piwik no script img

Manager über Rohstoffkrise„Der westliche Markt trocknet aus“

Karlheinz Wex, Chef des Werkzeugherstellers Plansee Group, spricht über Chinas Vormacht auf dem Markt für Wolfram – und Wege aus der Abhängigkeit.

Heiß begehrt: das Schwermetall Wolfram Foto: Valeriy Voennyy/picture alliance
Heike Holdinghausen

Interview von

Heike Holdinghausen

Herr Wex, was glauben Sie: Wann wird das Schwermetall Wolfram erstmals in der Tagesschau auftauchen?

Karlheinz Wex: Im Laufe dieses Jahres, ganz bestimmt. Im Zusammenhang mit kritischen Rohstoffen ist über Wolfram schon berichtet worden, ein eigenes Thema war es aber, soweit ich weiß, nicht.

Bild: Privat
Im Interview: Karlheinz Wex

ist Vorstandsvorsitzender der Plansee Group. Das österreichische Unternehmen mit Sitz in Reutte (eine halbe Stunde Autofahrt südlich von Neuschwanstein gelegen) ist auf Produkte aus den Werkstoffen Molybdän und Wolfram spezialisiert und in diesem Bereich Weltmarktführer.

Warum nicht?

Das verstehe ich auch nicht. Die Lage auf dem Wolfram-Markt ist dramatisch. China beherrscht weltweit Abbau und Verarbeitung, das Land hat einen Marktanteil von über 80 Prozent. Seit einem Jahr ist der Export eingeschränkt, der westliche Markt trocknet aus. Dabei ist Wolfram für viele Industrie-Anwendungen unbedingt notwendig.

Welche Branchen sind besonders abhängig?

Die allerwichtigste ist die Werkzeugbranche. Drehen, fräsen, bohren, umformen – Unternehmen, die Getriebebauteile, Motoren, Maschinenteile produzieren oder reparieren, benutzen Werkzeuge aus Wolframkarbid. Unternehmen der Elektronik und der Rüstungsindustrie fragen Produkte aus Wolfram stark nach.

Wie lange könnten die europäischen Unternehmen produzieren, wenn China nichts mehr exportiert?

Für Vormaterialien – wie Wolframpulver oder Wolframoxid – gibt es seit einem Jahr keine Exporte mehr aus China. Im Gegenteil: China ist zum Nettoimporteur geworden, es saugt alles auf. Außerdem werden Lizenzen für Minen zurückgefahren. Darum gibt es ja diese Preissteigerungen von zum Teil 600 Prozent. Es gibt noch Material, aber eben zu völlig überhöhten Preisen.

Diese Geschichte ist dieselbe wie bei den Seltenen Erden: Erst hat China alle Mitbewerber mit einem aggressiven Preiswettbewerb vom Markt gedrängt und dominiert ihn nun. Warum haben die Unternehmen nicht früher gemerkt, was da passiert – und vorgesorgt?

Da regiert häufig das Prinzip Hoffnung. Die Plansee-Group hat allerdings vorgesorgt. Vor beinahe 20 Jahren haben wir uns rückwärtsintegriert und in den USA den Geschäftsbereich Global Tungsten and Powders vom Leuchtenhersteller Osram gekauft. Als Osram wegen der Umstellung auf LED-Technik die Wolframwendel in der Glühlampe nicht mehr benötigt und sein Wolfram-Werk veräußert hat, haben wir zugegriffen. Das war 2008, da haben wir die sehr unfaire Handelspolitik Chinas schon gesehen. Von dieser Politik wollten wir uns unabhängig machen. Zusätzlich haben wir Recyclingtechnologien entwickelt. Letztes Jahr lag unser Einsatz von Sekundär-Wolfram bei rund 90 Prozent. Wir sammeln vor allem abgenutzte Werkzeuge ein und bereiten sie durch unterschiedliche Technologien zu neuem, einsatzfertigem Wolfram auf. Die restlichen zehn Prozent kaufen wir aus Minen zu, aber nur im Westen.

Börsenblätter haben den Markt in den letzten Monaten zum Teil als „hysterisch“ bezeichnet. Profitieren Sie davon?

Na ja, die Preise für Schrotte und Konzentrate basieren ja auch auf diesen Werten, wir zahlen also selbst mehr im Einkauf. Wir sind insofern abgesichert, als wir überhaupt an das Material herankommen, preislich aber nicht. Wir müssen jetzt durch stringentes Management schauen, dass wir die Preise auch in unsere Produkte hineinbekommen.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.

Sie haben sich Material an einer neuen Mine in Südkorea gesichert. Läuft die schon?

Unser langjähriger Partner Almonty hat sich vor zehn Jahren Rechte an der Sangdong-Mine gesichert. Die Mine ist nicht neu, sondern hat das Schicksal von vielen nicht-chinesischen Minen geteilt und wurde vor 30 Jahren stillgelegt. Seit etwa acht Jahren versucht Almonty, sie wieder zum Laufen zu bringen. Anlagen aufbauen, in Betrieb nehmen, Materialeigenschaften einstellen, das dauert. Wir haben uns in der ersten Ausbauphase 100 Prozent des Materials gesichert und von der österreichischen Kontrollbank und der KfW Finanzierungen und Darlehen bekommen. Vor zehn Jahren haben wir ein Offtake-Agreement geschlossen. Das heißt, wir haben zugesagt, das Wolfram aus der Mine zu Minimumpreisen abzunehmen, die höher als der damalige Marktpreis lagen. Das war ein Risiko, aber in der jetzigen Zeit ist das natürlich kein Thema mehr. Jetzt warten wir jede Woche darauf, dass Material aus dieser Mine kommt. In der ersten Ausbauphase sollen 2.500 Tonnen, in Phase 2 noch einmal 2.000 Tonnen dazukommen. Damit ist Sangdong eines der größten Wolfram-Projekte in der westlichen Welt.

Die Recyclingquote von Wolfram liegt derzeit bei 35 Prozent – das heißt, 65 Prozent des verwendeten Wolframs stammen aus Minen. Wie weit lässt sich der Recyclinganteil steigern?

Zurzeit liegt der weltweite Bedarf an Wolfram bei 120.000 Tonnen im Jahr. Davon ließen sich bis zu 50 Prozent durch Recyclingmaterial abdecken, dann stoßen wir an Grenzen. Der Abrieb von Bohr- oder Schleifwerkzeugen in Bergwerken oder im Tunnel- und Straßenbau geht zum Beispiel in der Landschaft verloren.

Die EU, vorangetrieben vor allem von Deutschland und Frankreich, will Lagerkapazitäten aufbauen, wie beim Öl. Wird das helfen?

Das ist ein Plan, von der Umsetzung sind wir noch sehr weit weg. Recycling ist gewünscht, kritische Rohstoffe stehen auf der Agenda, da sind Ziele formuliert. Aber wie und wo genau Rohstoffe beschafft, gelagert und gemanagt werden, dazu ist noch nichts bekannt.

Ist denn Lagerhaltung überhaupt die richtige Strategie?

Reserven aufbauen ist dann sinnvoll, wenn genug Material da ist. Sonst heizen wir die Knappheit doch noch weiter an. Strategische Lager machen Sinn. Sie jetzt anzulegen, wäre aber kontraproduktiv.

Dass Europa ein Rohstoffproblem hat, ist seit über zehn Jahren bekannt. Warum passiert nichts?

Es passiert ja nicht nichts, die Ziele sind gut. Aber es gibt keine klare, stringente Vorgangsweise, die Ziele werden nicht umgesetzt. Die Chinesen zum Beispiel haben vor 20 Jahren erkannt, dass sie für viele moderne Technologien Kobalt und Lithium brauchen. Sie haben sich in Afrika, Australien und Südamerika Reserven gesichert und strategisch Verarbeitungskapazitäten aufgebaut. Außerdem gehen sie sehr sorgfältig mit ihren eigenen Reserven um.

Also haben die europäischen Regierungen das Thema verschlafen?

Die Politik muss den Rahmen abstecken, oder Risiken absichern, etwa für Minenprojekte. Machen muss das Ganze die Industrie. Die Unternehmen waren und sind in der Verantwortung.

Und nun?

Bei jedem Material gibt es spezifische Lösungen. Von einigen gibt es natürliche Ressourcen in der EU oder in anderen verlässlichen Weltgegenden, andere können gut recycelt werden. Für einige Rohstoffe gibt es noch europäische Verarbeitungskapazitäten, für andere nicht. Mit Blick auf Wolfram: Kurzfristig sollten Wolframschrott-Exporte nach China gestoppt und der Recyclinganteil in der EU weiter gesteigert werden. Mittel- und langfristig geht es darum, sinnvolle Rahmenbedingungen für neue Minenprojekte in der westlichen Welt zu schaffen und die Aufbau-, Anlauf- und Nutzungsphase finanziell abzusichern.

Nur noch 390 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare