: „Ich war ja schon immer die Rebellin der Familie“
Binta Bah, die aus Gambia vor Frühehe und Beschneidung floh, hat in Bremen den Verein Lundu gegründet, um darüber aufzuklären und betroffenen Frauen zu helfen. Das gilt manchen in der Community als Tabubruch
Interview Petra Schellen Fotos Kay Michalak
taz: Frau Bah, Sie sind vor Frühehe und Beschneidung aus Gambia geflohen. Warum ist das so bedrohlich?
Binta Bah: Wenn ein Mädchen verheiratet wird, ist in vielen Kulturen klar, dass sie vorher beschnitten wird. Davor hatte ich Todesangst. Denn FGM (Female Genital Mutilation) – die Verstümmelung weiblicher Genitalien – wird ohne Betäubung und oft unter schlechten hygienischen Bedingungen durchgeführt. 25 Prozent der betroffenen Mädchen weltweit verbluten. Und diejenigen, die überleben, leiden oft lebenslang unter Schmerzen und Traumata.
taz: Wer hatte entschieden, wen Sie heiraten?
Bah: Meine Eltern. Als ich heiraten sollte, war ich 15 Jahre alt. Aber diese Frühehe war lange vorher vereinbart worden. Manche Mädchen werden schon als Babys erwachsenen Männern versprochen. Sie bekommen ein Band um ihr Handgelenk, das zeigt, dass sie vergeben sind. Wenn das Mädchen dann die erste Menstruation bekommt, geben die Eltern oft dem Heiratsinteressenten Bescheid.
taz: Wie verlief es bei Ihnen?
Bah: Ich wollte das nicht und habe mich erst mal geweigert und gesagt, ich brauche noch Zeit. Irgendwann hieß es dann: Jetzt muss es sein. Dieser Moment hat die Beziehung zu meinem Vater grundlegend verändert. Bis dahin war ich sehr eng mit ihm verbunden. Er wollte, dass ich zur Schule gehe, lehrte mich den ganzen Koran – obwohl Frauen bei uns meistens nur einige wenige Verse fürs Gebet beigebracht bekommen. Mein Vater war Händler, nahm mich überallhin mit, seine Geschäftspartner kannten mich. Es war außergewöhnlich für ein Mädchen, so engen Kontakt zum Vater zu haben.
taz: Inwiefern änderte er sich?
Bah: Seit dem Tag, an dem meine Mutter zu mir sagte, dass ich heiraten muss, erkannte ich das Gesicht meines Vaters nicht wieder. Dieses Lächeln, die gegenseitige Nähe – das alles war nicht mehr da. Heute denke ich, dass ihm der soziale Druck stark zugesetzt haben muss.
taz: Kannten Sie den Mann, den Sie heiraten sollten?
Bah: Ja. Er war der beste Freund meines Vaters und wesentlich älter als ich. Ich sah ihn als Vaterfigur. Und ich wollte mit meiner Flucht nicht nur der Beschneidung und der Ehe entkommen. Ich wollte auch weiterhin zur Schule gehen, statt mich nur noch auf Kinder und Familie zu beschränken.
taz: Wie haben Sie Ihre Flucht organisiert?
Bah: Dabei hat mich vor allem meine Tante unterstützt. Sie war auch zwangsverheiratet, aber ihr Mann hatte ihr erlaubt, Schule und Ausbildung fertigzumachen. Sie war Lehrerin in Gambia und hat das Potenzial in mir gesehen. Sie wollte, dass ich weiterlerne. Sie sagte zu mir: „Geh weg aus Gambia, damit du dich weiterbilden kannst.“ Und ich habe ihr vertraut. Sie versteckte mich vor meiner Familie, vermittelte mich an einen Fluchthelfer und half mir auch finanziell. Dass ich nach Bremen kam, war dann eher Zufall.
taz: Wie waren Ihre Anfänge in Bremen?
Bah: Ich kam ins Mädchenhaus, später in eine Pflegefamilie und war erst mal total überfordert. Ich wusste ja nichts über Deutschland, alles war fremd: das Essen, die Gepflogenheiten, die Mentalität …
taz: Wie sind Sie da durchgekommen?
Bah: Sehr wichtig war meine Therapeutin von Refugio Bremen, dem psychosozialen und psychotherapeutischen Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. Sie hat mir geholfen, die hiesige Kultur zu verstehen. Wenn Leute mich fragten, warum ich ausgerechnet nach Deutschland, nach Bremen gekommen bin, habe ich das anfangs sehr persönlich genommen und mich nicht willkommen gefühlt.
taz: Wie empfinden Sie solche Fragen heute?
Bah: Inzwischen weiß ich, dass die meisten Menschen das nicht aus bösen Willen fragen, sondern aus sachlichem Interesse. Auch, dass man seinem Gesprächspartner hier direkt in den Augen guckt, musste ich erst mal lernen. In meiner Heimat gilt das nämlich als respektlos.
taz: Und dann war da die Sache mit dem Kämpfen.
Bah: Ja. Wenn es bei uns Streit gibt, kämpfen wir oft, um zu sehen, wer gewinnt. So habe ich es jedenfalls erlebt. Wenn ich also hier in Bremen im Unterricht einen Konflikt hatte, dachte ich: Nach der Schule muss ich mit dieser Person kämpfen! Eine Mitschülerin sagte zu mir: „Binta, hier macht man das nicht so. Wenn du das machst, kommt die Polizei.“
taz: Wie sind Sie davon abgekommen?
Bah: Meine Therapeutin hat mir nochmal ganz in Ruhe erklärt, dass das hier nicht geht und dass man dann bestraft wird. Und jetzt, wo wir darüber reden, lache ich mich kaputt und denke: „Was habe ich da getan! Ich habe mich unnötig in Schwierigkeiten gebracht!“ Und ich bemerke bei vielen geflüchteten Jungs: Wenn die neu hier ankommen, denken sie, dass sie kämpfen müssen. Sie haben noch nicht verstanden, dass man Konflikte hier anders lösen kann.
taz: Wann wurde Ihnen die Tragweite des Problems bewusst?
Bah: Als ich ein paar Jahre lang ein afrikanisches Restaurant führte. Da kamen geflüchtete Jungs und Mädchen hin, und wir sprachen über die kulturellen Unterschiede. Und langsam wurde mir klar: Wir brauchen einen eigenen Raum, um darüber zu sprechen. Damit wir einander verstehen und zusammenleben können. Das war ein Grund, den Verein Lundu zu gründen.
taz: Was bedeutet der Vereinsname?
Die Frau
Binta Bah, 36, Kauffrau für Büromanagement, floh 2008 aus Gambia, machte ihren Realschulabschluss, eröffnete ein afrikanisches Restaurant und arbeitet seit 2022 im Frauenhaus der AWO Bremen. Sie ist Vorsitzende und Mitgründerin des 2021 entstandenen Vereins Lundu e. V., der sich gegen weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheirat engagiert. Der Landesfrauenrat Bremen hat sie zur Frau des Jahres 2026 gekürt.
Das Fest
Am 30. 5. lädt der Verein Lundu e. V. zum „Kulturfest der Frauen“ ins Bremer Kulturzentrum Schlachthof. Das Fest beginnt um 17 Uhr mit einer Podiumsdiskussion, ab 20 Uhr tritt die senegalesische Sängerin Ndeye Fatou Tine (Titi) auf.
Das Anliegen
Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation/FGM), betrifft nach Schätzungen der Unicef mindestens 230 Millionen Mädchen und Frauen in 94 Ländern. Konkrete Daten gibt es dem Bundesfamilienministerium zufolge aber nur aus 31 Ländern, unter anderem auf dem afrikanischen Kontinent sowie im Nahen Osten und Asien.
Es gibt drei „Stufen“ von FGM, sie reichen von der Teilverstümmelung bis zur vollständigen Entfernung der äußeren Genitalien – teils wird die Vulva zusätzlich nahezu komplett zugenäht.
Bah: Es ist der Name des Dorfs in Guinea, in dem meine Oma lebte. Sie war eine sehr mutige Frau. Unter anderem war sie die erste Frau im Dorf, die Fahrrad fuhr. Heute ist das dort selbstverständlich. Aber damals wurde es gefährlich für sie, weil es einen Tabubruch bedeutete, den die Umgebung nicht duldete. Daraufhin floh meine Oma mit ihrem Mann ins Nachbarland, nach Senegal. Dort war sie dann die erste Frau, die im Dorf in den „Rat“ der Männer eintrat.
taz: Wie schaffte sie das?
Bah: Ihr verstorbener Mann war Mitglied des Dorfrats gewesen und hatte ihn immer finanziell unterstützt. Nach seinem Tod baten die Ratsmitglieder meine Oma, weiterhin Geld zu geben. Sie sagte: „Ja, aber nur, wenn ich einen Sitz im Rat bekomme.“ Aber sie wollten keine Frau. Sie kamen noch mehrmals. Beim dritten Mal gaben sie nach und nahmen meine Oma auf. Seither haben in diesem Dorf auch Frauen Macht.
taz: Sie selbst sind auch kämpferisch und haben noch als Hochschwangere den Realschulabschluss absolviert. Gab es Widerstände?
Bah: Ja. Als meine Lehrerin entdeckte, dass ich im siebten Monat schwanger war, sagte sie, ich solle die Schule verlassen. Ich bin dann zum Jugendamt gegangen und habe zu meinem Sachbearbeiter gesagt: „Ich muss die Schule verlassen, weil ich schwanger bin.“ Er fand das überhaupt nicht in Ordnung. Er rief in der Schule an. Ich habe mitgehört, wir er laut wurde: „Sie ist nicht krank, sie ist nur schwanger!“ So kam es, dass ich die Schule weiterbesuchen durfte. Ich bin auch nicht in den Mutterschutz gegangen. Denn ich wusste: Wenn ich jetzt aussetze, bestehe ich die Prüfungen nicht und muss nochmal von vorne anfangen. Und ich habe es geschafft. Als ich dann mit Baby auf dem Arm mein Abschlusszeugnis abholte, stand da „Hauptschulabschluss.“
taz: Wie das?
Bah: Ja, eben! Ich habe das einmal, zweimal gelesen und gesagt: „Aber ich habe den Realschulabschluss!“ Da hieß es: „Ja, aber Ihr Deutsch war nicht so gut.“ Ich sagte: „Aber inhaltlich habe ich es geschafft. Ich möchte, was mir zusteht.“ Dann habe ich meine Pflegemutter angerufen. Sie war stocksauer, hat die Schule angerufen, dem Bildungssenator geschrieben, alles in Bewegung gesetzt … Irgendwann kam der Anruf, dass ich jetzt mein Realschulabschlusszeugnis abholen kann.
taz: Ihr Verein Lundu befasst sich heute vor allem mit der Beschneidung von Mädchen. Warum wurde das nötig?
Bah: Weil ich merkte: Obwohl etwa 80 Prozent der Frauen zum Beispiel aus Gambia beschnitten sind, wissen viele es nicht. Sie wissen auch nicht, welche „Stufe“ von FGM gemacht wurde, also wie tief der Eingriff war. Wenn FGM aber im Babyalter gemacht wurde, erinnert man sich kaum. Dazu kommt, dass das Reden über diese Erfahrung ein Tabu ist.
taz: Werden nicht alle Mädchen im selben Alter beschnitten?
Bah: Das ist in jeder Kultur anders. Viele Mädchen werden mit 12 oder 13 Jahren, mit Beginn der Menstruation beschnitten, andere im Babyalter. In Gambia machen es einige Kulturen traditionell in der Pubertät, andere beschneiden Zweijährige. Heute allerdings lassen viele Frauen, die selbst in der Pubertät beschnitten wurden, ihre eigenen Töchter schon als Baby beschneiden. Damit es schon gemacht ist, falls das Mädchen mit 15 flüchtet. Und das tun viele.
taz: FGM führen Frauen durch, oder?
Bah: Ja, Frauen schädigen Frauen, das schockiert mich immer wieder. Und es wird, wie erwähnt, ohne jede Betäubung durchgeführt. Das Mädchen kann dabei verbluten oder die Wunde entzündet sich. Am brutalsten ist die dritte Stufe von FGM, wo nach der weitgehenden Entfernung des äußeren weiblichen Genitalien die Wunde fast ganz zugenäht wird.
taz: Warum wird FGM überhaupt praktiziert?
Bah: Viele Kulturen hinterfragen diese Tradition nicht und praktizieren FGM aus Gewohnheit. Aber der eigentliche Grund ist: Die Frau soll beim Geschlechtsverkehr keine Lust empfinden. Ihre Jungfräulichkeit und eheliche Treue sollen auf diese Art sichergestellt werden. Und viele Menschen glauben an FGM. Dabei weiß ich sicher, dass es nicht im Koran steht, ich habe ihn ganz gelesen. Und ich gehe davon aus, dass es auch nicht in der Bibel und anderen religiösen Schriften steht. FGM wird praktiziert, um Frauen zu unterdrücken und zu demütigen. Dazu kommt ein enormer sozialer Druck: In den meisten von FGM betroffenen Ländern gilt eine unbeschnittene Frau als „unrein“. Ihre Mitschülerinnen grenzen sie aus und ihre Heiratschancen stehen schlecht.
taz: Wie verlief das erste Treffen mit betroffenen Frauen bei Lundu in Bremen?
Bah: Bewegend. Einige Frauen waren über 30 Jahre alt und hatten noch nie über diese Erfahrung gesprochen. An diesem Tag haben fast alle geweint. Einige haben so verzweifelt geweint, dass man merkte, der ganze Schmerz kommt auf einmal raus.
taz: FGM kann auch schwere Traumata erzeugen. Bietet Lundu auch Therapie?
Bah: Wir haben zwar eine ehrenamtliche Traumapädagogin, die einmal pro Woche kommt, aber wir brauchen dringend eine weitere Therapeutin. Ich selbst biete Aufklärung und Beratung an und versuche, die Frauen nicht mit offenen psychischen Wunden gehen zu lassen. Überhaupt ist mir Offenheit wichtig. Egal, was eine glaubt: Es ist Privatsache. Wenn ich Muslim bin, muss ich niemanden zwingen, auch Muslim zu sein. Wenn ich denke, FGM ist richtig, sollte ich das für mich behalten und keine Propaganda dafür betreiben. Denn klar ist: Leute, die unkritisch an FGM glauben, berauben sich der Chance zu lernen, was dahintersteht und welche Auswirkungen es hat.
taz: Wie reagiert die Bremer afrikanische Community auf Ihre Aktivitäten?
Bah: Da ich ein Tabu breche, indem ich über Details dieser Praxis informiere, werde ich immer wieder verbal attackiert und angeschrien. Sogar von Landsleuten, die in Bremen ihr Studium oder ihre Ausbildung absolviert haben und seit Jahren hier im Land arbeiten.
taz: Von wem kommt die Kritik?
Bah: Von Frauen! Sie sagen, dass ich FGM nicht erklären soll, weil ich ihr Schamgefühl verletze. Sie sagen: „Das macht unsere Kultur kaputt.“ Dabei macht ja die FGM-Praxis die Kultur kaputt, nicht das Reden darüber. Andere fragen mich, warum ich in Deutschland dagegen protestiere statt in Gambia.
taz: Was antworten Sie?
Bah: Erstens war ich damals in Gambia sehr jung und wusste noch nicht viel über FGM. Zweitens kann solcher Protest dort lebensgefährlich sein. Es gibt zwar Aktivistinnen in Gambia, die gegen FGM kämpfen. Das sind aber oft privilegierte Frauen, die zum Beispiel im Ausland ausgebildet wurden und zurückgekommen sind. Sie sind unabhängig, haben ihr Haus, ihre Arbeit und können sich leisten, darüber zu reden. Aber in manchen Kulturen bringen sie dich um, wenn du darüber redest.
taz. Wie stehen Ihre Eltern zu Ihrem Aktivismus?
Bah: Leider sind sie inzwischen beide verstorben. Sie fanden meine Aktivitäten nicht gut, aber sie ließen mich machen. Ich war ja schon immer die Rebellin der Familie … Und meine Schwester akzeptiert hundertprozentig, was ich mache.
taz: Wird FGM heimlich auch in Deutschland praktiziert?
Bah: Vermutlich ja. Dabei ist FGM sowohl hierzulande als auch in Gambia verboten. In Gambia haben im Jahr 2022 Tausende vorm Parlament für die Abschaffung von FGM demonstriert. Das ist ein enormer Fortschritt in einem Land, wo die meisten Frauen beschnitten sind. Aber genauso viele Menschen demonstrierten damals für FGM. Da hält der Präsident lieber still, weil er keine Wählerstimmen verlieren will.
taz: Sie arbeiten hauptberuflich im Bremer Frauenhaus. Welche Schicksale begegnen Ihnen?
Bah: Es kommen Frauen aus allen Kulturen und Kontinenten. Wenn ich ihre Geschichten höre, merke ich, dass viele unserer Eltern in häuslicher Gewalt leben, aber sie merken es nicht. Häusliche Gewalt äußert sich ja nicht nur körperlich. Sie kann auch psychisch sein. Manipulation, Unterdrückung, Demütigung gehören dazu. „Du darfst nicht reden, wenn dein Mann redet.“ Oder „Dein Mann bringt das Geld nach Hause, du darfst nicht arbeiten und musst deinen Körper deinem Mann geben, jederzeit, wenn er dich ruft.“ Manche Männer holen Frauen aus ihrer Heimat nach und nehmen ihnen dann die Pässe weg. Das ist alles häusliche Gewalt – und viele Frauen haben verinnerlicht, dass das normal ist. Ist es aber nicht. Dessen muss man sich bewusst werden.
taz: Und in Ihrer Freizeit, im Ehrenamt hören Sie dann die Geschichten der Frauen bei Lundu. Wie ertragen Sie das alles?
Bah: Es ist schon belastend, aber ich bin dadurch auch positiv gewachsen. Weil ich andere stärken kann. Außerdem habe ich in meiner eigenen Kindheit häusliche Gewalt erlebt und als Normalität gesehen. Trotzdem hatte ich schon früh das Gefühl: „Das ist ungerecht.“ Diese Erkenntnis schafft Distanz – und das möchte ich gern weitergeben. Denn ein klarer Blick hilft den Frauen, aus der Opferrolle rauszukommen. Und mir hilft es, ihre Schicksale zu verkraften.
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