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Comeback von Manuel NeuerDer Torwart von gestern

Ruth Lang Fuentes

Kommentar von

Ruth Lang Fuentes

Manuel Neuer feiert sein Comeback. Der „Sweeper-Keeper“ aus Gelsenkirchen bringt einen Hauch von Nostalgie mit. Doch 2014 wird nicht zurückkehren.

Manuel Neuer 2022 bei der WM in Katar Foto: Han Yan Xinhua/eyevine/laif

E s ist endlich offiziell. Also fast. Jedenfalls laut Bild-Zeitung: Manuel Neuer is back. Back im Fußballnationalteam der Männer, aus dem er nach der EM 2024 mit 38 Jahren eigentlich zurückgetreten war. Ja, sogar als Nummer eins im Kader für die Weltmeisterschaft nächsten Monat wird er antreten.

Und, wenn die Bild das verkündet, dann ist das fast offizieller als die für Donnerstag geplante Bekanntgabe des WM-Kaders durch Bundestrainer Julian Nagelsmann höchstpersönlich. Auch DFB-Torwart Oliver Baumann wisse schon Bescheid, heißt es. Er fährt, mit seinen jungen 35 Jahren, doch nur als Ersatzkeeper zur WM. Obwohl er die DFB-Mannschaft durch die WM-Quali gebracht hat, muss er der Torwart-Legende Neuer (erfahrene 40) weichen.

Nagelsmann hält sich zu der Entscheidung noch bedeckt. Währenddessen haben sich aber schon die viel relevanteren deutschen Fußballstimmen geäußert: Lothar Matthäus versteht die Entscheidung aus sportlicher Sicht; was ihm nicht gefällt, sei die intransparente Art und Weise, wie Nagelsmann kommuniziere. Oliver Kahn spricht aus eigener Erfahrung und befürchtet, dass Neuer mit seinen 40 Jahren die WM nicht mehr auf allerhöchstem Niveau durchhalten könnte. Und Markus Söder weiß einfach: „Es macht Deutschland ein Stück stärker.“

Klar, Neuer ist auf jeden Fall ein Weltklasse-Torwart, der oft neben Iker Casillas und Gianluigi Buffon als einer der Top-Torhüter der letzten Jahrzehnte genannt wird. Letzterer spielte übrigens auch noch bis ins hohe Fußballalter von 40 Jahren für die italienische Nationalmannschaft – nur schaffte diese damals nicht die WM-Quali.

Der „Sweeper-Keeper“ aus Gelsenkirchen mit seinem Hang zum Mittelfeldspieler bringt aber vor allem eines mit: einen Hauch von Nostalgie. Denn Neuer war schon damals dabei, in den vermeintlich sorglosen Zeiten, als die deutschen Männer zum letzten Mal Weltmeister wurden. Als Deutschland noch stark war.

Damals 2014 …

Vielleicht ist es gar nicht wirklich sein Können, weswegen Nagelsmann den Keeper nochmal aus der Fast-Rente zurückholt. Sondern: eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach 2014. 2014, das war das Jahr, als das Internet noch ein vermeintlich unverdorbener Ort war. Voll „Ice Bucket Challenge“, Conchita Wurst, Latte Art und Skinny Jeans. Manuel Neuer machte als junger, blonder Bursche im Fernseher mit Mats Hummels und Mesut Özil Werbung für Nutella. Das Leben war gut.

Ja, okay, die Klimakrise war voll im Gange. Und es war auch das Jahr der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland, des Völkermords an den Jesiden in Irak und einer schrecklichen Ebola-Epidemie in Westafrika. Und in Dresden gründete sich Pegida. 2014, das war streng genommen die allerletzte Ruhe vor dem Sturm.

Aber man muss ja auch nicht immer alles gleich so politisieren. Die eigentliche Frage ist doch schließlich: Wo waren Sie damals, als Deutschland die Brasilianer in ihrem eigenen Land mit 7:1 vom Platz fegte? Erinnern Sie sich auch an die legendären Paraden von Manuel Neuer? Und dann auch noch das Finale: Schland gegen Argentinien! Sogar Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck flogen extra nach Brasilien.

So glücklich wie damals im Freudenrausch auf der VIP-Tribüne haben wir „Mutti“ nie wieder erlebt. Es gab sogar ein Selfie mit der Mannschaft in der Kabine. Beim Public Viewing ertönte „Happy“ von Pharrell Williams und wir feierten zu „Atemlos durch die Nacht“ den letzten richtigen Triumph der Fußballmänner. Na, kommen da nicht nostalgische Gefühle auf? Genau so soll es bitte wieder werden, oder?

Nur eine kleine Unsicherheit bleibt, eine Wadenblessur bei Neuer könnte im letzten Moment alle Träume platzen lassen. „Hält die Wackel-Wade?“, fragt die Bild ängstlich. Und klärt auf: Es handle sich nicht um eine strukturelle Muskelverletzung. Glück im Unglück? Seien wir ehrlich: 2014 wird nicht zurückkehren. Und Manuel Neuer kann – sollte er wirklich zur WM fahren – nur verlieren.

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Ruth Lang Fuentes
Autorin
Geboren 1995 in Kaiserslautern, bis Januar 2023 taz Panter Volontärin. Sie studierte Mathematik in Madrid und Heidelberg. Schrieb dort für Studierenden- und Regionalzeitung. Seit 2022 schreibt sie im Wechsel mit Aron Boks die taz.FUTURZWEI-Kolumne "Stimme meiner Generation".
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17 Kommentare

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  • Es ist wohl eine noch verlässlichere Tradition als Lederhosen auf dem Oktoberfest: Da droht ein Fußballturnier, und die Nation versenkt sich in die eine Frage, wer "für Deutschland" im Tor stehen darf - also der Position, an der die zugehörige Mannschaft schon immer rein sportlich die wenigsten Probleme hatte. Wenn man diesem Kommentar hier glauben darf, spiegelt sich in dieser Frage sogar das gesamte zeitgeschichtliche Gefühlsleben der Bevölkerung wider.



    Muss das sein? Eigentlich ist jede hoch aufgehängte Befassung mit diesem Thema reinste Realitätsverweigerung.

  • Das Einzige was an dieser Sache von gestern ist, ist die katastrophale und menschlich fragwürdigen Kommunikation des Bundestrainers. Der hätte längst einen klaren Schnitt machen müssen oder vermitteln, dass es einen offen Wettkampf gibt und zum Schluss der im Tor steht, der zu dem Zeitpunkt das beste Gesamtpaket mitbringt. Und da seh ich Baumann aktuell auch nicht wirklich vor Neuer. Ter Stegen wärs gewesen, aber der hat diese Saison gerade mal 2 Spiele gemacht.

    Mich wundert nur, dass es die taz überhaupt tangiert. Wo doch Nationalmannschaften eh großer Mist sind und die WM sowieso "boykotiert" wird.

  • Wer noch gut genug für die beste Deutsche Vereinsmannschaft ist, ist auch gut genug für die Nationalmannschaft. Neuer hat durchgehend gute, bis sehr gute Leistungen gezeigt. Wenn der Kader dann mal bekannt ist wird man das nicht von jedem nominierten behaupten können.

  • Passend zur Weltlage - von gestern.



    Gestern ist allseits der Wunsch, von USA, Europa über Russland bis China.



    Bin gespannt wann Zukunft wieder Trend wird - hoffe das passiert noch zu meinen Lebzeiten

    • @Astrid Sehnefeld:

      Zukunft wird dann wieder Trend, wenn das Wort "progressiv" wieder mehr ist als ein Label, das man auf Dinge klebt, nur weil sie einem sympathisch sind.

  • Keine Mannschaft braucht einen 40 jährigen, zurückgetretenen, ehemaligen Weltklassetorwart.



    Irgendwann muss auch mal Schluss sein.

  • Konsequent. Alte Leute sollen ja länger arbeiten 😊

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      thumps up.

      Weder lohnt es sich auf einzelne Personenvergleiche einzugehen, noch daran die Welt aufzuhängen.

      Anderseits, wenn Rentner, dann richtig. Wie der Postillion berichtet, soll Sepp Maier reaktiviert werden.

      • @fly:

        „... soll Sepp Maier reaktiviert werden." Ja. Für die „heute-SHOW". als ModeraTOR.

  • Dass die TAZ jetzt schon hellsehen kann, ist doch bewundernswert, aber noch spannender ist die Tatsache, dass die TAZ eine Meldung der BILD-Zeitung kommentiert und diese sogar als ungeprüft als wahrscheinlich akzeptiert. Gab es das in der TAZ-Geschichte schon einmal?



    Nun, Problem 1 ist, dass es sich nur um ein Gerücht handelt. Besser macht es das keinesfalls, denn die TAZ-Leser stehen sicher nicht auf BILD-Zeitungsgerüchte.



    Problem 2 ist, dass niemand zu diesem Zeitpunkt weiß, ob Manuel Neuer zur WM fahren wird und erst recht nicht, wie er, wenn er im Tor stehen würde, halten würde.



    So viele Spekulationen und die TAZ mittendrin.



    Und jetzt eine wirkliche Frage, über die die Taz spekulieren kann: Wird Deutschland Weltmeister?



    Das weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die BILD-Zeitung.

  • Ich warte den gesamten Artikel auf eine Erklärung, warum 2014 nicht „zurückkehren“ werde. Aber nur am Ende wird die Aussage aus dem Titel nochmal wiederholt und ohne Begründung oder Argumente als Fakt dargestellt. Irgendwie enttäuschend, weil ich mich die gesamte Zeit genau darüber gewundert habe, wie die Autorin auf diese Aussage kommt.

    • @Kornelius Rohrschneider:

      Und was bringt sie auf den Gedanken, dass 2014 zurückkehren wird? Da wäre ich auch mal auf genauere Ausführungen gespannt.



      So bin ich ehrlich gesagt enttäuscht von dem Kommentar...

  • Ganz üble Entscheidung, wenn es wirklich so kommt.



    Sportlich gibt es keinen überzeugenden Grund, aktuell Neuer gegenüber Baumann vorzuziehen. Für Nagelsmann's Glaubwürdigkeit und Poistion bei den Spielern ein absolutes Eigentor, Baumann ohne Not dermaßen abzusägen, entgegen monatelanger anderlautender Aussagen.

  • Jetzt sind die anderen ohnehin niedergemacht, jetzt wird es Manuel Neuer auch machen müssen - nur: kennt er noch die Mannschaft, kennt die ihn noch? Wenn er es nicht hinbekommt, ist der Nächste nur der Zweite.

    Deutschland hatte selten ein Torwartproblem, die Kölner Schule, die Schalker oder Münchner Bank brachten immer mehrere Cracks hervor, die in ganz Europa hätten spielen können. Warum macht sich der Issinger gerade selbst ein Problem auf?

  • Man könnte 2014 auch einfach als einen, sicherlich markanten Abstiegspunkt der deutschen Gesellschaft hin zu noch mehr Hass, Hetze und Faschismus begreifen.



    Hinterher sieht man immer klarer und deutlicher.

    • @Tiene Wiecherts:

      Man sollte es wert so sehen: Erfolg lässt Unterschiede verschwinden und stärkt den Zusammenhalt. Im Misserfolg bricht alles wieder auf. Daher sollte das Ziel auch Erfolg sein.

      Zum Thema: Neuer hat seine Weltklassespiele, aber auch regelmäßige Patzer und ist verletzungsanfällig. Außerdem sollte man 2 Jahre Konsistenz nicht über Bord werfen und Vertrauen verspielen für zweifelhaften Erfolg.

  • Schön geschrieben.



    Advantage für den Keeper:



    Sonderregelung für die Nachnominierung bei Ausfall.



    Außerdem aktuell bei web.de



    "Bundestrainer Julian Nagelsmann plant möglicherweise mit vier Torhütern für die Fußball-Weltmeisterschaft. Nach SZ-Informationen gibt es im Trainerstab der deutschen Nationalmannschaft die konkrete Überlegung, mehr als die üblichen drei Torhüter für das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) zu nominieren.



    Neben Rückkehrer Manuel Neuer und dem Hoffenheimer Oliver Baumann dürften dann noch Alexander Nübel (VfB Stuttgart) und Jonas Urbig (Bayern München) dabei sein."



    Diesen Luxus haben andere Sport-Nationen nicht, alle sind Extraklasse.