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Tempel-Moschee-Streit in IndienWem gehört Bhojshala?

Ein Gericht hat ein von Muslimen genutztes historisches Gelände allein Hindus zugesprochen. Ein neuer Konflikt wie um die Babri-Moschee in Ayodhya?

Hinduistische Feierlichkeiten im Bhojshala-Komplex in Dhar am Sonntag, nach einer Gerichtsentscheidung Foto: ANI/imago
Natalie Mayroth

Aus Mumbai

Natalie Mayroth

Mit ernster Miene halten zwei Männer Bilder von Verstorbenen in die Kamera. Am Dienstag haben sich Mitglieder der hinduistischen Gemeinschaft aus Dhar im zentralen Bundesstaat Madhya Pradesh auf dem historischen Bhojshala-Kamal-Maula-Komplex versammelt. Eigentlich haben sie Grund zu feiern, was sie auch tun. Denn in der vergangenen Woche hatte das oberste Gericht des Bundesstaates die Anlage zum Hindutempel erklärt. Im Urteil heißt es, der religiöse Charakter entspreche einem Sakralbau, welcher der Hindu-Göttin Saraswati gewidmet sei.

Die oppositionelle Kongresspartei kritisiert das Urteil im von der hindunationalistischen BJP-regierten Madhya Pradesh. Der Kongresspolitiker Digvijaya Singh wirft der Partei von Premierminister Narendra Modi vor, die Angelegenheit bewusst zur Polarisierung zwischen Hindus und Muslimen zu nutzen. Die BJP feiert hingegen: Es handele sich nicht nur um einen Tempel, sondern um einen „Sieg des Glaubens, des Kampfes und des Entschlusses von Millionen Gläubigen“, heißt es in einem Social-Media-Post einer BIP-Organisation.

„Heute, da Gebete und Gottesdienste in der Gegenwart von Maa Saraswati wieder aufgenommen werden, empfinden Millionen von Gläubigen einen tiefen emotionalen Triumph“, betont die BJP-Unterstützerin Priti Gandhi.

Im Gerichtsurteil wurde argumentiert, dass der mittelalterliche Bhojshala-Komplex ein Zentrum für die Lehre der altindischen Sprache Sanskrit gewesen sei. Die Anlage wird mit dem Hindu-König und Förderer der Künste Raja Bhoja (1010–1055) der Parmar-Dynastie zugewiesen.

Zuletzt abwechselnde Nutzung durch Muslime und Hindus

Der Streit schwelt schon lange und reiht sich ein in eine Serie von umstrittenen Moscheen. His­to­ri­ke­r:in­nen gehen davon aus, dass die heutige Anlage mehrfach verändert wurde und sowohl hinduistische als auch islamische Elemente enthält. 2003 kam es zu einer gewaltsamen „Bhojshala-Befreiungsbewegung“ durch Hindu-Aktivisten, bei der mutmaßlich drei Männer der Gemeinschaft starben. An sie wurde jetzt während der Feierlichkeiten zum Urteil mit Fotos erinnert.

Über zwanzig Jahre hinweg galt eine gerichtliche Regelung, nach der Muslime freitags beteten und Hindus dienstags ihre Puja durchführen. Dieser Kompromiss wurde erfolgreich angefochten. Laut Urteil soll die muslimische Gemeinschaft ein alternatives Grundstück erhalten, während Bhojshala für hinduistische Gottesdienste und Rituale reserviert bleibt.

1875 wurde auf dem Gelände eine Statue der Göttin der Weisheit ausgegraben. Vor Gericht wurde auf eine 2024 durchgeführte Studie der indischen Denkmalbehörde ASI verwiesen. Dabei waren über 1.700 Relikte entdeckt worden, darunter Säulen und Skulpturen, die mit der hinduistischen Ikonografie von Tempeln in Verbindung gebracht werden. Auch sei das Gebäude, das Muslime Kamal-Maula-Moschee nennen, „Jahrhunderte später“ errichtet worden.

Die muslimische Seite legte historische Dokumente vor, wonach der Grundstein der Moschee Anfang des 14. Jahrhunderts gelegt worden sei. Im Urteil wird darauf Bezug genommen: Die Moschee sei keine eintausend Jahre alt und folglich jünger als ein Tempelbau aus dem 11. Jahrhundert. Zudem könne nicht belegt werden, dass das Land damals einer muslimischen Stiftung gehört habe.

Der Streit um das Denkmal erinnert an den blutigen Konflikt um die Babri-Moschee in Ayodhya. Diese wurde 1992 bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit 2.000 Toten von Hindu-Aktivisten gewaltsam niedergerissen und 2024 mit Unterstützung der Modi-Regierung durch einen Rama-Tempel ersetzt. Bhojshala könnte zum nächsten interreligiösen Symbolstreit werden. Wieder einmal geht es um konkurrierende Geschichtsbilder, religiöse Ansprüche und politische Mobilisierung.

Konkurrierende Geschichtsbilder und politische Mobilisierung

Anders als bei Ayodhya dreht es sich bei Bhojshala nicht um eine einzelne Moschee, unter der ein Tempel vermutet wird. Vielmehr gilt die Anlage als gemeinsames religiöses Erbe. Hindu-Gruppen argumentieren, die Moschee sei teilweise mit Materialien eines früheren Tempels errichtet worden. Muslimische Vertreter verweisen darauf, dass dort seit über 700 Jahren islamische Gebete stattfinden. Sie wollen den Beschluss anfechten. Die Entscheidung sei „völlig einseitig“, kritisiert Abdul Samad von einer muslimischen Wohlfahrtsorganisation.

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