Experte über Kontrolle von Atomarsenalen: „Das gegenseitige Vertrauen ist verloren“
Die jüngste Atomwaffen-Konferenz ging ohne Ergebnis zu Ende. Physiker Malte Göttsche sieht die Rüstungskontrolle so kaum noch gegeben. Der Krieg gegen den Iran habe die Unsicherheit weiter vergrößert.
taz: Herr Göttsche, die Atomwaffenstaaten haben sich mit dem Nichtverbreitungsvertrag 1968 dazu verpflichtet, ihr nukleares Waffenarsenal vollständig abzurüsten. Wo stehen wir heute?
Malte Göttsche: Wir befinden uns in einer Aufrüstungsspirale. China erhöht die Anzahl seiner Atomwaffen. Die USA und Russland modernisieren ihre Arsenale, ebenso Frankreich und Großbritannien. Von Abrüstung kann deshalb keine Rede sein. Der letzte Vertrag zur atomaren Kontrolle zwischen den USA und Russland, New START, ist Anfang Februar ersatzlos ausgelaufen. Wir leben das erste Mal seit Jahrzehnten in einer Welt, in der beide Supermächte keine Vereinbarung zur Rüstungskontrolle haben.
taz: Eine Überprüfungskonferenz für den Nichtverbreitungsvertrag ist am Freitag ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Eigentlich sollte dort die atomare Rüstungskontrolle für die kommenden fünf Jahre geplant werden. Damit endet die Versammlung nach 2015 und 2022 zum dritten Mal ohne gemeinsame Abschlusserklärung. Was für einen Wert hat der Vertrag überhaupt noch?
Göttsche: Der Vertrag steht nun noch stärker unter Druck, als es vorher schon der Fall war. Am Ende fand eine schon deutlich abgeschwächte Abschlusserklärung keine Zustimmung. Die letzte Konferenz ist wegen des russischen Angriffs auf ukrainische Nuklearanlagen gescheitert, dieses Mal haben die nuklearen Bestrebungen des Iran und der amerikanische Angriff wesentlich zum Dissens geführt. Auf rhetorischer Ebene bleibt die globale Unterstützung zum NVV zwar erhalten. Die Wirkmächtigkeit aber wird unterminiert.
taz: Sie forschen zur Kontrolle von Atomarsenalen. Gibt es denn irgendein Land, das sich aktuell noch in die Karten gucken lässt und Inspektionen zulässt?
Göttsche: Die gute Nachricht ist, dass die Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde, die für die Verifikationen in Nichtkernwaffenstaaten verantwortlich ist, weitgehend intakt ist. Inspektionen finden in fast allen Ländern statt. Aber es gibt natürlich kritische Fälle, und da ist insbesondere der Iran zu nennen. Seit dem Angriff der USA und Israels im Juni 2025 finden dort keine wesentlichen Inspektionen mehr statt, obwohl der Iran über genug angereichertes Uran für eine Atomwaffe verfügt.
taz: Donald Trump hatte sich nach dem Angriff ja damit gerühmt, das iranische Atomprogramm ausgeschaltet zu haben. Auch der aktuelle Krieg Israels und der USA gegen den Iran wird mit der nuklearen Bedrohung durch Teheran begründet. Wie sehen Sie die Lage?
Göttsche: Sicherlich haben die Angriffe viele Anlagen zerstört. Doch das Nuklearprogramm lässt sich militärisch nicht eliminieren. Der Iran kann unterirdisch weiter Anlagen aufbauen und nutzen. Das Schwierige ist derzeit, dass im Iran keine internationalen Inspektionen stattfinden. Wir wissen nicht genau, welche Möglichkeiten das Land hat. Wir befinden uns in einer gefährlichen Situation, die durch den Krieg noch einmal deutlich brisanter geworden ist; denn zuvor konnte die Internationale Atomenergiebehörde dort Inspektionen durchführen.
taz: Wie könnte man denn mit dem Iran wieder einen Pfad für die Rüstungskontrolle beschreiten?
Göttsche: Das ist sehr schwierig. Die letzten Entwicklungen zeigen uns, dass die USA hier nicht am längeren Hebel sitzen. Der Iran wird versuchen, die Möglichkeit zukünftiger Inspektionen als Verhandlungsmasse für sich zu nutzen.
taz: Gäbe es denn technische Möglichkeiten für Atomwaffenkontrollen, wenn man die Anlagen nicht vor Ort inspizieren kann?
Göttsche: Es gibt Möglichkeiten zur Fernüberwachung. In nuklearen Anlagen können Geräte installiert werden, die Daten zur IAEO nach Wien übertragen. Das ist im Fall des Iran nicht mehr möglich, weil das Regime diese Apparate ausgeschaltet hat. Was dann im Wesentlichen bleibt, ist die Satellitenbildüberwachung. Dabei hat man jedoch kaum Einblick in die unterirdischen Aktivitäten.
taz: Nicht nur der Iran lässt sich bei seinem Atomprogramm nicht in die Karten gucken. Israel ist kein Mitgliedsstaat des Atomwaffensperrvertrags, Indien und Pakistan genauso wenig, und über das chinesische Atomprogramm weiß man auch wenig.
Göttsche: Die Thematik der Kernwaffenstaaten, die nicht Mitglied des Nichtverbreitungsvertrags sind, ist schon seit Jahrzehnten ein Streitthema. Sie haben recht: Israel verfügt über Atomwaffen, genauso wie Indien und Pakistan. Auch Nordkorea ist aus dem Vertrag ausgetreten und verfügt über Kernwaffen. Diese Staaten sind von den Verpflichtungen des Vertrages nicht erfasst. Das stellt ein großes Problem dar. China ist zwar Mitglied des Nichtverbreitungsvertrags, aber nicht transparent, was sein Arsenal angeht – allerdings sind das leider die wenigsten Vertragsstaaten.
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taz: Finden Kontrollen der IAEO in China und in Russland statt?
Göttsche: Die IAEO überprüft nur, dass Nichtkernwaffenstaaten nicht nach solchen streben. Es gibt allerdings unabhängige Experten, die öffentlich verfügbare Informationen wie Satellitenbilder analysieren, um Rückschlüsse auf die Größe der Arsenale von Kernwaffenstaaten zu ziehen. Die Federation of American Scientists geht davon aus, dass China derzeit über gut 600 und Russland über 4400 Sprengköpfe verfügt. Die USA besitzen demnach etwa 3700 Sprengköpfe.
taz: Trump droht immer wieder damit, dass die USA neue Atomwaffen testen könnten. Er wirft China und Russland vor, genau das auch zu tun. Was würden neue Atomtests bedeuten?
Göttsche: Das ist ein Faktor, der das Nichtverbreitungsregime insgesamt in Gefahr bringen kann. Wenn wir wieder in eine Welt eintreten, in der Nuklearwaffen mit Sprengladungen getestet werden, dann sehe ich kaum einen Weg, den Nichtverbreitungsvertrag zu retten. Ich hoffe, dass es so weit nicht kommen wird.
taz: Wie würden Sie denn die Rolle Deutschlands für die atomare Abrüstung bewerten?
Göttsche: Die Bundesrepublik war schon immer in der schwierigen Situation, zum einen für eine Welt ohne Kernwaffen einzutreten, gleichzeitig aber über die nukleare Teilhabe mit dem US-Atomwaffenarsenal verbunden zu sein. Deutschland sieht sich deshalb als Brückenbauer, aber zieht von vielen Nicht-Kernwaffenstaaten des globalen Südens auch Kritik auf sich.
taz: Was könnte die internationale Staatengemeinschaft tun, um die Rüstungskontrolle zu stärken?
Göttsche: Gegenseitiges Vertrauen ist hier die zentrale Herausforderung, weil es überall verloren gegangen ist. In der Geschichte war der Dialog von Wissenschaftlern untereinander ein hilfreicher Weg, um längerfristig politische Initiativen zu starten. Über einen Austausch zu der Frage, wie man überhaupt wieder gegenseitig Atomanlagen verifizieren könnte, ließe sich etwa langfristig Vertrauen aufbauen. Ich sehe aber gerade kaum eine realistische Möglichkeit hierfür.
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