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Zustand des WaldesEichenprachtkäfer frisst sich durch

Jede zweite Eiche hat Schäden, die Kronen sind licht. Dabei gilt die Baumart als Hoffnungsträger für den gestressten Wald im Klimawandel. Und nun?

Den Eichenprachtkäfer gibt es in Deutschland schon immer, den Eichen fehlen nun aber die Abwehrkräfte gegen ihn Foto: Ralph Martin/imago/Agami

Ein gefräßiger Schönling setzt dem Wald zu. Genauer: den Eichen, die bisher als klimastabil galten und darum als Hoffnungsträger für den Wald der Zukunft. Doch jetzt frisst sich der grün metallisch schimmernde Eichenprachtkäfer durch. Er – lateinischer Name: Agrilus biguttatus – macht auch keinen Unterschied zwischen alt und jung. Das zeigt die Waldzustandserhebung 2025, die CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer am Dienstag vorgelegt hat.

Es ist die jährliche Bauminventur, bei der der Zustand der Baumkronen und die Absterberate bundesweit stichprobenartig eingeschätzt werden. Daran lässt sich ablesen, wie sich der Wald entwickelt. Der gilt als Verbündeter im Kampf gegen die Erderhitzung, weil er Treibhausgase speichert – aber nicht nur. „15 Minuten Spazierengehen im Wald reduziert das Stressempfinden, senkt den Blutdruck, die Herzfrequenz und vermindert Stresshormone im Blut“, schreibt zum Beispiel die Techniker Krankenkasse.

Der Wald, der immerhin ein Drittel Deutschlands bedeckt, ist weit mehr als romantisch. Und die Eiche ist eine der „Big Four“, der vier Hauptbaumarten hierzulande. Doch seit Beginn der Erhebung im Jahr 1984 geht es dem symbolträchtigen Baum so schlecht wie nie. Gut jede zweite Eiche zeigt schon seit 2024 „deutliche Kronenverlichtungen“. Anders gesagt: 51 Prozent haben diese enormen Schäden.

Das ist auffällig, auch weil sich der Zustand anderer Bäume nicht derart verschlechtert hat. Zum Beispiel die Fichte. Dürre und Hitze haben sie in den vergangenen Jahren verdorren lassen, Waldbrände, Stürme, Borkenkäfer gaben ihr den Rest. 2025 hat sie sich, wenn auch nur leicht, erholt: 38 Prozent hatten deutliche Schäden, 2024 waren es noch 39 Prozent. Die Buche sieht wieder viel grüner aus – nach 46 Prozent in 2024, sind nun 38 Prozent deutlich licht.

Vier von fünf Bäumen sind krank

Der Kiefer geht es indes schlechter: Statt 24 Prozent wie im Jahr 2024 haben jetzt 31 Prozent eine deutlich geschädigte Krone. Die Kiefer ist damit aber nicht so unter Druck wie andere Baumarten, schon gar nicht so wie die Eiche. Dabei gilt die Eiche eigentlich als robust. Ihre Wurzeln sind tief, oft bis zum Grundwasser.

Allen Baumarten geht es schlechter als vor den Dürrejahren ab 2018

Nicole Wellbrock, Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut

Wofür also steht ihr schlechter Zustand? Für einen allgemeinen Trend. So sieht das Nicole Wellbrock. Sie ist Expertin für Waldökosysteme am Thünen-Institut im Brandenburgischen Eberswalde, koordiniert die Waldzustanderhebungen seit vielen Jahren und sieht anders als manche Experten „keine echte Erholung“ des Waldes. Noch immer sind vier von fünf Bäumen krank.

Wellbrock sagt: „Allen Baumarten geht es schlechter als vor den Dürrejahren ab 2018.“ Daran habe auch der Regen im Juli vergangenen Jahres nichts ändern können. Die lang anhaltenden Perioden von Trockenheit und hohen Temperaturen der vergangenen Jahre haben alle geschwächt, längst auch die Eiche. „Da haben Eichenprachtkäfer und andere Schädlinge nun leichteres Spiel“, meint die Expertin.

Den Eichenprachtkäfer gibt es in Deutschland schon immer, den Eichen fehlen nun aber die Abwehrkräfte gegen ihn. Von den Fraßfeinden erhole sich die Eiche zwar auch wieder, dennoch bleibe sie wie alle anderen Bäume im Stress, sagt Wellbrock – zumal der Klimawandel zunehme, die nächsten Dürren kämen.

Es gehe darum, die Wälder zu erhalten und umzubauen. Die Bundesregierung stellt mit ihrem Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ Geld für die Renaturierung des Waldes zur Verfügung. Am besten seien Mischwälder, sagt Wellbrock. Gefräßige Käfer, die auf einzelne Baumarten spezialisiert seien, könnten sich dann nicht einfach so durchfressen.

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