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Die Suche nach dem Trotzdem

Kann die Kunst noch was reißen, wenn die Politik versagt? Das Theater strengt sich mächtig an, wie die Au­to­r:in­nen­Thea­ter­Ta­ge in Berlin zeigen

Von Katrin Bettina Müller

Die Geschichte eines kleinen Jungen, der seinen gelben Spielzeugbagger hässlich findet und einen neuen will – kann man sich vorstellen, dass daraus ein satirischer Theaterabend über Karrierestrategien in Polizei und Politik wird? Hält man es für möglich, dass Old Shatterhand eine Wiedergeburt als Regisseur erlebt, der einen humanistischen Kern von Karl May gegen postkoloniale Kritik verteidigen will? Ist ein Theaterabend vorstellbar, der nur aus Ansagen möglicher Titel von noch nicht geschaffenen Kunstwerken besteht?

Das sind merkwürdige rhetorische Fragen. Sie beruhen auf der Lektüre der vielen Texte, deren Inszenierungen ab 6. Juni an das Deutsche Theater in Berlin zu den Au­to­r:in­nen­Thea­ter­Ta­gen eingeladen sind. Dramenlektüre eröffnet neben dem Inszenierungsbesuch einen zweiten Blick auf das, was die Theater, die Au­to­r:in­nen und Künstlerkollektive so umtreibt.

Stückfassungen heute sind auffällig oft keine endgültig fertigen Texte. Nicht selten sind Hinweise wie „Manche Szenen werden so bleiben, weil sie funktionieren. Andere werden verschwinden, weil sie nicht funktionieren. Manche Szenen werden nie gespielt, weil wir etwas Besseres finden. Andere Szenen werden dazukommen, weil die Probe klüger ist als der Schreibtisch“, dem Text vorangestellt wie in „Winnetou V“ von Kieran Joel. Der Autor (und Regisseur in diesem Fall) nimmt sich also vor dem Kollektiv der Performenden zurück.

Oder aber der/die Au­to­r:in schreibt in den Text Wünsche an die Spielenden hinein, nicht zu perfekt zu werden und dem Unvorhersehbaren eine Chance zu lassen. Wie Kim de l‘Horizon: „Und bitte, Spieljs: Meistert den Text nicht, nutzt ihn nicht als perfekte, schwierige Welle, die ihr Bravado-mässig runtersöhrft. Immer wieder neu den Text nicht-können, nicht-wissen, nicht aufs das stützen, was funktioniert hat, sondern auf den Moment, eure co-präsenten Körper und Säfte und Kräfte, euer gegenwärtiges Kraulen im Jetztgrad-kalten Wasser.“

Aufklärung im besten Sinne

Der sachlichste Text unter den 11 eingeladenen Stücken, „Krieg und Frieden“, kommt von Calle Fuhr, einem 1994 geborenen Autor und Regisseur. Zusammen mit der Correctiv-Redaktion hat er einen Monolog über Putins Aufstieg und Ziele verfasst. Der ist nicht nur äußerst informativ und spannend, sondern knüpft rhetorisch geschickt an Fragen an, die alltägliche Entscheidungen von uns, den Bür­ge­r:in­nen der BRD, betreffen. Wie Wehrpflicht, Energiepolitik, Aufrüstung.

Es ist Aufklärung im besten Sinne, ein journalistisches Format, das seine Quellen offenlegt. Aber ist er auch Theater, dieser „Bühnenessay“? Herausgekommen am Schauspielhaus Köln lässt er sich auf jeden Fall als Beleg nehmen für das Anliegen der Kunst, politische Haltung zu zeigen.

Wie viel Sinn es ergibt, sich mit dem Theater für eine demokratische Welt einzusetzen, ob ethische und politische Aufklärung noch möglich oder nur eine liebgewordene Illusion in der Kunstblase ist, dem geht Kieran Joel in „Winnetou V“ nach, herausgekommen am Stadttheater Ingolstadt. Das Setting ist eine sehr skurrile Versuchsanordnung, eine fiktive Reise durch die USA, in der einige der Karl-May-Figuren wider Willen mit dem Mythos des Wilden Westens und seiner Verschleierung des Kolonialismus hadern, andere mit dem Trumpismus der Gegenwart, und nur der Regisseur als alter Ego von Old Shatterhand noch auf der Suche nach Idealismus und Edelmut ist. Hinter jeder albernen Zuspitzung aber leuchtet die Frage, was geht denn noch in der Kunst.

Eine Aufzählung potenzieller Titel

Um den Preis des seltsamsten Stücks können sich Leo Meier und das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule streiten. Meier, Autor und Schauspieler, 1995 geboren, schickte in „auf der suche nach dem verlorenen bagger“ Alfi, der noch nicht zur Schule geht, auf eine Odyssee durch die Instanzen der Gesellschaft, von Polizei über Kommunalpolitik bis Talkshow. Wie der Junge programmatisch missverstanden und instrumentalisiert wird, damit sich die vermeintlichen Kinderversteher vorteilhaft positionieren können, liest sich unterhaltsam und witzig.

Ein Text, der dem Theater viele Türen in die Gegenwart öffnet

Das Stück „2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger“ der Frankfurter Hauptschule dagegen ist nur als Lektüre kaum zu konsumieren. Denn tatsächlich besteht es aus einer Aufzählung potenzieller Titel, ein anspielungsreiches Gag-Feuerwerk, prall voll mit popkulturellen und bildungsbürgerlichen Referenzen. Es zeigt der Subkultur ebenso wie der Hochkultur den Stinkefinger, amüsiert sich mit Sarkasmus und Zynismus. Und lässt hinter all dem Schlaubergertum die verzweifelte Frage, was kann sie denn noch ausrichten, die Kunst.

Der anregendste Text, der auch als gelesenes Drama Fantasie und Erkenntnis triggert, kommt von Kim de l‘Horizon. „Die kleinen Meerjungrauen“ erzählt vom hohen Preis der Anpassung, den bekannte Märchenwesen wie kleine Meerjungfrauen, Alraunen und Erdaltraun (zu ihrer Empörung „Zwerge“ genannt), zahlen müssen, wollen sie unter den Menschen leben. Selbstverleugnung, Vergessen der eigenen Vergangenheit, Abtrennung von der Verbindung zu den Elementen gehören dazu.

Es ist auch ein Spiel mit der Sprache, in der oft mehr Wissen über das Verdrängte steckt, als ihr alltäglicher Gebrauch ahnen lässt. Dass die Märchenhaften schließlich zu Kapitalismuskritik ansetzen und sich zu Spre­che­r:in­nen der Ressourcen machen, deren Verschleuderung so bedrohliche Formen angenommen hat, kommt hinzu. Ein Text, der dem Theater viele Türen in die Gegenwart öffnet.

Phänomene der Erschöpfung und des Eskapismus

Theatertext-Lektüre funktioniert nicht immer. Gerade dort, wo sich das Spiel zu Performance und kollektiver Stoffentwicklung hin entwickelt, bleibt beim Lesen vieles ungreifbar und rätselhaft. Das Theater im Bahnhof aus Graz und die auf Videogames spezialisierte „pseudo-marxist media guerilla“ Total Refusal reflektieren in „Let‘s Play I am old and tired“ Phänomene der Erschöpfung und des Eskapismus.

Die Rückzugsfantasie „Walden oder das Leben in den Wäldern“ von Henry David Thoreau wird gegen Videospiele geschnitten, die mit einem virtuellen Ausstieg aus der Realität deren Mängel kompensieren oder erdulden helfen. Teilweise ist das klug und analytisch, wenn es etwa um Zeitbegriffe wie „quality time“ oder „Zeitvergeudung“ geht, den Kampf um Arbeitszeiten oder um die Unsterblichkeitsfantasien von Tech-Giganten. Aber in den labyrinthischen Strukturen zwischen Videogame, Bühne, historischem Zitat und Überschreibung verliert man leicht auch den Boden unter den Füßen.

In der Übergangszeit zwischen Spielzeitende und Festivalsommer ermöglichen die Au­to­r:in­nen­Thea­ter­Ta­ge dem Theater noch einmal den Puls zu fühlen. Er ist erhitzt und beschleunigt in der Konfrontation mit einer Gegenwart, die für die Zukunft kaum noch positive Modelle parat hat. Ist ein Ausstieg aus dem Falschen noch möglich? Viele Hoffnungen machen sich die Au­to­r:in­nen der Stücke nicht. Und suchen doch danach, ein Trotzdem in ihrer Kunst zu finden.

Autor:innenTheaterTage, 6. bis 20. Juni, im Deutschen Theater in Berlin.

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