zu rütteln.“
Nur 10 Prozent nutzen die eingefrorenen Eizellen
Dabei würden viele Frauen, die Social Freezing in Anspruch genommen haben, am Ende doch natürlich schwanger werden und die Eizellen gar nicht nutzen. 2024 fanden Forschende aus Kanada heraus, dass nur etwa 10 Prozent derjenigen, die ihre Eizellen einfrieren ließen, diese zu einem späteren Zeitpunkt auch nutzten. Dass die Zahl so gering ist, kann aber auch daran liegen, dass Social Freezing erst in den vergangenen Jahren bekannter und beliebter wurde. Viele Frauen sind möglicherweise noch nicht an dem Punkt zu entscheiden, was mit ihren eingefrorenen Eizellen passieren soll.
Vor der Entnahme müssen Frauen sich bis zu zehn Tage lang Hormone spritzen, um die Eizellproduktion anzuregen. Wenn die optimale Follikelgröße erreicht ist, wird der Eisprung mit einem Medikament ausgelöst. Etwa 36 Stunden später können die Eizellen unter kurzer Narkose entnommen werden.
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Dann muss es schnell gehen. Das Team aus Biologen prüft unter einem Mikroskop die Reife der Zellen. Bevor Manfred Schleyer eine Eizelle schließlich einfrieren kann, muss er sie mit einer Art Frostschutzmittel versetzen. Anschließend platziert er sie auf der Spitze eines Kunststoffstäbchens und taucht sie so schnell wie möglich in flüssigen Stickstoff, bei minus 196 Grad. Durch die Kälte würden alle chemischen Reaktionen ausgebremst, sagt Schleyer. Wäre er dabei nicht schnell genug, würden sich im Inneren kleine Eiskristalle bilden, die die Zellen wie feine Nadeln zerstören könnten.
„Man hilft hier natürlich bei dem persönlichsten, intimsten Prozess, den es gibt“, sagt Manfred Schleyer über seine Arbeit. Doch was vor den Türen des Labors geschieht, bekommt er meist gar nicht mit. „Wenn man das so lange macht wie ich, ist das persönliche Schicksal vieler Frauen nicht mehr unmittelbar präsent.“ Sein Job finde im Hintergrund statt.
Zehntausende Eizellen liegen in der Pasinger Klinik
Dass aber aus einer kleinen Eizelle ein Mensch entstehen könne, finde er nach all den Jahren weiterhin „unglaublich!“ Aus einem der Stickstofftanks zieht er an einem silbernen Stab einen Behälter heraus, in dem rund 15 Röhrchen stecken, beschriftet mit Nummer und Name. Darin liegen auf einem Kunststoffstäbchen die Eizellen. Manche seit wenigen Tagen, andere seit Jahren. Mit einer Größe von etwa 0,1 bis 0,15 Millimeter ist eine Eizelle kaum mehr als ein winziger Punkt – etwa so groß wie der am Ende dieses Satzes.
Wie viele Eizellen er im Laufe seines Arbeitslebens eingefroren hat, weiß Schleyer nicht, das könne man unmöglich zählen. Gelagert werden hier im Westen Münchens Zehntausende. Wird eine Eizelle wieder aufgetaut, überlebt sie das mit 80- bis 90- prozentiger Wahrscheinlichkeit.
Genau wie das Einfrieren, müsse auch das Abtauen sehr schnell gehen, sagt Manfred Schleyer, sonst bilde sich wieder Eis. Unter dem Mikroskop injiziere er dann ein Spermium in die Eizelle. Die befruchteten Eizellen würden bis zu fünf Tage lang beobachtet und am fünften Tag in die Gebärmutter eingesetzt. Aus der befruchteten Eizelle entsteht im Schnitt in 30 Prozent der Fälle ein Kind – der Erfolg ist vor allem abhängig vom Alter der Frau und der Qualität des Embryos.
Laut einer Studie der Datingplattform Parship aus dem Jahr 2024 finden 62 Prozent der Deutschen, dass jede Frau die Möglichkeit haben sollte, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Bei Frauen unter 30 zieht jede zweite Befragte Social Freezing für sich in Erwägung. Dazu kommt, dass immer mehr Arbeitgeber sogenannte „Fertility Benefits“, übersetzt „Fruchtbarkeitsleistungen“, anbieten. Das heißt, sie übernehmen beispielsweise Kosten für künstliche Befruchtung, helfen juristisch bei einem Adoptionsprozess oder zahlen für Social Freezing.
Fertility Benefits gelten in den USA bei großen Unternehmen längst als Standard. In Deutschland ist die Entwicklung noch relativ neu. Hierzulande bieten Techkonzerne wie Apple und Meta, der Pharmakonzern Merck, oder die Unternehmensberatung McKinsey Kostenübernahmen für Social Freezing an. Unternehmen erhoffen sich davon, ihre Mitarbeiterinnen zu entlasten und stärker an sich zu binden. Gleichzeitig profitieren sie (zumindest kurzfristig), wenn ihre Arbeitnehmerinnen die Familienplanung weiter nach hinten verschieben. Eine verbreitete Kritik: Unternehmen suggerierten so, dass Karriere machen und Kinder bekommen nicht zusammenpassten und unterstützten indirekt, dass der Kinderwunsch so lange verzögert werde, bis er unrealistisch geworden ist.
Doch was sagen die betroffenen Frauen selbst dazu? Die taz hat mit sechs von ihnen über ihre Entscheidung gesprochen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen – und über die Frage, was das für ihr Gefühl von Freiheit bedeutet, wenn die biologische Uhr nicht mehr so laut tickt.
„Ein anstrengender, kostspieliger Weg“
Mit 37 kam plötzlich die Trennung. Für jede Frau mit Kinderwunsch ist das der absolute Horror. Auf einmal stand ich allein da und fragte mich, was ich jetzt tun soll. Ich habe meine Eizellen in zwei Zyklen einfrieren lassen, weil ich das Gefühl hatte, in diesem Moment etwas unternehmen zu müssen.
Die Hormonbehandlung habe ich gut vertragen. Medikamente bezog ich aus dem Ausland, weil sie dort günstiger waren und die Entnahme selbst verlief schnell. Es war ein kurzer Eingriff unter Vollnarkose. Nach dem ersten Zyklus hatte ich das Gefühl, ein Stück Kontrolle zurückgewonnen zu haben. Trotzdem entschied ich mich für einen zweiten Zyklus, um meine Chancen zu erhöhen. Mir wurde gesagt, dass 20 Eizellen eine gute Grundlage und dafür oft mehrere Zyklen notwendig sind – insbesondere in meinem Alter.
Insgesamt habe ich etwa 7.000 Euro für Behandlungen und Medikamente ausgegeben. Und selbst danach entstehen weitere Kosten: Für jede befruchtete Eizelle fallen später zusätzliche Gebühren an. Es ist ein teurer Weg und man weiß nie, ob er am Ende erfolgreich sein wird.
Verena, 41, Kundendienstleisterin
Nach knapp einem Jahr kam ich wieder mit meinem ehemaligen Partner zusammen. Zunächst versuchten wir, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Nach einiger Zeit erhielt ich jedoch die Diagnose, dass meine Eileiter verschlossen sind. Nicht so schlimm, dachte ich. Ich habe noch meine eingefrorenen Eizellen. Und genau das war das Schwierigste. Trotz 22 Eizellen kam es zunächst zu keiner Schwangerschaft. Die meisten Eizellen konnten nicht erfolgreich aufgetaut werden und von den wenigen befruchteten Eizellen hatte sich keine so weiterentwickelt, dass ein Transfer möglich wurde.
Wir haben nicht aufgegeben und uns für einen neuen Zyklus mit frischen Eizellen entschieden. Insgesamt waren sieben Embryotransfers notwendig, bis ich schließlich schwanger wurde. Davor gab es immer wieder Rückschläge. Jeder gescheiterte Versuch war schmerzhaft.
Mit der Zeit begann ich auch, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Zu wissen, dass man nicht allein ist, hat mir sehr geholfen. Heute habe ich ein Kind. Rückblickend war es ein langer, anstrengender und kostspieliger Weg. Aber er hat sich für mich gelohnt. Gleichzeitig sehe ich das Einfrieren von Eizellen heute differenzierter. Man sollte es sich gut überlegen, vor allem, wenn man die Mitte 30 schon überschritten hat. Es ist keine Garantie.
Auch der Begriff stört mich. Social Freezing klingt, als würde man sich bewusst gegen Kinder entscheiden, um erst mal das Leben zu genießen. Die meisten Frauen, die ich kenne, hatten schlicht nicht den passenden Partner. Es geht nicht um „Karriere gegen Kind“, sondern darum, dass die Umstände nicht passen. Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir einfach vom Einfrieren von Eizellen sprechen. Ohne Wertung. Verena, 41, Kundendienstleisterin
„Es ist wie eine Versicherung, ein Back-up“
Hätte mein Arbeitgeber das Social Freezing nicht übernommen, hätte ich es erst etwas später gemacht und selbst bezahlt. Obwohl ich schon immer einen sehr intensiven Kinderwunsch hatte, wusste ich früh, dass ich wahnsinnig viel Wert auf meine Karriere legen werde. Schon während meines Studiums habe ich viel gearbeitet, und dann direkt nach dem Abschluss in Vollzeit angefangen. Deshalb war mir klar, dass es für mich schwierig werden würde, in dem Zeitfenster Kinder zu bekommen, das biologisch dafür vorgesehen ist.
Mit einer Kollegin sprach ich dann allgemein über Gesundheitsbenefits, die von einer Firma unterstützt werden. Das fängt bei Physiotherapie an, geht über Hautkrebsvorsorge und führt bis zu „Fertility“ wie eben Social Freezing. In diesem Moment dachte ich: Ich will das machen. Ich wusste vorher zwar lose, dass es Unternehmen gibt, die Social Freezing finanziell unterstützen, aber nicht, wie und in welchem Umfang. Das Angebot wäre für mich jedoch auch kein Grund gewesen, zu einem Unternehmen zu gehen oder nicht.
Die Hormonbehandlung lief recht einfach ab, nur das Spritzen in den Bauch fiel mir schwer. Das haben meistens mein Partner oder eine Freundin übernommen. Nachdem ich den Prozess durchlaufen habe, habe ich dann einfach die Rechnung eingereicht. Nicht direkt beim Arbeitgeber – weder die Personalabteilung noch dein Vorgesetzter bekommt etwas davon mit. Es geht an einen externen Dienstleister, über den wir Gesundheitsleistungen abrechnen. Die Lagerkosten für die Eizellen zahle ich selber.
Das Ganze ist bei mir jetzt ein Jahr her. Für mich ist diese Eizellenentnahme wie eine Versicherung, ein Back-up, falls ich es brauchen sollte. Frauen sind immer noch die, die Kinder bekommen müssen und im Zweifel auch wollen. Und wenn wir ganz pragmatisch darauf schauen, wer gerade Entscheidungen für unsere Welt trifft, dann sind das oft die Männer. Wenn wir sagen, wir brauchen mehr Frauen, dann müssen Frauen auch die Möglichkeit haben, genauso viel Zeit in ihre Karriere zu investieren. Das funktioniert – leider – bei vielen Frauen mit Kind noch nicht.
Dass man sagt, der Arbeitgeber mischt sich damit in deine Fertilität ein und das sei übergriffig – in der Theorie kann ich das nachvollziehen. Aber man muss auch anerkennen, dass Frauen, die vom Arbeitsmarkt verschwinden, eine Belastung für unsere Volkswirtschaft darstellen. Sicherlich profitiert ein Unternehmen davon, wenn eine Frau später ein Kind bekommt. Aber Unternehmen profitieren auch davon, wenn Eltern nach der Elternzeit schnell zurückkehren, weil es zum Beispiel einen Betriebskindergarten gibt. Und ich glaube, da würde niemand ethische oder moralische Bedenken anmelden.
Trotzdem finde ich es sinnvoll, dass man Social Freezing nicht als oberstes Werbekriterium nimmt, um zu zeigen, dass man ein frauenförderndes Unternehmen ist. Dafür braucht es natürlich mehr. Paula (Name geändert), 24, Angestellte
„Hoffentlich fällt dort nie der Strom aus“
Mit 30 dachte ich noch: Vielleicht will ich gar keine Kinder. Davor war ich mir sogar ziemlich sicher, dass ich keine möchte. Und dann kam plötzlich diese Panik vor der biologischen Uhr. Dieses Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft und ich irgendwann meine Entscheidung bereue, kinderlos zu sein. Ich bin jetzt 34, seit zwei Jahren in einer Beziehung und mein Freund ist auch noch jünger als ich. Da entsteht automatisch Druck. Nicht von ihm, sondern eher in meinem Kopf.
Ich wollte nicht das Gefühl haben, jetzt plötzlich alles überstürzen zu müssen, nur weil meine Fruchtbarkeit irgendwann nachlässt. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Eizellen einfrieren zu lassen.
Sonja, 34, tätig in der Softwareindustrie
Eine andere Freundin von mir hatte dieselbe Idee. Wir sind gleich alt und dachten irgendwann einfach: Komm, wir machen das jetzt. Also saßen wir zusammen, haben recherchiert und erst mal geschaut, welche Kliniken in München überhaupt infrage kommen. Danach haben wir alles noch mal überprüft, Bewertungen gelesen und festgestellt, wie riesig dieses Angebot mittlerweile ist.
Ich habe mich schließlich für eine Kinderwunschpraxis entschieden. Als ich dort ankam, war ich erst mal überrascht. Ich bin gesetzlich versichert und war vorher in keiner Privatklinik. Alles war wunderschön eingerichtet, fast luxuriös. Es war eine komplett neue Erfahrung. Die Ärztin war nett, aber auch schon sehr routiniert. Für sie ist das halt Alltag.
Die Hormonbehandlung selbst war weniger schlimm als gedacht. Ich hatte eher Angst davor, was die Hormone emotional mit mir machen würden. Ich habe vorher schon zu allen gesagt: Entschuldigt mich bitte vorsorglich für die nächsten zwei Wochen. Körperlich war das Anstrengendste tatsächlich, keinen Sport machen zu dürfen. Ich habe in der Zeit auch mit dem Rauchen aufgehört. Mir war wichtig, mich gesund zu ernähren und nicht zu baden. Ich habe nur geduscht, damit nicht zu viel Wärme an den Unterleib kommt. Ich wollte alles perfekt machen, damit es gut funktioniert. Die Hormonspritzen selbst haben mir dagegen erstaunlich wenig ausgemacht – rein damit und weiter.
Am Ende konnten sechs Eizellen eingefroren werden. Ich war enttäuscht. Wirklich enttäuscht. Auf den Ultraschallbildern sah es nach mehr aus und ich hatte fest damit gerechnet, wenigstens acht oder zehn zu bekommen. Natürlich weiß ich, dass sechs besser sind als keine. Aber in dem Moment fühlte es sich trotzdem nicht genug an.
Heute, fünf Wochen später, denke ich schon entspannter darüber nach. Es ist nicht mehr jeden Tag präsent. Aber manchmal denke ich plötzlich: Hoffentlich fällt dort nie der Strom aus. Hoffentlich geht nichts kaputt. Diese Eizellen fühlen sich unglaublich wertvoll an. Nicht nur emotional, sondern auch, weil so viel Hoffnung und Geld darin steckt.
Trotzdem bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Es hat Druck rausgenommen. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, sofort handeln zu müssen. Es ist ein Back-up. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe immer noch, dass ich irgendwann auf natürlichem Weg Kinder bekomme. Aber jetzt habe ich zumindest das Gefühl, mir selbst ein bisschen Zeit gekauft zu haben. Sonja, 34, tätig in der Softwareindustrie
„Der Auslöser war meine Diagnose“
Als die Diagnose gestellt wurde, war ich erleichtert. Endlich hatte ich die Bestätigung, dass ich mir meine Beschwerden nicht einbilde, sondern dass sie real sind. Seit ich 15 bin, leide ich unter extrem starken Schmerzen, und wusste lange nicht, woher sie kamen. Auch die Ärzt:innen hatten keine Antwort. Mit 27 Jahren kam schließlich die Diagnose: der höchste Grad von Endometriose mit starkem Befall der Eierstöcke.
Endometriose ist eine Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst. Dadurch können Eileiter blockiert, die Eizellreifung beeinträchtigt oder die Einnistung erschwert werden. Als Frau geht einem diese Erkrankung nahe, weil sie eng mit dem eigenen Körper verbunden ist. Sie schränkt vieles ein, sei es beim Geschlechtsverkehr, in Bezug auf die Fruchtbarkeit oder durch Symptome wie einen aufgeblähten Bauch.
Bis zu meiner Diagnose hatte ich mir keine Gedanken über Social Freezing gemacht. Erst im Zusammenhang mit der Erkrankung rückte das Thema in den Fokus, als mir die Ärzt:innen nach der Operation sagten, dass es für mich schwierig werden könnte, auf natürlichem Weg Kinder zu bekommen – insbesondere, je länger ich warte. Das hat mich sehr beschäftigt.
Der Kinderwunsch war schon immer da. Durch die Diagnose wurde er konkreter und gleichzeitig unsicherer. Deshalb war für mich schnell klar: Ich möchte meine Eizellen einfrieren lassen. Ich wollte mir die Möglichkeit, Mutter zu werden, offenhalten.
Die Hormonbehandlung verlief für mich relativ unkompliziert. Erst nach der Entnahme traten Schmerzen und Krämpfe auf. Als ich mit dem Prozess begann, hieß es zunächst, meine Werte seien gut, und es könnten zwölf bis fünfzehn Eizellen gewonnen werden. Umso enttäuschender war es, als am Ende nur vier eingefroren werden konnten – zwei von guter Qualität und zwei, die im Labor weiterentwickelt wurden. Das hat mich sehr getroffen. Plötzlich wird einem bewusst, dass die eigene Fruchtbarkeit nicht selbstverständlich ist.
Dennoch bleibe ich positiv. Lieber diese vier Eizellen als gar keine. Und vielleicht ergeben sich daraus dennoch Chancen. Ich möchte auf jeden Fall einen zweiten Versuch unternehmen, auch wenn dieser erneut mit Aufwand und Kosten verbunden ist. Beim ersten Mal wurden die Kosten trotz medizinischer Indikation von der Krankenkasse nicht übernommen. Das ist sehr frustrierend.
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Ich verstehe, dass Social Freezing kritisch gesehen wird – etwa mit dem Argument, Frauen würden dadurch unter Druck gesetzt oder viele die Eizellen am Ende gar nicht nutzen. Dennoch bin ich der Meinung, dass jede Frau diese Entscheidung für sich selbst treffen muss. Es geht um den eigenen Körper und die eigene Zukunft. Niemand sollte dafür verurteilt werden.
Für mich bedeutet dieser Schritt ein hohes Maß an Selbstbestimmung und auch ein Stück Kontrolle in einer Situation, in der ich erfahren habe, wie begrenzt meine Kontrolle tatsächlich ist.
Meine Eizellen werden nun kryokonserviert gelagert. Manchmal denke ich daran und hoffe, dass alles gut aufbewahrt ist. Nana, 29, Studentin und Content-Creatorin
„Das ist ja eine ganz schön fiese Kurve“
Direkt nach dem Gespräch in der Kinderwunschklinik habe ich verstanden, was für ein Wunder es ist, überhaupt Kinder zu bekommen. Für mich war ein großer Teil dieser Reise, besser zu verstehen, wie sich unsere Fruchtbarkeit entwickelt. Und dass es im besten Fall eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit im Monat gibt. Die aber nimmt ab 35 rapide ab, dann ist man mit 40 Jahren bei 5 Prozent, maximal 10 Prozent. Ich war Anfang 30, als ich in der Klinik saß, und dachte mir nur: Das ist ja eine ganz schön fiese Kurve.
Das war im Jahr 2017, ich war 33, baute gerade mein Unternehmen aus und war total begeistert bei der Sache. Hätte man mich damals gefragt, ob ich Kinder haben möchte, hätte ich gesagt: auf jeden Fall. Hätte man mich jedoch gefragt, ob ich in diesem Moment Kinder haben möchte, wäre die Antwort gewesen: auf gar keinen Fall.
Julia, 42, Geschäftsführerin
Nachdem mir mein bester Freund dann einen Artikel über Social Freezing zeigte, habe ich mich für diesen Weg entschieden. Es stellte sich zudem heraus, dass mein AMH-Wert, also der Blutwert, der etwas darüber aussagt, wie viele Eizellen noch vorrätig sind, unter dem Durchschnitt für mein damaliges Alter lag. Das war für mich noch einmal die Bestätigung, dass dieser Schritt absolut Sinn ergibt. Bezahlt habe ich die Behandlung selber.
Es kam dann jedoch nie der Punkt, an dem ich dachte: Jetzt möchte ich unbedingt ein Kind haben. Irgendwann musst du es einfach aktiv entscheiden und das habe ich schließlich gemeinsam mit meinem Mann getan. Wir haben es erst natürlich versucht, im Sommer 2022 haben wir aber die Eizellen aus dem Kühlschrank geholt. Der gesamte Prozess war sehr aufregend, weil du viel früher mitfieberst und genau weißt, was sonst im Körper unsichtbar passiert. Du erfährst, dass so und so viele Eizellen befruchtet werden, und wie diese dann fünf Tage im Reagenzglas angezüchtet werden. Jeden Tag bekommst du einen Anruf mit der Information, wie viele es noch gibt und wie sie aussehen. Nach dem Einsetzen der befruchteten Eizelle bin ich von der Klinik mit dem Fahrrad nach Hause gefahren und habe bei jeder Unebenheit gedacht: Oje, hoffentlich fällt jetzt kein Embryo raus. Das war natürlich völliger Quatsch.
Und dann hat es tatsächlich beim allerersten Versuch geklappt! Ich war völlig geschockt und konnte mich erst gar nicht richtig freuen. Am selben Tag bin ich noch zu meiner Gynäkologin gegangen, weil ich dachte, vielleicht habe ich etwas falsch gemacht. Als dann klar wurde, dass wir wirklich einen positiven Test haben, war ich überglücklich.
Eigentlich bin ich eine sehr private Person und teile zwar beruflich einiges, aus meinem Privatleben jedoch nichts. Dass ich gezögert habe, darüber öffentlich zu sprechen, liegt vor allem daran, dass ich meine Tochter nicht fragen kann, ob das für sie okay ist. Für mich hat es keinen Unterschied gemacht, wie das Kind entstanden ist, aber es ist natürlich Teil ihrer Geschichte und ihrer Identität. Ich hoffe jedoch, dass sie irgendwann stolz darauf ist, dass wir die Geschichte hier erzählen – und damit hoffentlich auch anderen helfen. Julia, 42, Geschäftsführerin
„Meine Beziehung hat sich verändert“
Kurz bevor ich 30 wurde, sagte mir mein damaliger Partner, dass er keine Kinder wolle. Daraufhin trennten wir uns. Im Gegensatz zu ihm hatte ich einen Kinderwunsch. Vielleicht nicht zu diesem Zeitpunkt, aber irgendwann in der Zukunft.
Als ich dann 30 wurde, fühlte es sich an, als würde meine Fruchtbarkeit bereits abnehmen. Ich geriet in eine kleine persönliche Krise. In meinem Kopf begann ich, Zeitpläne zu entwerfen, und dachte: Die Chance, ein Kind zu bekommen, wird mit jedem Tag geringer. Das hat mich belastet. Auch beim Dating merkte ich, dass ich nicht mehr unbefangen an neue Begegnungen heranging. Ständig hatte ich diesen Zeitdruck im Hinterkopf: Ich muss jemanden finden, der Kinder möchte und zu mir passt. Das hat meine Art, Beziehungen einzugehen, eher negativ beeinflusst.
Eine Freundin erzählte mir, dass sie sich für Social Freezing in Spanien entschieden hat. Sie war mit der Klinik sehr zufrieden. Das hat mich überzeugt. Dazu kam auch, dass ich Spanisch spreche: Ich bin gebürtige Argentinierin und habe einige Zeit in Barcelona studiert. Aus früheren Recherchen wusste ich, wie unterschiedlich Behandlungen von Land zu Land sein können. Für Spanien sprach, dass die medizinischen Standards dort sehr hoch sind und die Verfahren als weniger invasiv gelten. Hinzu kam der erhebliche Preisunterschied zur Schweiz, wo ich lebe: Die Behandlung kostete mich 2.500 Euro, für die Medikamente zahlte ich weitere 500 Euro. In Zürich hätte ich etwa den doppelten Betrag aufbringen müssen.
Emilia (Name geändert), 33, tätig im Finanzsektor
Die Hormonbehandlung selbst verlief für mich unkompliziert. Es fühlte sich eher an wie die Tage vor der Menstruation: ein leichtes Völlegefühl, erhöhte Empfindlichkeit, ansonsten ging es mir gut. Ich hatte keine starken Stimmungsschwankungen, konnte meinen Alltag fortführen. Auch mein Arbeitgeber unterstützte mich und ermöglichte mir, im Homeoffice zu arbeiten.
Entscheidend in diesem Prozess war für mich vor allem die Frage nach dem Warum. Ich wollte sicher sein, dass ich diese Entscheidung aus eigener Überzeugung treffe und nicht aufgrund äußerer Erwartungen. Ich habe viele Freundinnen, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, und das hat mir geholfen, meine eigenen Wünsche klarer zu erkennen. Ich weiß, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt Mutter werden möchte.
Heute bin ich sehr froh über diese Entscheidung. In meinem Umfeld bekommen derzeit viele Menschen Kinder, und ich sehe, wie sehr sich ihr Leben dadurch verändert. Das bestärkt mich in dem Wunsch, mir noch Zeit zu lassen. Gleichzeitig gibt mir das Einfrieren meiner Eizellen ein großes Gefühl der Ruhe. Ich weiß, dass ich nicht ausschließlich von meiner biologischen Uhr abhängig bin.
Auch in meiner jetzigen Beziehung hat sich dadurch etwas verändert. Ich habe meinem Partner früh davon erzählt. Während des Prozesses hat er mich sehr unterstützt. Es hat uns geholfen, offen über Zukunft, Kinderwunsch und Erwartungen zu sprechen – und das ganz ohne Druck.
Ich würde jeder Frau raten, sich zunächst ehrlich zu fragen, warum sie diesen Schritt gehen möchte. Anschließend sollte sie sich gut informieren und nicht von der Angst leiten lassen. Es sollte immer eine Entscheidung für sich selbst sein. Für mich war es genau das. Emilia (Name geändert), 33, tätig im Finanzsektor
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