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Russland und ChinaVon China lernen …

Be­woh­ne­r*in­nen einer Ortschaft in Sibirien nutzen den Besuch von Wladimir Putin in Peking, um um Geld für die Finanzierung einer Schule zu bitten.

Ein­woh­ne­r:in­nen von Berezovyy nehmen eine Videobotschaft auf Screenshot: Youtube, Screenshot: taz

Die Menschen in Berezovyy haben offensichtlich den Kanal voll und das schon lange. 45.000 Ein­woh­ne­r*in­nen hat die Ortschaft. Sie gehört zum Gebiet Irkutsk, das sich im asiatischen Teil Russlands befindet. Es gibt rund 2.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter, eine Schule hingegen gibt es nicht.

Daher muss sich der wissbegierige Nachwuchs in zwei Nachbargemeinden begeben, um in den Genuss von Unterricht zu kommen. Das kann, je nach Fortbewegungsmittel und möglicher Staulage, morgens und nachmittags jeweils bis zu 40 Minuten in eine Richtung dauern, je nach dem Zustand der Straßen auch mal länger. Hinzu kommt, dass die dortigen Schulen insgesamt nur 2.500 Plätze haben und aus allen Nähten platzen.

Um auf diesen Notstand aufmerksam zu machen und sich endlich Gehör zu verschaffen, verfielen einige Ein­woh­ne­r*in­nen von Berezovyy auf eine ungewöhnliche Idee. Wohl wissend, dass ihr weiser Leader in dieser Woche in Chinas Hauptstadt Peking seine Aufwartung machen würde, richteten sie eine Videobotschaft an Wladimir Putin, die in den sozialen Medien verbreitet wurde.

Und diese (Liebes)-Grüße nach Moskau haben es in sich. So erfahren die geneigten Zuschauer*innen, dass das Problem den Behörden schon lange bekannt ist. Eigentlich sollte die Schule in Berezovyy schon 2021 fertig sein. Der Bau begann jedoch erst 2025, derzeit passiert rein gar nichts, angeblich fehlt für die Fertigstellung des Gebäudes das Geld. Die Verantwortlichen stellen jetzt eine Inbetriebnahme für das kommende Jahr in Aussicht.

Mit Ausreden abgespeist

Und überhaupt: Immer wieder werden diejenigen, die sich beschweren, mit Ausreden abgespeist oder sie erhalten nicht einmal eine Antwort. Die Novaya Gazeta Europe zitiert eine Frau namens Irina Osipowa aus Berezovyy. Ihren Angaben zufolge versuche eine Bürgerinitiative bereits seit mehreren Jahren, den Bau einer Schule durchzusetzen. Sie schicke regelmäßig Aufrufe an die Behörden in Moskau.

Das größte Projekt sei gewesen, bei der jährlichen Sendung von Wladimir Putin „Direkte Leitung“ im Dezember 2025 dabei zu sein. Handverlesene Bür­ge­r*in­nen dürfen hier ihre Probleme schildern und entsprechende Fragen stellen. Doch auch dieser Versuch sei gescheitert. Der Hilferuf aus Berezovyy sei nicht verlesen worden, während der Sendung per SMS oder Telefon durchzukommen, sei ebenfalls unmöglich gewesen.

Übrigens: Auch an Kindergartenplätzen mangelt es in Berezovyy. „Wie die Regierung angesichts dieser Bedingungen die Geburtenrate erhöhen will, ist für uns, ehrlich gesagt, ein großes Rätsel“, sagt eine Frau in der Videobotschaft. Darin wird Außenminister Sergei Lawrow gebeten, sich direkt an Chinas Machthaber Xi Jinping zu wenden – mit der Bitte, eine Schule in Berezovyy zu bauen.

„Wir sind bereit, mit dem Chinesischlernen zu beginnen, da wir davon überzeugt sind, dass dies für uns von wahrhaft wesentlicher Bedeutung ist. Der aktive Ausbau der kulturellen Beziehungen zu China stellt für uns den einzig gangbaren Weg in die Zukunft dar – insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Prioritäten unseres Landes derzeit der Bau neuer U-Bahn-Stationen in Moskau und neuer Schulen in Tadschikistan sind.“

Keine Illusionen

Illusionen, China werde sich tatsächlich um die Finanzierung des Baus einer Schule kümmern, machen sich die Initiatoren der Videobotschaft jedoch nicht. Schließlich sei es darum gegangen, auch ein wenig zu provozieren, zitiert die Novaya Gazeta Europe eine Anna. Die Idee, China einzubeziehen, sei kein Zufall gewesen. Vielmehr hätten sich die Be­woh­ne­r*in­nen gezielt der offiziellen Rhetorik der russischen Behörden über die Partnerschaft und Zusammenarbeit mit China bedient.

„Wir wissen ganz genau, dass Xi Jinping sich einen Dreck um uns schert. Wenn sich schon unser eigenes Land einen Deut um uns schert, dann doch er erst recht. Hätten wir uns direkt an Xi Jinping wenden wollen, hätten wir auf Chinesisch geschrieben.“

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