piwik no script img

Betriebliche AltersvorsorgeSozialpolitische Good Vibes

Jasmin Kalarickal

Kommentar von

Jasmin Kalarickal

Eine Betriebsrente klingt angesichts der zahlreichen Sozialkürzungen wie ein beruhigendes Signal. Aber es kommt wie so oft auf die Details an.

L ars Klingbeil, der oberste Finanzhüter des Landes, hat sich für verpflichtende Betriebsrenten ausgesprochen – und folgt damit der Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi hatte am Wochenende eine solche Verpflichtung unter Beteiligung der Ar­beit­ge­be­r*in­nen gefordert.

Das Timing von Klingbeil scheint perfekt. Am Mittwoch kommen die Koalitionsspitzen mit Ver­tre­te­r*in­nen von Gewerkschaften und Arbeitgebern zusammen, um über Reformen zu diskutieren: Steuern, Rente, Arbeitsmarkt. Es ist gut nachvollziehbar, dass sich ein sozialdemokratischer Finanzminister im Vorfeld um sozialpolitische Good Vibes bemüht. Denn bisher hat sich Klingbeil vor allem als rigider Sparminister hervorgetan. Egal ob Rente, Gesundheit oder Pflege – was derzeit euphemistisch als Reformen präsentiert wird, ist ein knallhartes Kürzungsprogramm. Eine verpflichtende Betriebsrente klingt da wie ein versöhnliches Signal.

Laut Arbeitsministerium hatten 2023 nur etwa 52 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Alter von 25 bis 67 eine betriebliche Altersversorgung – das ist ziemlich wenig angesichts der Tatsache, dass die Alterssicherung in Deutschland in der Theorie auf drei Säulen beruht. Neben der gesetzlichen Rente sollen Ar­beit­neh­me­r*in­nen auch privat vorsorgen und eine Betriebsrente abschließen. Nur hat das mit der Realität der Menschen wenig zu tun. Viele Menschen, insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern, haben im Ruhestand nichts anderes als die gesetzliche Rente – und die reicht oft nicht zum Leben.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Schon im Koalitionsvertrag hat sich Schwarz-Rot darauf geeinigt, die betriebliche Rente zu stärken und sie insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen voranzutreiben. Ende des vergangenen Jahres wurde dafür das Zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz beschlossen.

Eine verpflichtende Betriebsrente, an der sich Ar­beit­ge­be­r*in­nen mit einem Zuschuss beteiligen, klingt in diesem Zusammenhang vernünftig. Allerdings kommt es auf viele Details an. Grundsätzlich gilt: Je höher der Anteil der Arbeitgeber*innen, desto mehr lohnt es sich für die Arbeitnehmer*innen. Manche Verbraucherzentralen kommen zu dem Schluss, dass es sich erst rentiert, wenn sich Ar­beit­ge­be­r*in­nen mit mindestens 30 Prozent, besser 50 Prozent am Bruttobeitrag der betrieblichen Altersvorsorge beteiligen.

DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi rechnet entsprechend mit Widerstand vonseiten der Arbeitgeber*innen. Die Bundesvorsitzende der Mittelstandsunion, Gitta Connemann, hat den Vorschlag bereits scharf angegriffen. Auch die Zustimmung der Union, die Ar­beit­ge­be­r*in­nen entlasten will, dürfte mau ausfallen. Fraglich also, was nach dem Treffen am Mittwoch noch von den Good Vibes übrig bleibt.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 330 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Jasmin Kalarickal

Jasmin Kalarickal Redakteurin

Jahrgang 1984, ist Redakteurin im Inlandsressort der taz.
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!