Lichtblicke bei der Klimapolitik: Erneuerbare machen Worst Case unrealistisch
Die UNO beschließt eine bahnbrechende Resolution. Gleichzeitig halten Experten das Szenario bei den Emissionen für nicht mehr plausibel.
Die Vereinten Nationen haben den Klimaschutz verstärkt: In der Nacht zum Donnerstag beschloss die Generalversammlung in New York eine Resolution, die – vereinfacht gesagt – den Klimaschutz als Menschenrecht deklariert. Der Resolution 12760 stimmten 141 Länder zu, acht stimmten dagegen, darunter Israel, Russland, Saudi-Arabien, Iran und die USA. Zudem enthielten sich 28 Staaten, darunter Ölstaaten wie Bahrain, Katar oder Kuweit, aber auch Tschechien als einziges EU-Mitgliedsland.
Der Entwurf für die Resolution stammt von Vanuatu. Der Inselstaat aus dem Pazifik hatte den Internationalen Gerichtshof (IGH) der Vereinten Nationen angerufen, vor einem Jahr erging der Richterspruch: Auch die Menschenrechte verpflichten Staaten dazu, die Klimaerhitzung zu bekämpfen.
Die Richter in Den Haag stellten fest, dass es „rechtswidrig“ sei, wenn Staaten ihre Klimaschutzverpflichtungen vernachlässigten – beispielsweise aus den „Nationalen Klimaschutzprogrammen“, den NDCs, die gemäß Paris-Protokoll alle Staaten an die Uno melden mussten. Außerdem urteilten sie, dass ein Staat, der gegen seine Klimaverpflichtungen verstößt, verpflichtet werden kann, „den geschädigten Staaten vollständigen Schadensersatz zu leisten“.
Allerdings war die ursprüngliche Fassung der Resolution im Laufe der Verhandlungen abgeschwächt worden, die im Entwurf enthaltene Forderung nach einem „internationalen Klima-Schadensregisters“ wurde aus dem nun verabschiedeten Text gestrichen. In dem Register sollten Beweise für klimabedingte Schäden und Verluste gesammelt werden.
Trotzdem sind Klimaschützer begeistert, beispielsweise sprach Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland, von einem „historischen Beschluss“. Zwar bewirkt die Resolution nicht, dass Vanuatu jetzt die USA verklagen kann. Allerdings „begrüßt“ die Generalversammlung den Richterspruch als wichtigen Beitrag zur Klärung des geltenden Völkerrechts. Daraus lassen sich wiederum Verantwortlichkeiten der Staaten herleiten.
Vier Szenarien in der Klimawissenschaft
Ein zweiter bemerkenswerter Schritt kommt vom „Coupled Model Intercomparison Project“ CMIP: Das Gremium hält das schlimmste Schreckensszenario der Erderwärmung nicht mehr für plausibel. „Vorhersagen sind schwierig“, hatte der Komiker Karl Valentin einmal gesagt, „besonders wenn sie die Zukunft betreffen“.
Deshalb arbeitete die Klimawissenschaft stets mit vier Szenarien, die vom CMIP entwickelt worden waren: Das beste Szenario nennt sich RCP 2.6, das schlechteste RCP 8.5. Dazwischen liegen die Szenarien 4.5 und 6.0.
Es geht um den „Strahlungsantrieb“, also um die Frage, wie viel mehr Sonnenenergie zum Ende des Jahrhunderts auf der Erde verbleibt: 8.5 bedeutet, dass es durch den Klimawandel 8,5 Watt je Quadratmeter mehr sein werden – verglichen mit der vorindustriellen Zeit, bei 2.6 sind es entsprechend 2,6 Watt mehr.
Im schlimmsten Szenario 8.5 hätte sich die Konzentration der Treibhausgase von derzeit 430 ppm (Teilchen pro Million) im Jahr 2100 mehr als verdreifacht, was einen Anstieg der durchschnittlichen Oberflächentemperatur um 4,8 Grad unausweichlich macht.
Neues Rahmenwerk
Jetzt hat CMIP, eine Fachgruppe des Weltklimaforschungsprogramms (WCRP), ein neues Rahmenwerk veröffentlich, in dem es RCP 8.5 nicht mehr für plausibel hält. „Dieses Szenario war immer mit der Annahme ‚geringe Eintrittswahrscheinlichkeit mit hohem Risiko‘ verbunden“, erklärt Detlef P. Van Vuuren, Professor an der Universität Utrecht und einer der Leitautoren. In einer 8.5-Welt würden 12 Milliarden Menschen auf der Erde leben, die ihren Energiehunger ausschließlich fossil decken, so die Projektion.
„Wir sehen, dass in den letzten Jahren, der Zubau der Erneuerbaren deutlich vor dem Neubau von fossilen Kapazitäten liegt“, sagt der deutsche Klimaforscher Mojib Latif der taz: „Die tatsächlich gemessenen Emissionen der letzten Jahre bewegen sich in der Mitte der 2.6 und 8.5-Szenarien.“ Deshalb sei es sinnvoll, nicht mehr mit dem Extremfall zu arbeiten.
„Allerdings kann es überhaupt keine Entwarnung geben“, so Latif, die Menschheit bewege sich aktuell auf eine Pfad, der die Welt auf drei Grad bis Ende des Jahrhunderts aufheizt. „Es gibt Kippelemente im Weltklimasystem, die oberhalb von zwei Grad zusammenbrechen“, erklärt Latif. Beispielsweise sterben 99 Prozent aller Korallen weltweit, wenn die Zwei-Grad-Marke erreicht wird.
FALSCH! FALSCH!
Deshalb sei jetzt, wo es noch Gelegenheit gibt den Temperaturanstieg zu begrenzen „wichtig, den Klimaschutz zu verstärken“, statt ihn zu schwächen. „Entscheidend für die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs wird sein, wie lange der globale ‚Roll Back‘ in der Klima- und Energiepolitik anhält“, sagt Latif. Und meint damit ausdrücklich auch die Politik der Bundesregierung.
Gleichzeitig nutzen rechte Kräfte weltweit die gute Nachricht, um Stimmung gegen den Klimawandel zu machen. Aus dem Weißen Haus hieß es via X: „Nach 15 Jahren, in denen die Demokraten versprochen haben, dass der „Klimawandel“ den Planeten zerstören wird, hat der oberste Klimaausschuss der Vereinten Nationen gerade eingeräumt, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) FALSCH waren! FALSCH! FALSCH!“ Währendessen nutze in Deutschland die die AfD die Entscheidung gegen das Worst-Case-Szenario, um im Bundestag gegen den Klimaschutz zu hetzen.
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