Correctiv und NSDAP-Mitgliederkartei: Copy and Waste
Katapult und Correctiv wollten die Suche im NSDAP-Archiv schnell zugänglich machen – ohne Bezahlschranke. Dabei haben sie die Quellenprüfung vergessen.
D as Ende des „Dritten Reichs“ ist jetzt 81 Jahre her. Datenjournalist*innen, Entwickler*innen und Archivar*innen spielen eine große Rolle dabei, die Erinnerungen daran für die Nachwelt zu erhalten und erfahrbar zu machen. Dass es ein großes Interesse an digitalen Archiven gibt, zeigen die Zugriffszahlen in Millionenhöhe, seitdem das US-Nationalarchiv im März die NSDAP-Mitgliederkartei digital zugänglich gemacht hat. Obwohl das Archiv nicht User-freundlich gestaltet ist, man in die Akten zoomen muss, um überhaupt zu erkennen, um wen genau es hier jetzt eigentlich geht, war die Seite immer wieder wegen Überlastung nicht erreichbar.
Als die Zeit und der Spiegel jeweils eigene Datenbanken mithilfe von KI-Tools aufbauten, die die Millionen an US-Daten dann besser durchsuchbar machten, erhofften sie sich vermutlich eine ähnliche Resonanz. Und sie erhielten international viel Aufmerksamkeit. Unter anderem berichteten BBC, CNN und CBC über die Möglichkeit, nun danach zu suchen, ob die eigene Großmutter oder der Nachbar Mitglied bei der NSDAP war. „Das Tool wurde millionenfach aufgerufen und tausendfach geteilt. Wir haben dazu Nachrichten im vierstelligen Bereich erhalten“, schreibt eine Verlagssprecherin der Zeit auf Anfrage.
Die Datenbanken werden als wichtiges Tool für Erinnerungsarbeit angesehen. Auch das Bundesarchiv stellt schon lange Unterlagen zur Verfügung, wenn man eine Anfrage zu einer konkreten Person stellt – kostenlos. Die digitalen Suchfunktionen von Spiegel und Zeit senken aber die Hürden. Gleichzeitig gibt es auch Kritik: Die Suche steht nur hinter der Bezahlschranke zur Verfügung. Deshalb ist die Idee von Correctiv und Katapult, gemeinsam eine NSDAP-Mitgliederkartei aufzubauen, die kostenfrei zugänglich ist, erst einmal ein begrüßenswerter Schritt. Aber gut gewollt ist nun mal nicht immer gut gemacht.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Denn kurz nachdem Correctiv und Katapult am 11. Mai die Datenbank veröffentlicht hatten, mussten sie sie auch schon wieder runternehmen. Die Zeit teilte Correctiv nämlich mit, dass die Daten vermutlich von ihnen stammten. Wie konnte das passieren? Katapult und Correctiv haben die Aufbereitung der Daten von dem externen Entwickler Christoph Reith und seinem „brownarchive“ verwendet, das derzeit nicht online zugänglich ist. Es gab „deutliche Hinweise auf Übereinstimmungen“ etwa bei Datensätzen und Kartenbildern, schreibt die Zeit-Verlagssprecherin auf taz-Anfrage.
Vertrauen in journalistische Arbeit sinkt
Correctiv entschuldigte sich inzwischen in einer ausführlichen Mitteilung auf ihrer Website. „Die Veröffentlichung in dieser Form entspricht nicht unseren journalistischen und dokumentarischen Standards“, schreibt Correctiv. Bei Katapult lässt sich bisher keine Erklärung finden, im Newsletter wolle das Magazin darauf aber noch eingehen, schreibt der Herausgeber Benjamin Fredrich der taz. Wie immer bei Fehlern, die Medien machen, ist eine transparente Fehlerkultur besser als nichts, aber: The damage is done.
Die Veröffentlichung von vermutlich geklauten Daten schadet dem Vertrauen in journalistische Arbeit. Gerade bei historischen Archiven und großen Datensätzen müssen Herkunft, Aufbereitung und Kontrolle der Daten nachvollziehbar sein. Wer Millionen Dokumente veröffentlicht, übernimmt Verantwortung für Genauigkeit und Transparenz. Die Daten müssen eingeordnet werden, die Ergebnisse überprüft, besonders wenn sie wie bei diesem 80-Millionen-Karteikarten-Datensatz auch mit KI erzielt wurden. Hat sie die handschriftlichen Namen, Geburtsorte, Tage des Parteieintritts wirklich korrekt entschlüsselt?
Diese Checks sind aufwendig und es braucht Ressourcen: Entwickler*innen bauen die Datenbanksysteme, Datenjournalist*innen suchen die Geschichten in den Daten. Visualisier*innen bereiten die Informationen verständlich auf. Das ist Teamarbeit. Und nur wenige Redaktionen verfügen über die notwendigen Ressourcen. Die Lehre aus dem Fall lautet deshalb: Datenjournalismus muss ausgebaut und finanziert werden. Gute Datenrecherchen entstehen nicht nebenbei. Sie brauchen Fachwissen, technische Infrastruktur und genügend Zeit für Kontrolle. Nur dann können solche Projekte Geschichte zugänglich machen, ohne neues Misstrauen zu erzeugen.
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert