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Luftfahrt in DeutschlandBund besiegelt Senkung der Ticketsteuer

Schon im Koalitionsvertrag hatte die Bundesregierung niedrigere Luftverkehrsteuern versprochen. Nun setzt sie sie um. Wird Fliegen also noch billiger?

Ob Fluggäste von der Steuersenkung profitieren, ist noch ungewiss Foto: Olaf Schülke/imago

Eine Mehrheit des Bundestags hat am Donnerstagabend die Senkung der Luftverkehrsteuer abgesegnet. Schon in ihrem Koalitionsvertrag hatte die Bundesregierung aus Union und SPD die Senkung versprochen, jetzt soll sie zum 1. Juli greifen. Die schwarz-rote Koalition hofft, dass eine niedrigere Steuer für billigere Flugtickets und ein größeres Flugangebot an deutschen Flughäfen sorgt.

Der Luftfahrtbranche geht die Senkung nicht weit genug. Umweltverbände und Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ke­r:in­nen kritisieren die Maßnahme hingegen als klimaschädlich und unsozial. Und: Sie fürchten, dass die fehlenden Steuereinnahmen Löcher in den Bundeshaushalt reißen, die die Koalition dann durch Sparmaßnahmen bei anderen, klimafreundlichen Verkehrsmitteln wie der Bahn stopfen könnte.

Die damalige Bundesregierung aus Union und FDP hatte die sogenannte Ticketsteuer 2011 eingeführt, um Geld in die Staatskasse zu spülen. 2024 erhöhte die dann regierende Ampelkoalition die Sätze, um wiederum Gelder einzutreiben, die dem Bund nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts über den Klima- und Transformationsfonds für den Klimaschutz fehlten.

Seitdem waren im Inland und auf Kurzstrecken pro Flug und Passagier 15,53 Euro fällig, für Mittelstrecken 39,34 Euro und für weiter entfernte Flugziele 70,83 Euro. Zahlen müssen die Fluggesellschaften, sie können die Kosten aber über höhere Ticketpreise auf die Fluggäste umlegen.

Ryanair will gespartes Geld behalten

Nun schraubt der Bund die Steuer teils deutlich auf das Niveau von vor der Erhöhung im Jahr 2024 zurück: bei kurzen und inländischen Flügen auf 13,03 Euro, bei mittleren Entfernungen auf 33,01 Euro und bei Langstreckenflügen auf 59,43 Euro. In der Theorie beläuft sich die Einsparung damit pro Passagier und Flug auf 2,50 Euro bis 11,40 Euro.

Im Vergleich zur Bahn genießt der Flugverkehr ohnehin schon Privilegien

Ob sie jedoch an die Fluggäste weitergegeben wird, ist fraglich. Ryanair etwa, Europas größte Fluggesellschaft, gibt an, Flugtickets nicht billiger verkaufen und das durch die Steuersenkung eingesparte Geld einbehalten zu wollen, um eigene Kosten zu decken. Ein Sprecher der Airline sagte der taz, die Kosten hätten sich „seit 2019 verdreifacht“.

Deutschland müsse die Luftverkehrsteuer vollständig abschaffen, sonst würden Fluggesellschaften ihre festen Kapazitäten an deutschen Flughäfen abbauen. Die Luftverkehrsteuer macht neben Flughafenentgelten und Gebühren einen Teil der Standortkosten in dem jeweiligen Land aus.

Anders sieht das Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin beim Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. „Friedrich Merz betont bei jeder Gelegenheit, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Auf Airlines und Vielflieger trifft das wohl nicht zu.“ Ryanair etwa fahre Milliardengewinne ein, jetzt gebe es „großzügige Steuergeschenke obendrauf“.

Besser wäre laut Badum eine Solidaritätsabgabe auf Luxus- und Privatflüge nach französischem Vorbild – besonders in Zeiten knapper und teurer werdenden Kerosins. Nachdem die USA und Israel Krieg gegen das iranische Regime angezettelt hatten, blieben internationale Lieferungen des Flugkraftstoffs oder Rohöls, auf dessen Basis auch deutsche Raffinerien Kerosin produzieren, teilweise aus.

Bund lässt sich 1,5 Milliarden Euro entgehen

Gleichzeitig verzichtet die Bundesregierung durch die Senkung der Luftverkehrsteuer auf Staatseinnahmen in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro bis 2030. Das Bundesfinanzministerium rechnet für dieses Jahr mit 185 Millionen Euro Mindereinnahmen, zwischen 2027 und 2030 steigen die Steuereinnahmen, die dem Bund entgehen, von 340 Millionen auf 355 Millionen Euro.

Dieses Geld fehle der Verkehrswende, warnt Doris Achelwilm, Linkensprecherin für Steuerpolitik. „Es ist unverhältnismäßig, Fliegen milliardenschwer zu subventionieren“, sagte Achelwilm. Ihr Vorschlag: „Extraabgaben auf First-Class-Tickets oder eine gerechtere Vielfliegersteuer, die eine Luftverkehrsteuer ersetzen könnte.“

Auch der ökologische Verkehrsclub VCD fürchtet, dass das fehlende Steuergeld durch Kürzungen im Verkehrshaushalt wettgemacht wird. „Bis 2030 würden 1,5 Milliarden Euro für die dringend notwendige Sanierung der Verkehrsinfrastruktur fehlen, was inzwischen auch die Bundesländer beklagen“, kritisiert Alfred Schreiber, Luftverkehrsexperte des VCD.

Dabei genieße der Flugverkehr ohnehin schon Privilegien: Für Kerosin wird – anders als für Benzin oder Diesel – keine Mineralölsteuer fällig, Auslandsflüge sind im Gegensatz zu internationalen Bahnfahrten von der Mehrwertsteuer befreit.

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Schreiber verweist auf die Niederlande, wo die Luftverkehrsteuer ab 2027 deutlich erhöht wird. Außerdem spricht er sich für eine höhere Steuer auf besonders klimaschädliche Langstreckenflüge aus. Mit den Einnahmen könnten explizit klimafreundliche Verkehrsmittel gefördert werden.

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9 Kommentare

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  • Wieder eine völlig sinnlose Maßnahme. Langsam hat man keine Lust mehr, Nachrichten zu schauen.

  • Das ist Zukunftspolitik. Das umweltfreundliche Deutschlandticket wird teurer und das umweltschädliche Fliegen billiger. Dank auch an Privatpilot und Multimillionär Merz!

  • Alfred Schreiber macht ein Denkfehler - Langstreckenflüge sind besonders Klimaschädlich - aber nicht pro geflogenen KM/ Reisenden.



    Natürlich stößt ein Flieger insgesamt auf der Strecke Frankatur - New York mehr Schadstoffe aus als Berlin München.



    Meine Schwester lebt in der USA - was ist den die Alternative zum Fliegen? ÖPNV oder schwimmen?

    • @Bernd Simon:

      Beides stimmt. Am Ende ist der eine Langstreckenflug hin und zurück dennoch so viel, wie Menschen in Sierra Leone in ihrem ganzen Leben an CO2-Budget aufwenden (aus dem Bauch überschlagen, ich fürchte aber: zutreffend).

      Wenn Sie einen gewissen Film mit Leonardo di Caprio und Kate Winslet sahen, hätten Sie schon eine Alternative. Sonst Teams, Zoom oder dieses Neuland namens Telefon.

  • Na endlich!

    Endlich tut unsere Regierung mal was für den Umweltschutz !

    Diese ganzen Bahnstrecken - der Platz den die brauchen, den Krach den die machen und dann die ganzen schrecklichen Bahnunglücke !



    Und dann erst diese Straßen: Autos! SUVs ! Linkespurblockierer!

    Nein - das muss nicht sein !

    Hoch am Himmel ziehen sie dahin - geräuschlos, staufrei, schnell und sauber!

    So muss es sein !

    • @Bolzkopf:

      Sie sagen es: Gewisse Fossilflugnostalgiker sollten die Regierungsbänke rasch verlassen.



      Flugzeugunglücke sind viel häufiger als Bahnunglücke. Die CO2-Werte sind bei der Bahn oder Überlandbussen auch ein klarer Gewinner. Geräuschlos sind Flieger genauso wenig wie sauber. Wenn Sie ihre Kreise über den Flughäfen drehen müssen, schon gar nicht.



      Trauer-Phasen beim Abschied kann mensch auch rascher nehmen.

  • Das ist aberwitzig. Wir brauchen volkswirtschaftlich wie ökologisch weniger Fliegen. Weniger. Dafür sollten steuernde Steuern also sogar hoch gehen. Wer teils mehrmals im Jahr irgendwohin fliegt, darf dafür auch angemessen seinen Beitrag einzahlen, dienstlich wie privat.



    Um den Punkt deutlich zu machen, mit Privatflugzeugen beginnen, die dann nicht mehr verhätschelt werden könnten, und insgesamt die enormen externen Kosten des Flugverkehrs auch einpreisen. Danach (und erst danach) ist übrigens auch das Morallevel deutlich entspannter. Und werden vielleicht auch nur wohlüberlegt die wichtigeren Flüge übrigbleiben. Und wir volkswirtschaftlich viel eingespart haben, was anderswo gesünder eingesetzt ist.

    • @Janix:

      „ seinen Beitrag einzahlen, dienstlich wie privat“

      Dienstlich wird es einfach auf die Kunden umgelegt, auch auf die, die nicht fliegen. Oder, im Extrem, halt ein Arbeitsplatz abgebaut.

      In mindestens einem Fall mit öffentlicher Finanzierung, einer Uni, wird aber ein interner Strafbeitrag für dienstliche Flüge erhoben. Die Mittel fliessen dann aus der einen Tasche in eine andere, um damit lokale Nachhaltigkeitsmassnahmen, Begrünungen etc, zufinanzieren.

      Grundsätzlich ist diese Reduktion der Luftverkehrssteuer aber eine reine Unternehmenspamperung. Die Preise werden nicht im geringsten sinken - wäre eh nur 2€ für einen Kurzstreckenflug. Da ist jeder Kaffee teurer. Sinnlose Maßnahme.

      • @fly:

        Wenn's teurer wird, wird eine Videokonferenz draus, oder die Firma preist sich da selbst aus dem Markt gegenüber denen, die Videokonferenzen so langsam mal können.



        Der zweite Urlaub im Jahr wird dann die Bahnreise nach Ungarn, die Radtour an der Weser statt des Flugs in irgendein Hotel-Wie-hieß-die-Ecke-Nochmal-Aber-ganz-toll--Fotos?.



        Interne Beträge oder Tugend sind gut, generelle Regeln sind noch besser. Das ist auch wirtschaftswissenschaftlich längst bekannt, Stichwort "Pigou-Steuer", mit diversen Verfeinerungen seither.



        Das ist eine Machtfrage, wer seinen Dreck auch wieder aufräumt und wer das noch nicht tun muss.

        Wie viele Regierungs-Maßnahmen derzeit ist es wohl Angst vor der Fossilpresse, den Braunblauen. Es ist Unfähigkeit, Angemessenes zu kommunizieren, oder Angst vor dem Demos, dem mann nicht Einsicht zutraut. Oder wirklich ideologische Verblendung (meine Wertung).

        Und solches Klein-klein, ja, wäre in beide Richtungen für die Galerie, also unguter Stil. Der auch noch signalisieren soll: Fliegt mal munter weiter. ... Nein! Und dafür muss das Erläutern mal wieder von 'oben' kommen (Ohne dass 'unten' sich in eine unreife Untätigkeit zurückziehen dürfte, natürlich).