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NahrungsergänzungsmittelDas Geschäft mit der Gesundheit

Kommentar von

Sofia Zharinova

Influencer-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel ist oft irreführend. Um Schaden abzuwenden, braucht es eine klarere Regulierung.

Viele bunte Pillen: Hinter Versprechen von Influencern steckt meistens keine Wissenschaft, sondern ein Geschäftsmodell Foto: Elena Safonova/Zoonar/imago

K leine bunte Tabletten sollen Krebs heilen, Depressionen lindern und die Libido steigern. Nichts hält In­flu­en­ce­r:in­nen davon ab, genau das zu versprechen – und dafür bis zu 10.000 Euro pro Post zu kassieren.

Hinter diesen Versprechen steckt meistens keine Wissenschaft, sondern ein Geschäftsmodell. Eines, das auf Kosten der menschlichen Gesundheit funktioniert. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel boomt: Rund 70 Prozent der Menschen in Deutschland greifen zu Kapseln, Pulvern und Tropfen. Mit Aussagen „in klinischen Studien erwiesen“ wird der Eindruck vermittelt, dass die Produkte seriös sind, oft zu Unrecht.

Die Verbraucherzentrale warnt vor „nicht verkehrsfähigen Nahrungsergänzungsmitteln“ sowie vor unzulässiger und irreführender Werbung. Die meisten dieser Aussagen tauchen im offiziellen Onlineshop gar nicht auf und Instagram-Stories verschwinden nach 24 Stunden.

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Laut Bundesinstitut für Risikobewertung kann es zu gefährlichen Folgen einer unnötigen Supplementierung kommen. So führte eine Überdosierung von Vitamin D bisweilen zu hohen Calciumwerten – mit Folgen wie Nierensteinen, Gefäßverkalkung und Herzrhythmusstörungen.

Gefährliche Wechselwirkungen

Vitamin K wiederum kann mit dem Blutgerinnungshemmer Warfarin wechselwirken und dessen lebensnotwendige Wirkung abschwächen.

Einige Nahrungsergänzungsmittel enthalten klar gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe. Giftiges Dinitrophenol wird in Europa illegal als Fatburner verkauft: 2015 gab es nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung sogar einen Todesfall nach der Einnahme des Präparats. Erst vor wenigen Wochen wurde in einer Honigpaste das Potenzmittel Sildenafil nachgewiesen – ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff, der schwere Nebenwirkungen wie Herzrasen oder Sehstörungen auslösen kann.

Über mögliche Nebenwirkungen hält sich die Werbung bedeckt. Fest steht: Es braucht strengere Regeln bei der Vermarktung solcher Präparate, um die Ver­brau­che­r:in­nen in Deutschland vor gesundheitlichem Schaden zu bewahren.

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5 Kommentare

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  • Ein wichtiger Artikel, der eine Gegenöffentlichkeit zur Gefährlichkeit der Verharmlosung darstellt.

    "Vitamin D3" z.B. greift direkt in den Hormonhaushalt ein und kann wie im Artikel beschrieben, überdosiert werden. Vitamin D3 ist zwar Teil der Osteporose Leitlinie. 1000IE pro Tag reichen aber, "mehr hilft mehr" gilt auch hier nicht uneingeschränkt

    Für Ernährung gibt es in Deutschland das Bundeszentrum für Ernährung als Behörde im Zuständigkeitsbereich des Bundesministerium für Gesundheit .



    www.bzfe.de/suche?...ungserg%C3%A4nzung

    Ein Problem international ist der "Dietary Supplement Health and Education Act" von 1994 , der Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel verharmlost und ein Eingreifen der FDA erst bei nachgewiesener Schädlichkeit erlaubt.



    Wie die langjährige Opoidkrise dort zeigt, ist bei "Tipps" aus den USA besondere Vorsicht angebracht.

    Die Themen Nahrungsergänzung, rezeptfreie Arzneimittel, frei verkäufliche Arzneimittel sollten in der TAZ häufiger behandelt werden.

  • Das Thema nur an Influencern festzumachen greift zu kurz.



    Seit Jahren werden in Apotheken, Zeitschriften usw alle möglichen Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Medizinischen Nutzen haben die wenigsten, es gibt Studien die sogar nachteilige Wirkungen von Vitaminpräparaten usw zeigen.

  • Ein wichtiger Artikel, der eine Gegenöffentlichkeit zur Gefährlichkeit und Verharmlosung darstellt.



    "Vitamin D3" z.B. greift direkt in den Hormonhaushalt ein und kann überdosiert werden.

    Für Ernährung gibt es in Deutschland das Bundeszentrum für Ernährung als Behörde im Zuständigkeitsbereicht des Bundesministerium für Gesundheit .



    www.bzfe.de/suche?...ungserg%C3%A4nzung

    Ein Problem international ist der "Dietary Supplement Health and Education Act" von 1994 , der Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel verharmlost und ein Eingreifen der FDA erst bei nachgewiesener Schädlichkeit erlaubt.



    Wie die langjährige Opoidkrise dort zeigt, ist bei "Tipps" aus den USA besondere Vorsicht angebracht.

    Das Thema sollte in der TAZ häufiger behandelt werden.

  • Influencer-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel ist oft irreführend. Um Schaden abzuwenden, braucht es eine klarere Regulierung.



    Das finde ich ganz richtig. Unbedingt!



    Junge Menschen, Schönheitsideal, selbst eingeredeter Druck "zu dick zu sein" - statt ausführliche Prüfung mit ärztlichem Rat: mehr Bewegung, weniger Mittelchen kaufen, sich selbst annehmen: "Ich bin pummelig - na und?"



    Und was Sekten so machen wurde sichtbar in den besonders guten Film von Büttner und Vogel "Soldaten des Lichts." (2025) den es hier in voller Länge gibt: www.zdf.de/dokus/s...s-lichts-movie-100 - rechte Esoterik und sich zu tode hungern.

  • Es braucht vor allem überhaupt mal Regeln dazu, die gibt es nämlich aktuell nicht, jeder kann Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen, völlig egal in welchen Zusammensetzungen. Ein Prüfungs- oder Genehmigungsverfahren gibt es nicht, da Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel und nicht als Medizin deklariert sind. Sie werden von vielen Laien aber oft als Ersatz für Medizin eingenommen bzw. wie Medizin verwendet. Hier besteht schon seid Jahren Verbesserungsbedarf, einen Verbraucherschutz gibt es hier schlicht nicht.