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Investor über Windenergie in Bayern„Bayern hat die kürzesten Genehmigungszeiten“

Bayern ist für Windkraftfonds attraktiv geworden, so Thomas Hartauer vom Kapitalanleger CAV Partners. Er warnt vor Ministerin Reiches „Rasenmäher“.

Windkraftanlagen bei Odelzhausen im Freistaat Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/imago
Anja Krüger

Interview von

Anja Krüger

taz: Herr Hartauer, Ihr Unternehmen sammelt Kapital für Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien. Sie beteiligen sich an einem Entwicklungsfonds für Windkraftkraftprojekte ausgerechnet in Bayern. Dabei galt der Freistaat lange als Problemland beim Ausbau der Windenergie, weil die Landesregierung mit Sonderregeln blockierte. Warum ist Bayern jetzt plötzlich für Windkraft-Investoren interessant geworden?

Thomas Hartauer: In Bayern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Ausbau von Windkraft sinnvoll ist. Dort ist die Photovoltaik stark ausgebaut worden. Die Folge: Im Sommer gibt es in Bayern ein eklatantes Überangebot, im Winter fehlt Stromerzeugungskapazität. Mit Windenergie wird das Stromangebot stärker ausgeglichen, damit kann auch im Herbst, im Winter und im Frühjahr Strom produziert werden.

taz: Was hat den Sinneswandel in Bayern ausgelöst?

Bild: CAV Partners
Im Interview: Thomas Hartauer

Jahrgang 1976, ist Vorstandsvorsitzender des Vermögensverwalters CAV Partners. Das Unternehmen ist auf Kapitalanlagen im Bereich erneuerbare Energien spezialisiert.

Hartauer: Zwei Faktoren kommen jetzt hinzu. Erstens: In der Vergangenheit waren die Windkraftanlagen kleiner, heute sind sie viel höher. Bei der spezifischen Topografie von Bayern – ein bisschen hügelig, viele Wälder, viel Bebauung – war es nicht einfach, Wind optimal aufzunehmen. Durch die technischen Veränderungen – größere Rotoren, höhere Nabenhöhen und leistungsfähigere Turbinen – kann das vorhandene Windangebot heute deutlich besser genutzt werden. Wenn das Windrad mit der Flügelspitze weiter vom Boden weg ist, ist es weniger wichtig, wie das Gelände beschaffen ist. Mit jedem Meter mehr Höhe gibt es mehr Kontinuität und Kraft an Wind und damit mehr Strom. Hinzu kommt, dass die jahrelange Blockadewirkung der 10H-Regel politisch deutlich abgeschwächt wurde. Dadurch kommen erstmals seit Jahren wieder Flächen in die Projektentwicklung.

taz: Die 10H-Regel besagt, dass Windräder mindestens das Zehnfache ihrer Gesamthöhe an Abstand zum nächsten Wohngebäude haben müssen. Was ist der zweite Faktor für den Sinneswandel?

Hartauer: Die Bayerischen Staatsforsten, das Forstunternehmen des Freistaats Bayern, haben die Windenergie in den Fokus gerückt. Durch die höheren Windkraftanlagen eröffnet sich für die Bayerischen Staatsforsten ein großes wirtschaftliches Potenzial. Eine Verpachtung der Flächen für Windkraft kann attraktive Einnahmen generieren. Das ist für den Freistaat als größter Flächenbesitzer attraktiv. Daher kommt das Interesse der bayerischen Staatsregierung, die Windenergie auszubauen – neben der Stromlücke im Winter. Die Landesregierung schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

taz: Was bedeutet das für Windkraft-Investoren?

Generell ist im Bereich der nachhaltigen Energieerzeugung aus unserer Sicht die Politik das größte Risiko

Hartauer: In Bayern gibt es heute relativ gesehen wenig Windkraft. Es bestehen nicht die Probleme wie etwa an der Küste. Dort gibt es schon sehr viel Windkraft. Jede weitere Windkraftanlage kämpft mit Netzproblemen und mit Abschaltungen, weil im Winter schon viel Windenergie da ist. Auf diese Probleme stoßen Investoren in Bayern in der Breite noch nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann ein Großteil des dort erzeugten Stroms tatsächlich ins Netz eingespeist werden. Das macht es wirtschaftlich einfacher. Investoren müssen nicht damit rechnen, dass zehn, fünfzehn Prozent der potenziellen Stromproduktion wegfallen, weil die Netze das gar nicht hergeben.

taz: Das klingt nach einem attraktiven Geschäftsmodell.

Hartauer: Ja. Und wir finden auch Investoren dafür. Windenergie bietet über lange Laufzeiten relativ planbare Cashflows. Genau das suchen institutionelle Investoren, Family Offices oder Stiftungen.

taz: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist wankelmütig. Sind Windkraft-Projekte dadurch gefährdet?

Hartauer: Generell ist im Bereich der nachhaltigen Energieerzeugung aus unserer Sicht die Politik das größte Risiko. In Bayern haben wir derzeit eine Staatsregierung, die versucht, eine gute Basis für Windenergie zu schaffen. Ein Beispiel: In Bayern wurden Regelungen erlassen, durch die Genehmigungsprozesse deutlich schneller sind. Bayern hat die kürzesten Genehmigungszeiten in Deutschland.

taz: Wie schnell geht es?

Hartauer: In Bayern liegt die durchschnittliche Genehmigungsdauer bei 9 Monaten, der bundesweite Schnitt beträgt 16,8 Monate. Das macht es attraktiver für Investoren und für Projektentwickler, weil damit auch die Kosten und das Risiko sinken. Das ist ein politischer Wille, der da zum Ausdruck kommt.

taz: In Bayern sind die Windverhältnisse im bundesweiten Vergleich für die Stromgewinnung immer noch am schlechtesten. Schreckt das Investoren nicht ab?

Hartauer: Zurzeit wird auf Bundesebene über eine Sonderausschreibung für den Ausbau der Windkraft diskutiert, die die Spezifika in Bayern etwas mehr berücksichtigt. Das niedrigere Windaufkommen soll durch einen sogenannten Standortfaktor ausgeglichen werden. Der Hintergrund ist, dass ein stärker regional verteilter Ausbau das Stromsystem robuster macht und die Abhängigkeit einzelner Erzeugungsregionen reduziert.

taz: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant neue Regeln für die Erneuerbaren. Wird damit der Ausbau der Windenergie ausgebremst?

Hartauer: Zu manchen Zeiten haben wir bundesweit deutlich zu viel Strom wegen einer in Teilen fehlgeleiteten Planung in der Vergangenheit. Wir haben viel zu viel Photovoltaik in zu kurzer Zeit zugebaut. Gleichzeitig sind zu wenig Netze und Speicher gebaut worden. Bundeswirtschaftsministerin Reiche versucht das aufzugreifen, indem sie sagt: Wir definieren Gegenden, in denen das Netz voll ist. In diesen Gegenden sollen Betreiber keine Vergütung für die Stromerzeugung mehr bekommen, was de facto einen Baustopp für solche Windkraftanlagen in diesen Gegenden bedeuten würde.

Wir könnten wie im Solarbereich komplett abhängig werden von ausländischen Herstellern

taz: Die Betreiber sollen anders als heute keine Entschädigung mehr erhalten, wenn ihre Anlagen etwa wegen einer Netzüberlastung abgestellt werden.

Hartauer: Nicht nur das. Es geht auch darum, dass Betreiber bei neuen Projekten in eine Situation kommen, in der sie gar keine Chance mehr haben, überhaupt eine festgelegte Vergütung für ihren Strom zu bekommen. Dafür würde eine Bank auch keine Finanzierung mehr übernehmen. Und damit würde das Projekt nicht zum Tragen kommen.

taz: Warum macht Ministerin Reiche das?

Hartauer: Frau Reiche adressiert grundsätzlich einen ganz wichtigen und elementaren Punkt. Nämlich den fehlenden Netzausbau. Aber: Es wird nicht nach Technologie unterschieden. In Bayern haben wir zu viel Solarstrom im Moment. Deshalb sind die Netze überfordert. Nach der Idee von Frau Reiche würde – weil sie nicht zwischen Solar- und Windenergie unterscheidet – auch ein Windpark nicht gebaut werden, weil die Netze überfordert sind. Das sind die Netze zwar, aber nur im Sommer und nicht im Winter. Es fehlt also an einer Differenzierung. Die bayerische Staatsregierung will richtigerweise die Lücken bei der Stromerzeugung im Winter füllen. Das will Frau Reiche – ohne in der Technik zu unterscheiden – mit dem Rasenmäher abschneiden. Damit besteht das Risiko, dass in bestimmten Regionen alle Projekte platt gemacht werden. Das ist energiepolitisch nicht zielführend.

taz: Sie sind in Bayern an neun Windpark-Projekten beteiligt, die ab 2028/29 Strom liefern sollen. Würde Reiches Maßnahme auch Ihre Projekte gefährden?

Hartauer: Dort, wo wir eine Baugenehmigung bereits bekommen haben, können wir demnächst in eine Ausschreibung gehen. Wenn die Ausschreibung erfolgreich war, gibt es quasi einen Bestandsschutz. Das Gesetz von Frau Reiche würde vermutlich ab 1. Januar 2027 gelten. Das heißt, es gäbe noch ein kurzes Zeitfenster, eine kurze Übergangsphase. Aber danach wäre es dann sehr, sehr schwierig, nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Regionen, Projekte umzusetzen. Das würde für den Norden bedeuten: Dort, wo ich einen Überschuss an Windenergie habe, würde ich keine Solaranlagen mehr bauen können.

taz: Wenn Frau Reiche ihre Pläne umsetzt, werden sich dann Investoren vom deutschen Markt abwenden?

Hartauer: Es ist davon auszugehen, dass dann weniger Investoren nach Deutschland kommen. Was in der aktuellen Debatte kaum eine Rolle spielt: Aufgrund des Irankriegs haben wir eine weltweite Energiekrise. Wir müssen krisenresistenter werden, weniger abhängig von Gas- und Ölexporten. Aber ausgerechnet jetzt besteht das Risiko, dass etwas Ähnliches passiert wie 2012.

taz: Was ist damals passiert?

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Hartauer: Damals gab es gravierende Änderungen am Erneuerbaren-Energien-Gesetz, dem EEG. Es gab drastische Einschnitte bei den Vergütungen für Strom aus Solaranlagen, und zwar ohne eine Übergangsphase. Die Folge war, dass die bis dahin führende deutsche Solarindustrie verschwunden ist. Wir haben in Deutschland und Europa noch Windanlagenhersteller. Chinesische Hersteller stehen aber vor der Tür. Wenn eine deutliche Kostenreduktion bei den Herstellungskosten der Projekte erforderlich wird, um wettbewerbsfähig zu bleiben, dann könnten wir wie im Solarbereich komplett abhängig werden von ausländischen Herstellern. Denn die einheimischen Hersteller würden sich zurückziehen. Damit würden wir die Option aufgeben, die Energieproduktion selbst in der Hand zu haben.

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