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Ebola-Erkrankter in der CharitéDie Seuchen-Selektion

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Ein Sonderflug bringt einen an Ebola erkrankten US-Arzt aus der Demokratischen Republik Kongo nach Berlin. Und die Kongolesen?

Mitarbeiter des Roten Kreuzes tragen einen Sarg – wie heute ohne Schutzkleidung. Beni, Demokratische Republik Kongo, 2019 Foto: Hugh Kinsella Cunningham/Redux/laif

D r. Peter Stafford ist in Sicherheit. Gemeinsam mit sechs weiteren US-Amerikanern ist der an Ebola erkrankte US-Chirurg erfolgreich aus der Demokratischen Republik Kongo evakuiert worden. Die USA entsandten am Dienstag aus Kreta zwei Gulfstream-Jets mit Spezialausrüstung, der Arzt wurde aus dem kongolesischen Nyankunde mit seiner Frau und seinen vier kleinen Kindern sowie zwei weiteren US-Medizinern nach Uganda gebracht und von dort nach Deutschland.

Seit Mittwoch liegt Dr. Stafford in der geschlossenen Sonderisolierstation der Berliner Charité, betreut von einem Spezialteam, sogar die Abluft wird gefiltert. Die anderen Personen sind in Quarantäne. Eine vorbildliche Aktion – und zugleich eine Manifestation dessen, was auf der Welt schiefläuft.

Dr. Stafford steckte sich vermutlich am vergangenen Samstag an, als er im Krankenhaus Nyankunde ahnungslos einen infizierten Patienten operierte – Ebola wurde dort erst am Montag gemeldet. Er bekommt nun die bestmögliche Betreuung, aber die kongolesischen Ebola-Kranken in Nyankunde bleiben zurück, ebenso die kongolesischen Ärzte, mit denen er arbeitete.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bewertet den neuen Ebola-Ausbruch in der DR Kongo als „internationalen Gesundheitsnotstand“, aber die Bewältigung des Notstands bleibt rein national. Während die Evakuierungsmaschinen nach Berlin in der Luft waren, verhängten die USA für Kongolesen ein Einreiseverbot und setzten die Behandlung sämtlicher Visumanträge aus.

Es ist Kongos 17. Ebola-Epidemie, aber gegen die jetzt in der Provinz Ituri grassierende Bundibugyo-Variante des Virus gibt es laut WHO anders als gegen andere Varianten keine Impfung und keine Behandlung. 139 Tote zählt die Regierung Stand Mittwoch, vier Tage nach Bestätigung der Epidemie, darunter vier Angehörige des Gesundheitspersonals.

Foto: Axel Schmidt/reuters

In Rwampara am Rande von Ituris Provinzhauptstadt Bunia ist das Krankenhaus voller Ebola-Patienten, aber zum Händewaschen gehen die Leute an den Wasserhahn im Garten und erst seit wenigen Tagen gibt es Schutzkleidung für das Personal. Für die Totengräber gibt es keine.

Das Krankenhaus von Nyankunde, wo Dr. Stafford arbeitete, war einst das beste der Region. Patienten aus Hunderten Kilometern Entfernung kamen in die Spezialabteilungen. Gebaut auf Initiative evangelischer US-Kirchen nach Kongos Unabhängigkeit, feierte es kürzlich seinen 60. Geburtstag. Ohne die ständige US-Präsenz, ermöglicht von christlichen Hilfswerken in Partnerschaft mit kongolesischen Kirchen und damit unabhängig von den Regierungen beider Länder, wäre es vermutlich längst untergegangen.

Krankenhäuser sind in Kongos Kriegsgebieten nicht nur Behandlungsorte. Es sind Zufluchtsorte und Schutzräume. Als die taz Nyankunde 2001 besuchte, war das Krankenhausgelände voll mit Kriegsvertriebenen. Ein Jahr später, am 5. September 2002, überfielen Milizionäre des Ngiti-Volkes das Gelände mit Macheten, Gewehren und Messern. Sie suchten ihre Feinde von der Volksgruppe der Hema. Sie plünderten, zündeten die Räume an, töteten Patienten, massakrierten in der ganzen Stadt.

Offiziell gab es 1.200 Tote, tatsächlich wohl mehr. Eine Gruppe von Überlebenden floh in den Busch und lief eine Woche lang in die nächste Stadt. Internet und Mobilfunk gab es damals nicht – hätten nicht US-Amerikaner später über ihre Organisationen Alarm geschlagen, wäre das alles wohl nie publik geworden.

Auferstanden aus Ruinen

Das Krankenhaus erstand aus den Ruinen neu, aber bis heute macht Unsicherheit die Arbeit schwer. Wer nach Nyankunde geht, muss einiges aushalten, sicher auch Dr. Stafford, den das christliche Hilfswerk Serge im Jahr 2023 entsandte. Es herrscht Kriegsrecht in Ituri, ethnische Milizen kontrollieren weite Gebiete.

Auch in der Hauptstadt Bunia, unter Regierungskontrolle, funktioniert wenig. Die neue Ebola-Epidemie, schätzen Experten, kursiert seit Wochen unerkannt. Aber erst in diesen Tagen landen UN-Flugzeuge mit medizinischen Hilfsgütern in der Millionenstadt.

Warum braucht es UN-Sonderflüge, damit es in Ituri Seife und sauberes Wasser gibt? Und was wird aus den kongolesischen Ärzten von Nyankunde? Das Krankenhaus müsste eigentlich ein Mahnmal sein für den Horror der Kongokriege. Jetzt zeugt es von der Ungleichheit im globalen Gesundheitssystem.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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2 Kommentare

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  • Ja, es ist bizarr, wie viel für einen einzelnen getan wird, wenn statt dessen auch für das ganze Krankenhaus so viel getan werden könnte, dass ein Ausflug nicht notwendig wird.



    Doch die Region ist auf Hilfe von außen angewiesen und die käme nicht mehr in Form von gut ausgebildeten ausländischen Ärzten, wenn diese sich nicht sicher sein könnten, im Notfall sofort rausgeholt zu werden.



    Nur weil eine Epidemie ausbricht, sind ja nicht alle anderen Probleme dort sofort gelöst. Es hat ja Gründe, dass es so wenig Seife und Schutzausrüstung gibt. Diese Gründe machen das Leben der Leute auch ohne Epidemie schwerer als notwendig.



    Der aufwendige Quarantänetransport ist ein Symptom. Aber das Gesundheitssystem ist nur ein kleiner Bereich des Lebens. Die Ungleichheit geht viel tiefer.

  • Für Dr. Stafford zahlt die Behandlung sein amerikanischer Arbeitgeber bzw. dessen amerikanische Versicherung. Wenn der kongolesische Staat die Kosten übernehmen würde, könnten auch kongolesische Ärzte, die sich an Ebola angesteckt haben, im Ausland behandelt werden. Aber der kongolesische Staat hat kein Geld,nicht mal für eine minimale medizinische Versorgung im eigenen Land, das müssten ausländische Hilfsorganisationen übernehmen. Der Staat bzw. ihre Regierungsvertreter brauchen das Geld schließlich für ihre Chateaus an der Loire und ihre Chalets in der Schweiz.