US-Drohungen gegen Iran: Zwischen Verhandlung und Abnutzung
US-Präsident Trump behauptet, auf Bitten der Golfstaaten von einem Angriff auf Iran abgesehen zu haben. Die Verhandlungen scheinen zu stagnieren.
Die Nachricht war kryptisch. US-Präsident Donald Trump hatte letzte Nacht erklärt, dass er einen für Dienstag geplanten Militärschlag auf Iran vorerst abgeblasen habe. Die Staats- und Regierungschefs von Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten hätten ihn gebeten, nicht anzugreifen. Sie rechneten mit einer Einigung, die für die USA und die Länder im Nahen Osten sehr akzeptabel sein werde, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social.
Seitdem wird gerätselt, wie es zu dieser Aussage kam und was genau zwischen den Golfstaaten und Trump vorgefallen ist. Laut Angaben des CNN Analysten Barack Ravid sprach ein nicht namentlich genannter US-Regierungsbeamter von der geeinten Botschaft aus Riad, Doha und Abu Dhabi, „Verhandlungen eine Chance zu geben, denn wenn Iran erneut angegriffen wird, zahlen wir alle den Preis“. Eine weitere Quelle habe Ravid bestätigt, dass die drei Golfstaaten fürchten, dass Iran als Antwort auf einen Angriff erneut ihre Öl- und Energieanlagen angreifen würde, schrieb er auf X.
Was genau zwischen Trump und den Golfstaaten vorgefallen ist und was Trump dazu brachte, seine Angriffsentscheidung zu revidieren, ist unklar. Fest steht nicht einmal, ob wirklich ein US-Angriff bevorstand. Laut Wall Street Journal erklärten mehrere Vertreter der Golfstaaten, nichts von angeblichen Angriffsplänen gewusst zu haben. Es ist bekannt, dass Saudi-Arabien die Ablehnungsfront gegen den Irankrieg anführt, während die Arabischen Emirate am ehesten auch selbst zu einem Militärschlag gegen den iranischen Nachbarn bereit wären.
Klar ist: Wenn die Golfstaaten einen weiteren Angriff abgewendet haben, dann stehen sie damit in direktem Widerspruch zum israelischen Premier Benjamin Netanjahu, der Trump nun seit Wochen antreibt, den Job in Iran zu Ende zu bringen. Hat Trump zu Beginn des Krieges auf Netanjahu gehört und sich von diesem zu dem ursprünglichen Angriff drängen lassen, sind es diesmal die Golfstaaten, die das Ohr Trumps gefunden zu haben scheinen.
Trump würde die totale Eskalation riskieren
Vielleicht waren es auch andere Faktoren, die Trump zu seinem Meinungsumschwung brachten. Etwa sein eigenes Militär, das die Frage gestellt hat, was denn genau das strategische Ziel erneuter Angriffe sei. Eine erneute militärische Aktion wäre wahrscheinlich begrenzter Natur – gedacht dazu, die Iraner zu weiteren Zugeständnissen bei den Verhandlungen zu bringen.
Doch eine solche Aktion birgt die Gefahr, dass die Dinge völlig aus dem Ruder laufen. Die Iraner haben angekündigt, dass sie im Falle weiterer Attacken noch Karten im Ärmel stecken haben, die sie bisher nicht zu Einsatz gebracht haben. Das gesamte saudische Erdöl wird im Osten des Landes produziert und ein Großteil über die dortige Meerenge von Hormus verschifft. Ein nicht unwesentlicher Teil jedoch wird über Pipelines in den Westen an die Küste des Roten Meeres gepumpt und dort verladen, in Umgehung der Straße von Hormus.
Ein massiver iranischer Angriff auf die saudischen Verladeanlagen würde bedeuten, dass nicht nur 20 Prozent der weltweiten Öllieferungen unterbrochen würden, die Hormus passieren. Dieser Anteil würde durch die Unterbrechungen der Lieferungen über das Rote Meer noch gesteigert. Vielleicht ist gerade deshalb Saudi-Arabien einer der vehementesten Gegner des Krieges.
In Irans neustem Vorschlag fordert Teheran laut einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur, dass nicht nur die US-Seeblockade gegen Iran beendet wird, sondern auch die Sanktionen gegen das Land aufgehoben und eingefrorene iranischen Gelder freigegeben werden.
Trump besteht auf Atomdeal
Zusätzlich verbindet Teheran eine Verhandlungslösung mit einem Ende der israelischen Intervention im Libanon und dem Abzug von US-Truppen aus der Golfregion. Die Iraner handeln frei nach dem Motto: Je mehr Forderungen ich in den Raum werfe, umso mehr können am Ende Abstriche für Kompromisse gemacht werden.
Trump besteht dagegen vor allem auf einen Atomdeal, in dem Iran auf lange Zeit kein Uran mehr anreichert und das bereits angereicherte abgibt. Er braucht einen Deal, der weitergeht, als jener Atomdeal, den die Iraner zuvor mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama ausgehandelt hatten und den Trump zerrissen hat. Das, sagen die Iraner wiederum, käme einer Kapitulation gleich und werde deswegen nicht passieren.
In diesem Verhandlungspatt spielt Trump den brüllenden und dann wieder geduldigen Löwen. Letzten Mittwoch verkündete er, Iran wolle einen Deal, „sie haben uns angerufen“. Am Donnerstag, man studiere die iranischen Vorschläge, am Freitag, „Wir sind ganz nah dran“. Am Samstag: „Iran weiß, was zu tun ist“. Am Sonntag in Großbuchstaben: „VERNICHTUNG, TOTAL UND KOMPLETT“. Letzten Montag: „Der Sturm zieht auf“, und jetzt will er wieder mehr Zeit geben, nachdem er angeblich einen Angriff abgeblasen hat.
Das Problem mit Trumps Drohgebärden: Sie nutzen sich ab. Und dabei sind die Forderungskataloge beider Seiten im Wesentlichen über die letzten Wochen ziemlich gleich geblieben. Es scheint fast so, als hätten die Iraner Trump schon längst in einen neuen Krieg verwickelt: einem Verhandlungs-Abnutzungskrieg.
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