Goldene Palme in Cannes für „Fjord“: Das Recht, etwas Falsches zu glauben
Die 79. Filmfestspiele von Cannes enden mit der Goldenen Palme für den Film „Fjord“ von Cristian Mungiu. Und mit einem mutigen Appell an Putin.
Am Ende gewann der umstrittenste Film. Zugleich war es der Film, zu dem einem nachträglich die meisten Fragen kamen, der mehr von Zweifel als von unumstößlichen Gewissheiten spricht. Cristian Mungius „Fjord“ hatte nach seiner Premiere bei den 79. Filmfestspielen von Cannes reichlich kritische Reaktionen hervorgerufen bis hin zum Vorwurf, er mache sich rechte Positionen zu eigen. Was wenig mit den Absichten des rumänischen Regisseurs gemein haben dürfte. Doch es zeigt, dass Mungiu mit seinem Film etwas riskiert.
In „Fjord“ zieht eine Familie von Rumänien nach Norwegen. Der Vater der Gheorghius, Mihai, hat einen Job als IT-Experte in der Verwaltung einer kleinen Stadt angenommen, die Mutter, Lisbet, ist Pflegerin und stammt aus Norwegen. Sie haben fünf Kinder. Und sind sehr religiös. Die neuen Kollegen, die Nachbarn und die Lehrer in der Schule nehmen die neuen Mitbewohner freundlich auf. Sie bremsen deren religiösen Eifer jedoch, etwa wenn die Tochter Elia in der Schulpause am Klavier ein Kirchenlied anstimmt.
Die Situation kippt, als eine Lehrerin bei Elia deutliche Prellungen an der Schulter entdeckt und plötzlich der Verdacht im Raum steht, die Eltern könnten ihre Kinder schlagen. Mihai muss zur Polizeiwache, die Kinder werden von der Kinderfürsorge abgeholt. Bevor überhaupt die Frage genauer beantwortet ist, ob Elias Verletzung wirklich von den Eltern stammt. Die Gheorghius nehmen sich eine Anwältin. Ihr Fall landet vor Gericht.
Mungiu konstruiert seinen Film um zwei konträre Positionen herum, die er vor dem offenen Konflikt eher lediglich andeutet. Sebastian Stan als Mihai wirkt wie ein liebender Vater, dessen Strenge und Härte bloß gelegentlich durchscheint. Renate Reinsve trägt als Lisbet bevorzugt Kopftuch, ihr stocksteifes Auftreten verleiht ihrer Freundlichkeit etwas unterdrückt Drohendes. Allein die Kinder wirken auf den ersten Blick normal, sind allerdings schnell verschreckt, als die Nachbarstochter Noora sie zu etwas Verbotenem anstiften möchte.
Fremdeln mit dem staatlichen Gebot religiöser Neutralität
Bei den Jugendlichen macht Mungiu es dem Publikum ein wenig leichter, sich mit ihnen zu identifizieren. Eine wichtige Funktion übernimmt in diesem Zusammenhang die Figur Noora, die ihres rebellischen Verhaltens wegen ihren eigenen Eltern Kummer bereitet. Statt mit ihr zu sprechen, suchen diese bloß nach einem Therapieplatz für sie. Noora hat dafür keine ernsthaften Probleme mit den weltanschaulichen Sonderbarkeiten der jugendlichen Elia Gherghiu und ihres Bruders Emmanuel.
Die Erwachsenen, seien es die norwegischen Ortsbewohner oder die Eltern Gheorghiu, hingegen zeigen auf beiden Seiten wenig Toleranz für Ansichten jenseits der eigenen. Mihai und Lisbet fremdeln mit dem Gebot religiöser Neutralität in öffentlichen Einrichtungen ebenso wie mit allen Lebensentwürfen, die vom traditionellen Familienbild abweichen.
Die Behörden andererseits verschanzen sich hinter Vorschriften und zeigen sich wenig beeindruckt davon, dass sie mit ihrem Verhalten eine Familie auseinanderreißen könnten, ohne überhaupt zu wissen, ob die Eltern ernsthaft eine Gefahr bedeuten.
Vor allem aber lässt Mungiu die Neutralität der Behörden fragwürdig erscheinen. So nennt eine Lehrerin neben der Sorge, dass die Gheorgius ihre Kinder schlagen, als weiteren Grund einige Äußerungen der Kinder im Unterricht. Etwa, dass die jüngere Tochter einer Mitschülerin, die sich im Klassenzimmer als lesbisch geoutet hat, an den Kopf geworfen habe, sie werde dafür in der Hölle landen. Sind diskriminierende Überzeugungen wie diese, die die Gheorghius ihren Kindern eintrichtern, so Mungius Frage, ein Grund, die Kinder den Eltern wegzunehmen?
Mungiu verdichtet damit ein zentrales Problem für die Entwicklung vieler heutiger Gesellschaften: Wie geht eine offene und tolerante Mehrheit mit Minderheiten um, die sich für diese Offenheit nur bedingt interessieren? Wie kann man diese Menschen erreichen? Wie mit ihnen im Alltag leben? Und wie ehrlich ist diese Mehrheit mit ihren eigenen Vorurteilen, einschließlich rassistischen?
Die offen ausgestellten Extreme und nüchterne Erzählweise mit ihren ruhigen Bildern mögen dazu beitragen, dass man beim Zuschauen etwas ungeduldig wird oder gar Abwehrreflexe entwickelt. Doch die Fragen treiben einen weiter um.
Plädoyer für aufmerksamen Umgang miteinander
Aktuelle gesellschaftliche Fragen bestimmen auch Ryūsuke Hamaguchis Spielfilm „Soudain“. Für dieses einnehmend leidenschaftliche, zugleich nüchtern vorgetragene Plädoyer für einen aufmerksamen Umgang miteinander in der Altenpflege erhielten die Hauptdarstellerinnen Virginie Efira und Tao Okamoto gemeinsam den Preis für die beste Darstellerin. Daneben wurden Filme ausgezeichnet, die sich historischem Stoff, insbesondere den Weltkriegen, aus unterschiedlicher Perspektive widmeten.
Für ihre Darbietung zweier belgischer Soldaten, die sich in Lukas Dhonts „Coward“ im Ersten Weltkrieg an der Front heimlich ineinander verlieben, erhielten Emmanuel Macchia und Valentin Campagne ebenfalls zu zweit den Preis für den besten Darsteller. „Coward“, der sich seltsam unentschlossen zwischen der Grausamkeit des Grabenkriegs und schwulem Liebesdrama bewegt, gehörte dabei zu den schwächeren der prämierten Beiträge.
Die Jury unter ihrem Präsidenten, dem Regisseur Park Chan-wook, tat sich anscheinend schwer mit eindeutigen Festlegungen. So teilte sie auch den Preis für die beste Regie auf: Dieser ging sowohl an Paweł Pawlikowski, der in „Vaterland“ den Schriftsteller Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland reisen lässt, als auch an Javier Calvos und Javier Ambrossis „La bola negra“, eine auf drei zeitlichen Ebenen erzählte Abrechnung mit dem Franquismus aus schwuler Sicht. Gut, dass die beiden Filme auf diesem Weg geehrt wurden.
Einen ungewohnt persönlichen Zugang zu Frankreich während des Vichy-Regimes im Süden des Landes wählt der Regisseur Emmanuel Marre in „Notre Salut“. Marres Urgroßvater Henri Marre hatte seinerzeit zu den Nazi-Kollaborateuren um Marschall Pétain gehört, der Briefwechsel des Urgroßvaters und der Urgroßmutter Pauline bildete die Grundlage des Drehbuchs, für das Emmanuel Marre erfreulicherweise ausgezeichnet wurde.
Mutige Entscheidung der Jury
Die Ränder Europas im Osten kamen in zwei sehr verschiedenen Filmen vor. Bei Valeska Grisebach war das in „Das geträumte Abenteuer“ die Grenze Bulgariens zur Türkei. In ihrem traumhaft treibend erzählten Film, der den Preis der Jury erhielt, kehrt die Archäologin Veska, gespielt von der Laiendarstellerin Jana Radewa, für eine Ausgrabung an ihren Heimatort zurück, gerät dort an die örtliche organisierte Kriminalität und wird mit dem dort vorherrschenden Frauenbild konfrontiert. Fast drei Stunden lässt Grisebach ihre Figuren durch eine Welt ominöser Codes und lauernder Gefahr treiben. Eine der mutigeren Entscheidungen der Jury, da Grisebachs sehr langsame Inszenierung manchen im Publikum einige Geduld abverlangen dürfte.
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Zu den Favoriten des Wettbewerbs gehört hatte „Minotaur“ von Andrei Swjaginzew. Ein Thriller, in dem ein Eifersuchtsdrama und der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine von Swjaginzew mit kühler Eleganz enggeführt und auf Fragen von Macht und Willkür zurückgeführt werden. Der russische Regisseur, der im Exil lebt, forderte zum Abschluss seiner Dankesrede für den Großen Preis der Jury ein Ende der Aggression gegen die Ukraine und wandte sich dabei auf Russisch an Putin, ohne ausdrücklich dessen Namen zu nennen. Ein mutiger Protest und ein für Cannes bemerkenswert offen politischer Auftritt.
Darüberhinaus kam es zu schönen Überraschungen wie dem Hauptpreis der Nebenreihe „Un certain regard“ für Sandra Wollners „Everytime“ mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle, eine vermeintlich realistische Erzählung über den unerwarteten Tod in einer Kleinfamilie und den Mangel an Worten unter den Verbliebenen. Erinnerungen an die verstorbene Tochter erweckt der Film mit so einfachen wie überraschenden ästhetischen Mitteln zum Leben. Darüber mehr zum – hoffentlich baldigen – Kinostart.
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