Wachsende Islamfeindlichkeit: Schweineköpfe und Spuckattacken
Antimuslimische Angriffe wie in San Diego am Montag haben in den letzten beiden Jahren weltweit zugenommen – auch in Deutschland.
Am Morgen des 1. Mai machten die Mitglieder einer türkisch-islamischen Moscheegemeinde im bayerischen Memmingen eine grausige Entdeckung. Unbekannte hatten eine Mauer vor der Moschee, Teile der Fassade und des Geländes mit Schweineblut beschmiert. Zudem hatten sie einen Schweinekopf auf das Symbol des Halbmondes gespießt.
Der türkisch-islamische Islamverband Ditib, dem über tausend Moscheegemeinden in Deutschland angehören, warnte vor weiteren Attacken auf Muslime. Viele Muslime in Deutschland hätten die Befürchtung, dass noch Schlimmeres passieren könnte und Menschen zu Schaden kommen, sagte Ditib-Generalsekretär Eyüp Kalyon dem Berliner Tagesspiegel am Mittwoch. Laut Ditib habe sich die Zahl der Übergriffe auf Moscheen in Deutschland in den Jahren 2024 und 2025 auf das Vier- bis Fünffache im Vergleich zu der Zeit davor erhöht, sagte Kalyon.
Am Abend nach dem Angriff hatten sich mehrere hundert Memminger Bürger zu einer Solidaritätsaktion zusammengefunden. Die Generalstaatsanwaltschaft München ermittelt gemeinsam mit dem polizeilichen Staatsschutz. Wenn es Solidarität gebe, dann sei sie meistens nur lokal, sagte Kalyon. Übergriffe wie in Memmingen trügen die Botschaft „Ihr gehört hier nicht dazu“, sagte der Ditib-Generalsekretär. Er beklagte, „dass die Politik und staatliche Akteure das Phänomen entweder ignorieren oder zumindest relativieren“. Die Politik müsse die Sorgen der Muslime genauso ernst nehmen wie bei anderen Glaubensgemeinschaften.
Nach der Eskalation im Nahostkonflikts seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 hätten Diskriminierungen und Übergriffe, die häufig auch gewalttätig werden, sprunghaft zugenommen, sagt die „Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“ (Claim). Das Netzwerk vereint bundesweit mehr als 50 muslimische und nichtmuslimische Organisationen.
Im vergangenen Juni dokumentierte Claim in seinem Jahresbericht eine Rekordzahl von über 3 000 Fällen. Dies entspräche im Durchschnitt mehr als acht Vorfällen pro Tag. Das Spektrum reiche dabei von Angriffen auf religiöse Einrichtungen wie Moscheen, Körperverletzungen bis zu Mord. Frauen mit Kopftuch sind besonders betroffen: Sie werden bespuckt und angefeindet. Kinder auf dem Schulweg werden beschimpft, Moscheen mit Hakenkreuzen beschmiert. Menschen haben Wohnungen und Jobs verloren.
Hass wird durch rechtspopulistische Parteien angeheizt
Islamfeindlichkeit nimmt global zu, das zeigt nicht nur der Anschlag auf eine Moschee im US-amerikanischen San Diego am Montag. Deutschland und Frankreich gehören laut Erhebungen der Europäischen Union zu den Ländern mit den meisten gemeldeten Vorfällen. Auch in Österreich, Belgien und Bulgarien haben antimuslimische Vorfälle zugenommen.
Der Hass auf Muslime wird durch rechtspopulistische Parteien und rechtsextreme Agitatoren im Netz angeheizt. In London etwa gingen am vergangenen Wochenende Zehntausende Anhänger des rechtsextremen Anti-Islam-Aktivisten Tommy Robinson auf die Straße, um gegen Migranten und Muslime zu demonstrieren.
Der britische Rechtsextremist, geboren als Stephen Yaxley-Lennon, bezeichnet den Islam als „Krankheit“ und „Ideologie“, die mit der britischen Identität absolut unvereinbar sei. Am Rande der Demonstration in London erklärte er in einem Interview, als Premierminister würde er „den Islam stoppen“. Diese Religion solle aus allen Schulen und der Öffentlichkeit verbannt werden. Muslime sollten Großbritannien verlassen und in ihre Herkunftsländer zurückkehren, Geflüchtete zuallererst. Zur Not müsse das Militär nachhelfen.
Robinson führt alle gesellschaftlichen Probleme, ob Kriminalität oder Terrorismus, pauschal auf den Islam und muslimische Einwanderer zurück.
Nach der tödlichen Messerattacke im britischen Southport im Sommer 2024, bei der ein 17-Jähriger bei einem Tanzkurs drei Mädchen tötete, verbreitete er Falschmeldungen über den Täter. Der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber, der illegal per Boot ins Land gekommen sei, behaupteten er und andere. Tatsächlich handelte es sich um einen britischen und christlichen Staatsbürger, der als Sohn von Ruandern in Wales geboren wurde. Solche Gerüchte lösten tagelange Unruhen und Übergriffe aus, die sich gegen Moscheen, Unterkünfte für Asylsuchende sowie gegen die Polizei richteten.
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