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Russisch-belarussisches Manöver„Krieg der Nerven“

Erstmals haben Russland und Belarus eine gemeinsame Nuklearübung durchgeführt. Offiziell zu „Vorbereitung und Einsatz von Atomstreitkräften im Fall einer Aggression“.

Ein Militär-Lkw verlässt ein Depot während Übungen der Nuklearstreitkräfte an einem nicht näher bezeichneten Ort in Belarus, 21. Mai 2026 Foto: Russian Defence Ministry/reuters

Aus Warschau

Sergey Martselev

Parallel zum Besuch von Kremlchef Wladimir Putin in Peking hat Russland diesen Dienstag ein dreitägiges Großmanöver mit Zehntausenden Soldaten und Übungen seiner Nuklearkräfte begonnen. Beteiligt waren dreizehn U-Boote der russischen Marine, mehr als siebzig Kriegsschiffe, Hunderte strategischer Raketenkomplexe und 64.000 Soldaten. Was einem unbeteiligten Beobachter wie der Beginn eines schrecklichen Szenarios der Geschichte erscheinen könnte, waren in Wirklichkeit die umfangreichsten Militärübungen Russlands und Belarus' zur Anwendung von Atomwaffen seit dem Ende der Sowjetzeit.

Zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Belarus hat die Armee des Landes an einem solchen Manöver teilgenommen. Der Grund: Russland hat vor drei Jahren taktische Atomwaffen auf dem Territorium seines Verbündeten stationiert und dabei festgelegt, dass es die volle Kontrolle über deren Einsatz behält. Das Schema ähnelt dem europäischen der nuklearen Teilhabe, bei dem die USA ihre Atomwaffen in Deutschland und anderen Nato-Staaten stationieren.

Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko beharrt zwar darauf, dass er selber den roten Knopf drücken werde, sollte jemand seine persönliche Macht infrage stellen. Doch Experten halten seine Äußerungen für einen Bluff. Eine Woche vor Beginn des Manövers hat man in 19 belarussischen Regionen das Betreten von Waldgebieten an den Grenzen zu Polen, der Ukraine und den baltischen Staaten verboten, angeblich wegen der Gefahr saisonaler Waldbrände.

Schlimmste Kriegsbefürchtungen im Vorfeld

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Russische und belarussische Militärbehörden hatten sich in Bezug auf das bevorstehende Manöver in Schweigen gehüllt und Analysten gingen angesichts der Sperrung der Grenzgebiete vom Schlimmsten aus. So wurde spekuliert, Russland könnte die Ereignisse von vor vier Jahren wiederholen und erneut von belarussischem Gebiet aus in die Ukraine einmarschieren. Gründe für solche Schlussfolgerungen gab es – Lukaschenko hatte in letzter Zeit wiederholt erklärt, man bereite sich auf einen Krieg vor.

Dieses Mal wurde allerdings keine nennenswerte Konzentration russischer Streitkräfte auf belarussischem Staatsgebiet festgestellt.

Nach Ansicht von Kamil Kłysiński, einem Experten des polnischen Zentrums für Oststudien, könnte die Sperrung der Wälder ein Hinweis des offiziellen Minsk auf mögliche militärische Provokationen gegenüber den Nachbarstaaten sein – eine Drohung, aber kein reales Aggressionsszenario.

Gründe des Kremls für das Manöver

Der Kreml brauchte eine lautstarke PR-Aktion zur Motivation seiner Anhänger

Aber warum war ausgerechnet jetzt eine Demonstration der atomaren Macht nötig? Einer der Gründe sind die Misserfolge der russischen Truppen im Südosten der Ukraine. Ihre Verluste übersteigen die Zahl der neu eingezogenen Soldaten. Das liegt vor allem an den Tausenden ukrainischer Kampfdrohnen, die die Frontlinie kontrollieren. Die russische Gesellschaft ist zunehmend unzufrieden mit den Folgen des Krieges, und der Kreml brauchte eine lautstarke PR-Aktion, in diesem Fall ein Nuklearmanöver, zur Motivation seiner Anhänger.

Ein weiterer Grund dafür, dass der Kreml gerade jetzt die Spannungen verstärkt, ist das sich abzeichnende Machtvakuum in Europa. Dies ist eine Folge davon, dass die USA nicht mehr als Garant für die europäische Sicherheit fungieren und ihre militärische Präsenz auf dem Kontinent reduzieren, während die Atommacht Frankreich die politische und militärische Führung in Europa übernehmen will.

Vor einem Monat vereinbarten Warschau und Paris die Durchführung eines gemeinsamen Manövers an der Nato-Ostflanke, bei dem der polnischen Luftwaffe Aufklärungs- und Feuerschutzaufgaben für französische Flugzeuge zukommen, die den Einsatz von Atomwaffen gegen einen fiktiven Gegner simulieren. Das neue polnisch-französische Militärbündnis hat die Generäle in Moskau in Schrecken versetzt. Am 20. Mai erklärte Russlands Vize-Außenminister Sergei Rjabkow, Russland könne die nukleare Aufrüstung der Nato nicht ignorieren und werde, so seine Darstellung, „angemessen und verhältnismäßig“ reagieren.

Auch für Minsk gibt es durch das gemeinsame Manöver mit Russland außenpolitische Vorteile. Das belarussische Militär hat sich dadurch vom „Nachtwächter“ fremder Atomwaffen zum Mitgestalter der Planung eines großen Krieges entwickelt. Lukaschenko wiederum hoffte, den Politikern in Warschau, Kyjiw, Vilnius und Brüssel auf die Nerven zu gehen.

Rutte spricht von „verheerenden“ Reaktionen der Nato

Die westlichen Demokratien ließen sich nicht einschüchtern. Nato-Generalsekretär Mark Rutte versprach, dass im Falle eines russischen Einsatzes von Atomwaffen gegen die Ukraine die Reaktion des Bündnisses „verheerend“ sein würde. Und der polnische Staatssekretär Jakub Stefaniak erklärte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, dass dieses russisch-belarussische Manöver Teil eines hybriden Krieges, eines „Kriegs der Nerven“, sei. „Ruhe und Wachsamkeit – das ist die Taktik Europas“, fügte der polnische Analyst Kamil Kłysiński hinzu.

„Die Welt wird nie mehr so sein wie zuvor“, kommentieren Nutzer sozialer Netzwerke das Manöver, das am Donnerstag zu Ende ging. Und sind sich einig: Europa müsse sein eigenes Verteidigungspotenzial stärken und entschlossen auf Provokationen derer reagieren, die nur die Sprache der Macht verstehen.

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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