: Eine Blindheit, die kränkt
Anna Felnhofers herausragender Roman „Prosopon“ erzählt von einer kognitiven Störung und einem Hochleistungsakt der Einfühlung
Von Kirsten Voigt
Johann kommt in den Kindergarten und begegnet im Waschsaal vor dem Spiegel einem Gegenüber, das ihn hektisch und grotesk nachäfft. Es ist ihm fremd, fragmentiert, unbegreiflich und macht ihn wütend. Der Blick in den Spiegel lehrt das Kind das Grauen. Der Grund: seine Gesichtsblindheit – Prosopagnosie. Von ihr handelt Anna Felnhofers fulminanter Roman „Prosopon“. Gebaut ist dieser Text wie ein hochkomplexes Spiegelkabinett, das nicht nur Individuelles reflektiert, sondern auch eine Welt, in der das „Gesehen-werden-Wollen“ Beziehungen beherrscht.
Erkennen ist ein Prozess, der zu Vertrautheit und Bindung führt. Erkennen beruht – als Wiedererkennen – auf früheren Begegnungen, somit auf gemeinsamer Geschichte. Es knüpft sich an Merkmale, Unverwechselbares und signalisiert dem Gegenüber, dass es markant, es selbst und erinnerungswürdig ist. Wer nicht über die Fähigkeit verfügt, andere zu erkennen, bleibt bindungslos, kränkt existenziell ohne Absicht und kann auch sich selbst nicht fassen.
Mit „Prosopon“ hat die österreichische Psychologin Anna Felnhofer einen analytisch brillanten, dramaturgisch bezwingend gebauten und schmerzlichen Roman vorgelegt. Aus ihm las sie schon 2023 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen spektakulären Ausschnitt. Das Buch kreist um den Unfalltod eines siebenjährigen Kindes und erzählt von dem, was die zurückbleibenden Eltern empfinden, von Schuld und Verzweiflung.
Prosopon bezeichnet Antlitz und Maske gleichermaßen und ist damit das griechische Gegenstück zur Persona – als Begriff ist er nicht nur medizinisch, sondern auch theologisch und ikonologisch von Belang, weil mit ihm das Verhältnis von Gott und Mensch in der Erscheinung Christi diskutiert wurde. Sehr viel weltlicher, aber kaum weniger komplex beleuchtet der Roman seinerseits das Verhältnis des gesichtsblinden Vaters Johann zu seinem mutmaßlich autistischen Sohn Finn – und auch hier, wie in der christlichen Heilsgeschichte, stirbt der Sohn. Es bleibt die Frage, wessen Opfer er wurde.
Die erste Szene zeigt Mutter und Vater im Krankenhaus am Bett des Siebenjährigen. Fünf Monate haben sie dort ausgeharrt. Jetzt bricht die Mutter auf und aus – verlässt das Hospital wie jeden Abend. Während der Vater beim Sohn bleibt, begibt sie sich in die lange verwaiste heimische Wohnung, um das Kinderzimmer zu räumen – brachial, im Versuch, zu summieren und zu memorieren, Abstand zu gewinnen, den Schmerz zu bewältigen und die Vorgeschichte des Unfalls zu begreifen.
Anna Felnhofer: „Prosopon“, Luftschacht Verlag, Wien 2026. 259 Seiten, 24 Euro
Sie entfaltet die Erzählung eines ganzen Lebens, das ihres gesichtsblinden Mannes, immer wieder eingeleitet mit einschränkenden Bemerkungen, die andeuten, dass sich die Erzählerin die Dinge lediglich vorstellt, mutmaßt, manchmal in alternativen Anläufen. Die erzählte Zeit wird in eine viel kürzere literarische Zeit des Erzählens eingeschachtelt. Gegenstand ist eine Entwicklungsgeschichte, der die Entwicklung eigentlich fast vollständig versagt bleibt, weil die Prosopagnosie keine Veränderung, keine Heilung kennt – bis vielleicht auf den letzten tragischen Augenblick. Sie zeigt einen Getriebenen, der durch die Welt irrt, blicklos für Gesichter und zumeist selbst unerkannt, stetig verunsichert darüber, wer ihm eigentlich begegnet, angewiesen auf Hilfskonstruktionen des Erkennens, dankbar für sortierte Momente und Rituale. Ob er sich nach Spanien begibt oder nach Schweden – um ihn häufen sich Katastrophen und Opfer an. Ein geliebter Hund geht über die Klippe, einem diabeteskranken Fischer versetzt er nicht die rettende Insulininjektion, weil er ihn von seinem Bruder nicht unterscheiden kann.
Während der Vater immer wieder das Unverständnis, ja den Hass seiner Mitmenschen auf sich zieht, ist der Sohn unfähig zur Empathie, sogar spontan gewaltbereit, sadistisch und bösartig. Er rammt Mitschülern Scheren oder Gabeln in den Körper, untersucht die Eingeweide noch lebender Tiere mit bloßen Fingern oder schlägt seiner ihn gerade noch tröstenden Mutter unversehens mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Johann hingegen war lebenslang Opfer von Peinigungen, sogar verschiedener, fast letaler Attacken seiner alleinerziehenden, alkoholkranken Mutter. Diese Übergriffe bringen sie zuerst in die Psychiatrie, dann ins Gefängnis von Stuttgart-Stammheim und just in die Zelle, in der sich Gudrun Ensslin erhängte.
Was Finns Mutter unternimmt, ist ein Hochleistungsakt der Imagination und Einfühlung, indem sie die Geschichte von Johann empathisch zu konstruieren und dabei parallel die eigenen Fehler zu analysieren sucht. Die doppelte Anamnese von Vater und Sohn macht klar, dass auch die Erzählerin nie die Möglichkeit hatte, etwas am Lauf der Dinge zu ändern. Die Erkrankungen der anderen sind auch ihr Fatum. Es faszinieren nicht nur der oft schnelle Wechsel zwischen einem individuierenden und einem panoramatischen Blick auf die dichte Folge episodischer Geschehnisse einerseits und das ganze Drama andererseits, sondern auch deren Verknüpfungen. So tauchen Topoi immer wieder und gespiegelt gebrochen auf, spiegeln sich die Mütter ineinander, duplizieren sich die Selbstversuche, mit denen Johann, der fast einmal ertrank, immer wieder versucht, sich die Aversion gegen das verhasste Wasser abzutrainieren – oder sich umzubringen. Bezwingend ist sowohl die Stetigkeit der sensitiven Analyse der Krankheitsbilder und ihrer Wirkungen auf andere Menschen als auch die Sprache, die Anna Felnhofer für diese Innenansichten findet. Sie erhellt Sachverhalte nüchtern, dann jedoch entwickeln lyrische, immer unforcierte Bilder eine immense atmosphärische Adhäsionskraft, wenn es etwa heißt: „Durch die Luft fädelt ein Rest von Winter“, oder bei der Vernehmung der Zeugen des Unfalls: „Man waberte weiter durch das Fragegerüst.“
Zu den eigentümlichen und poetischen Kunstgriffen dieses exzeptionellen Buches, das mit der weitverbreiteten Meinung aufräumen könnte, es sei gut, wenn Autor*innen nicht „psychologisieren“, gehören schließlich auch drei Märchen. Eines von ihnen erzählt, wie ein Jemand zum Niemand wird, abtaucht und um ihn damit alle Gewissheiten ertrinken. Sicher bleibt allein der Tod, und was über ihn hinwegtröstet, ist lediglich der erschöpfte Gedanke daran, was dem zu früh Gestorbenen alles erspart bleibt. Ein trauriger Trost.
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