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Studie zu Olympia und WohnkostenSpiele machen Städte nicht immer teurer – aber oft

Ein Gutachten sieht keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Olympischen Spielen und steigenden Immobilien- und Mietpreisen. Aber Steuerung ist wichtig.

Viel Misstrauen in der Bevölkerung: Ein Olympia-Gegner wirbt für ein Nein beim Referendum Foto: Christian Charisius/dpa

Durch die Ausrichtung Olympischer Spiele steigen im Austragungsort nicht zwangsläufig die Mieten und Immobilienpreise. Die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages haben die Auswirkungen auf die Ausrichterstädte seit 1972 untersucht und sind dabei zu einem differenzierten Befund gekommen. „Die Effekte sind nicht einheitlich, sondern variieren stark zwischen den Städten und sogar innerhalb einzelner Stadtteile“, heißt es in der Zusammenfassung.

Das Gutachten hat die Hamburger Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir von der Linken in Auftrag gegeben. Bis zum 31. Mai können die Hamburger darüber abstimmen, ob ihre Stadt sich für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Die Linke warnt, dass die Spiele viel Geld kosten würden, das dann an anderer Stelle fehlt.

Özdemir liest aus dem Gutachten, dass in vielen Austragungsstädten die Mieten und Immobilienpreise rund um den Zeitpunkt der Spiele deutlich gestiegen seien. „Für Hamburg wäre das ein enormes Risiko – gerade in einer Stadt, in der Wohnen schon heute für viele unbezahlbar wird“, warnt die Bundestagsabgeordnete auf Instagram. Olympia dürfe die Mietkrise nicht weiter verschärfen.

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Tatsächlich sind in vier von 13 untersuchten Städten die Mieten rund um die Spiele gestiegen, in zwei weiteren geringfügig. In fünf Städten steigen die Hauspreise, in zweien sanken sie.

Differenziertes Bild

Dabei liegt jeder Fall etwas unterschiedlich. In München (Spiele 1972) lagen die Mietpreise schon über dem deutschen Durchschnitt. Dass sie zwischen 1968 und 1973 besonders kräftig anzogen, deute darauf hin, dass die Spiele einen zusätzlichen Einfluss auf die Preisentwicklung gehabt hätten, finden die Studienautoren.

In Barcelona (Spiele 1992) stiegen die Mieten deutlich, besonders stark in den Jahren 1991 und 1992, ebenso die Häuserpreise. Obwohl viel gebaut wurde, ging das Angebot an Miet- und Sozialwohnungen zurück. Schuld daran seien mangelnde Regulierung und fehlende öffentliche Planung gewesen, heißt es in dem Gutachten. „Maßnahmen für sozial schwächere Gruppen fehlten weitgehend.“ Zudem sei die Stadtentwicklung durch die Spiele kommerzialisiert worden.

Atlanta vier Jahre später scheint es besser gemacht zu haben. Die US-Südstaaten-Metropole habe Olympia strategisch für eine langfristige Stadtentwicklung genutzt. Die für die Spiele geschaffene Infrastruktur habe nachhaltig die Immobilienentwicklung, das Bevölkerungs- sowie das Wirtschaftswachstum gefördert. „Auch ärmere Viertel wurden umgestaltet, etwa durch den Ersatz alter Sozialwohnungen durch neue Unterkünfte für Olympiateilnehmer“, heißt es im Gutachten.

In Sydney (2000) seien die Immobilienpreise vor den Spielen stark gestiegen, „jedoch eher spekulativ und ohne nachhaltige bauliche Entwicklung“. Danach hätten sie sich wieder normalisiert. Aus Sicht der Autoren verdeutlicht das, „dass Großprojekte wie die Olympischen Spiele langfristig häufig eine geringere transformative Wirkung entfalten als erhofft“.

Natürlich müssten die Stadtplanung und die Nachnutzung des olympischen Dorfes so gesteuert werden, dass das bezahlbare Wohnen im Mittelpunkt steht.

Andreas Breitner, Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen

Das gilt auch für Montreal (1976), wo sich eine schlechte Planung negativ auf den lokalen Immobilienmarkt ausgewirkt habe. Wegen eines schlechten Nachnutzungskonzepts habe es dort 30 Jahre gedauert, bis die Kosten der Spiele ausgeglichen gewesen seien.

In Athen (2004) stiegen die Preise stark, weil die Infrastruktur sowie der Immobilienbestand modernisiert und der städtische Raum durch die olympischen Bauten umgestaltet wurde. Vieles wurde für Gewerbe oder Wohnen umgenutzt. Trotzdem habe Athen am Ende mit unausgelasteten Sportstätten zu kämpfen gehabt.

taz salon über Hamburgs Olympia-Bewerbung

Milliardenregen oder Milliardengrab? Ende Mai stimmen die Ham­bur­ge­r:in­nen darüber ab, ob sich die Stadt für die Olympischen Spiele bewerben soll. Was spricht dafür und was dagegen?

Es diskutieren Alske Freter, sportpolitische Sprecherin der Grünen; Christoph Holstein, Sportstaatsrat SPD; Eckart Maudrich, Sprecher der Initiative Nolympia; Heike Sudmann, Fraktionschefin Die Linke Hamburg

Montag, 25. Mai, 19.30 Uhr, Einlass ab 19 Uhr im Haus 73, Saal (2. OG), Schulterblatt 73, Hamburg

In Peking (2008) und Rio de Janeiro (2016) seien die Spiele tendenziell zum Nachteil ärmerer Bevölkerungsteile gegangen. In Rio beschleunigte der Staat im Zuge der Spiele die Gentrifizierung. Aus den Erfahrungen in Peking leiten die Gutachter ab, „dass gezielte politische Maßnahmen nötig sind, um soziale Ungleichheiten auszugleichen und eine ausgewogene Stadtentwicklung zu fördern“.

Der Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW), in dem überwiegend kommunale und genossenschaftliche Vermieter organisiert sind, leitete aus der Studie die Forderung ab, dass der Wohnungsmarkt nicht sich selbst überlassen werden dürfe. „Natürlich müssten die Stadtplanung und die Nachnutzung des olympischen Dorfes so gesteuert werden, dass das bezahlbare Wohnen im Mittelpunkt steht“, erklärte Verbandsdirektor Andreas Breitner. Hamburg könne der Welt zeigen, wie das geht.

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3 Kommentare

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  • Es leben in Hamburg mehr als 40.000 Menschen in Wohnheimen und viele davon länger als ein od. zwei Jahre.



    Wer sich anschaut, wie der Mietmarkt gerade funktioniert, der erkennt, dass Hamburg einen eklatanten Mangel an bezahlbaren Wohnraum hat.



    Und vor diesem Hintergrund fehlt staatliche Steuerung, Kontrolle und Verfügung. Die Stadt lässt immer wieder spekulative Handlungen im Immobilienmarkt zu.



    Daran wird sich mM nicht ändern und deswegen werden Olympische Spiele in Hamburg die Situation für arme Schichten stark verändern, bzw. verschlechtern wird sich das. Gerade Menschen, die im Mindestlohnbereich arbeiten oder arbeitslos sind, die werden dabei nicht gut wegkommen. Sie könnten versuchen, ins Umlang zu ziehen, aber da haben Mieten, sogar Immobilienpreise ordentlich angezogen.



    Und grundsätzlich findet die Nutzung von Wohnraum sehr ungerecht und sozial polarisiert statt: Ein Paar bewohnt 160 qm in der Isestraße, ein anderes 40 qm in Farmsen, ein anderes Paar hat ein Raum in der Wohnunterkunft.



    Das Paar aus der Isestraße könnte auch einen Studenten aufnehmen, machen sie meist aber nicht. Und wenn in so eine Situation so ein Großereignis reingehämmert wird, wird es noch schlimmer.

  • In "Rio de Janeiro (2016) seien die Spiele tendenziell zum Nachteil ärmerer Bevölkerungsteile gegangen."



    Immerhin wurde die Weltöffentlichkeit Zeuge wie verdreckt die Guanabara-Bucht und die Lagune Rodrigo de Freitas vor den Spielen waren.



    Ähnlich wie zuletzt in Paris wurde monatelang im Vorfeld berichtet, dass Wettkämpfe im Wasser aufgrund der Verschmutzung eventuell nicht möglich seien.



    Das hat den brasilianischen Staat gezwungen zu handeln und gleichzeitig wurde die einheimische Bevölkerung - und sei es nur aus Scham über die Berichterstattung - aufgeschreckt und sensibilisiert.



    In Rio lief hinterher nicht alles richtig, aber immerhin sind die beiden besagten Gewässer heute keine völlig verwahrlosten Kloaken mehr und in Teilen der Favelas wurden wegen der Olympischen Spiele im Vorfeld Müllabfuhren eingeführt, die zumindest teilweise bis heute Bestand haben.



    Auch die Seine in Paris hat nachhaltig profitiert.

  • Man könnte natürlich auch ohne den Olympiaquatsch in den Wohnungsbau investieren.