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Islamophobie in den USAMoschee-Angreifer übertrugen ihre Tat live im Netz

Beim Angriff von zwei jugendlichen Rechtsterroristen auf ein islamisches Gemeindezentrum in San Diego rettete der dabei getötete Wächter viele Leben.

Mit Kerzen wird der drei Todesopfer der Attacke auf das islamische Gemeindezentrum in San Diego gedacht Foto: Ty Oneil/ap
Sebastian Moll

Aus New York

Sebastian Moll

Amin Abdullah war stets ein bescheidener Mann. Er war mit seinem Job als Sicherheitsbeamter einer kleinen Moschee in San Diego, in der er auch betete, zufrieden. Noch vor Kurzem schrieb auf Facebook, er brauche keine materiellen Dinge, er strebe nichts im Leben an, als seinem Schöpfer als reiner, guter Muslim entgegentreten zu können.

Nachdem im März 2019 im neuseeländischen Christchurch ein rechter Terrorist 51 Muslime ermordete, begann Amin Abdullah seinen Job jedoch zunehmend als Berufung zu begreifen. Er wechselte zum islamischen Gemeindezentrum auf der anderen Seite der Stadt, einem der größten seiner Art in den USA. Und er begann, wie Freunde und Verwandte erzählten, seinen Job mit einem beinahe übertriebenen Eifer zu betreiben. „Er traute sich kaum auf die Toilette zu gehen, weil er Angst hatte, in der Zwischenzeit könnte etwas passieren“, berichtete am Dienstag sein Freund Khalil Alexander.

So wirkt es beinahe wie Vorsehung, dass Abdullah am Montag bei dem Angriff auf das von ihm bewachte Gemeindezentrum als Held und Märtyrer sein Leben ließ. Als die beiden jugendlichen Täter Cain Clark und Caleb Vazquez um kurz nach 11 Uhr Ortszeit mit automatischen Waffen in das Gebäude stürmten, tat Abdullah, was er Tausende Male im Kopf durchgespielt hatte. Er befahl per Funk die sofortige Abriegelung des Geländes, auf dem sich mehr als 140 Personen, die meisten von ihnen Kinder, befanden. Dann begann er die beiden Angreifer in ein Feuergefecht zu verwickeln, bei dem er ums Leben kam.

Der Polizeichef von San Diego, Scott Wahl, sagte später bei einer Pressekonferenz, Abdullah habe zweifellos Dutzende Leben gerettet. Ihm sei es zu danken, dass der Angriff der beiden Schützen sich nicht zu einer Katastrophe vom Ausmaß des Attentats in Christchurch ausweiten konnte.

Täter hassten offenbar alle Nichtweißen

Die beiden Jugendlichen, die mit der Absicht eines Massenmordes gekommen waren, konnten nicht in das Innere des Komplexes vordringen. Allein auf dem Parkplatz fanden sie die beiden Gemeindeangehörigen Mansour Kaziha und Nader Awad, die sie kaltblütig ermordeten. „Bruder Mansour“, wie Bekannte ihn nannten, galt als Seele der Gemeinde, Awad, ein Nachbar, besuchte regelmäßig die Gottesdienste.

Die beiden Jugendlichen fuhren daraufhin mit quietschenden Reifen davon. In einer nahe liegenden Wohngegend schossen sie noch wahllos um sich und trafen beinahe einen Gärtner. Schließlich, so berichtete die Polizei, erschoss Vazquez zuerst seinen Gefährten und dann sich selbst.

Im Auto der beiden Täter fanden sich ein Gaskanister mit SS-Insignien sowie ein 75 Seiten langes Manifest. Das Papier wurde bislang nicht veröffentlicht. Doch der TV-Sender NBC, der Zugang dazu erlangte, beschrieb es als ein generalisierendes Hass-Papier. In ihm wird gegen Juden und Muslime, gegen Afroamerikaner, Latinos und Angehörige der LGBTQ-Community gehetzt.

Zudem sollen sich in dem Pamphlet zahlreiche Anspielungen an den sogenannten Akzelerationismus befinden, einer rechtsradikalen Strategie, nach der durch Terrortaten der Zusammenbruch der modernen pluralistischen Gesellschaft beschleunigt werden soll. Ziel ist es, aus den Trümmern des dekadenten inklusiven Gemeinwesens einen ethnonationalistischen „White power“-Staat zu errichten.

Der Täter von Christchurch gilt laut der Anti Defamation League als einer der Helden der rechtsradikalen Bewegung. Die damalige neuseeländische Premierminister Jacinda Ardern weigerte sich stets, seinen Namen zu nennen, um seine Heldenverklärung möglichst zu verhindern. Doch dürfte er Vazquez und Cain als Vorbild gedient haben.

Massenmörder von Christchurch als Vorbild

Dazu passt, dass die beiden Jugendlichen ihre Tat wie der Täter in Christchurch live streamten. Die Attacke, die glücklicherweise nicht die Ausmaße jener von Christchurch annahm, war offenbar eine Inszenierung für das Netz, dazu gedacht, weitere akzelerationistische Aktionen zu inspirieren.

Gemäß dem Manifest hatten die beiden radikalisierten jungen Männer einen generellen Hass auf alles Nichtweiß und Nichtmännliche entwickelt. Doch fällt ihr Attentat auch in ein Klima wachsender Islamophobie in den USA. „Sie wird schamlos von den höchsten Stellen der Politik geäußert und trifft praktisch auf keinen Widerstand“, sagte jüngst New Yorks muslimischer Bürgermeister Zohran Mamdani. Dabei wollte er keine Partei als Heimat der Islamophobie identifizieren. „Sie ist in unserem politischen Leben endemisch. Sie ist Mainstream.“

Das belegen schon die 14 Millionen islamophoben Posts, die nach der Wahl Mamdanis in den sozialen Medien auftauchten und die von Ausweisungsaufrufen und Angst vor der Einführung der Scharia in den USA bis hin zur Herabwürdigung des Bürgermeisters als „Kakerlake“ reichten. Der Charakterisierung folgte auch die rechte Influencerin und Trump-Vertraute Laura Loomer. Muslime, postete sie, seien eine „invasive Spezies“. Die angegriffene Moschee in San Diego solle von der Einwanderungspolizei ICE geschlossen werden, die Mitglieder der Gemeinde seien darauf aus, „uns alle zu töten“. Die Opfer, so der Tenor, hätten es nicht besser verdient.

Islamphobie verbreitet unter US-Politikern

Im Kongress wurde derweil eine Untersuchungskommission zur „Verbreitung der Scharia“ in den USA gegründet. Andy Ogles, republikanischer Abgeordneter aus Tennessee, äußerte jüngst, dass „Muslime nicht nach Amerika gehörten“ und „Pluralismus eine Lüge“ sei. Sein Kollege Randy Fine aus Florida nannte die Wahl „zwischen einem Hund und einem Muslim nicht sonderlich schwer.“

Trump selbst hatte seine erste Amtszeit mit einem generellen Einreiseverbot für Menschen aus muslimischen Ländern begonnen und jüngst die somalische Community von Minnesota als „Müll“ bezeichnet. Zu dem Anschlag in San Diego sagt er nur lakonisch, es handele sich „um eine schlimme Situation“. Eine Verurteilung anti-muslimischer Gewalt gab es nicht. Vizepräsident J. D. Vance immerhin ließ wissen, dass er „derartige Gewalt in den USA für nicht akzeptabel“ halte.

Imam Taha Hassane, der Direktor der attackierten Gemeinde, fordert von der Politik. „Es ist nicht genug, dass wir Geistlichen, gleich welcher Konfession, Toleranz und Liebe predigen. Das muss auch von der Politik kommen.“ Stattdessen sehe er politische Führer, die grünes Licht für eine Sprache des Hasses und der Entzweiung gäben. Namen nannte er nicht.

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