piwik no script img

Brandmauer-DiskussionWer spaltet wen?​

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident Albig will, dass die SPD die Brandmauer zur AfD einreißt. Damit macht er alles nur noch schlimmer.

Ins rechte Horn geblasen: Torsten Albig (SPD) Foto: Georg Wendt/dpa

D ie SPD soll die Brandmauer zur AfD einreißen. Das fordert Torsten Albig, der mal Ministerpräsident in Kiel war. Albigs Intervention bringt das Kunststück fertig, den Finger in eine schwärende Wunde zu legen und alles noch schlimmer zu machen.

Es stimmt schon: Die Sozialdemokratie neigt dazu, die AfD mit Symbolpolitik zu bekämpfen. Sie fordert auf Parteitagen ein AfD-Verbot, das nie kommen wird, und beschwört die Tradition des Antifaschismus. Die solide befestigte Abgrenzung nach rechts hat etwas Wärmendes und ist eine der wenigen verbliebenen verlässlichen Sinnressourcen der SPD. Wenn man schon nicht genau weiß, wofür die SPD in der Merz-Regierung steht, dann dank AfD immerhin wogegen. Ein Blick auf Wahlergebnisse und Umfragen zeigt, dass selbstreferenzielle Antifa-Rhetorik und moralische Selbsterhöhung eher stumpfe Waffen gegen die AfD sind.

Albig ist nicht der Erste, der der SPD rät, sich die dänischen Sozialdemokraten zum Vorbild zu nehmen und auf Migrationsskepsis zu setzen. Ob das der Königsweg ist, darf man bezweifeln. Denn die AfD ist weit rechtsradikaler als die dänische Dansk Folkeparti. Zudem muss man sich konkret vor Augen führen, was eine vergleichbare Annäherung der SPD an die AfD bedeuten würde.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

SPD sollte nicht Albigs Sandkastenspielen folgen

Es geht nicht um einen taktischen Move, sondern um die strategische Übernahme xenophober Haltungen. In Dänemark haben Sozialdemokraten und Rechtspopulisten in der Opposition gemeinsame Sache gemacht und die konservativ-bürgerliche Regierung vor 2019 zu einer noch härteren Migrationspolitik, weniger Integration, mehr Abschiebungen, getrieben.

Es ist nicht einfach, sich das als Erfolgsmodell für die SPD vorzustellen. Eine Seifenblase ist auch die Idee, dass die Mitteparteien mit einer punktuellen Zusammenarbeit die AfD in einen konservativen und einen rechtsextremen Flügel spalten können – und sich das Problem damit erledigt. Falls die SPD Albigs Sandkastenspielen folgt, wäre das Gegenteil der Fall: die Spaltung der SPD, deren linksliberaler Flügel die Flucht ergreifen würde.

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Stefan Reinecke
Korrespondent Parlamentsbüro
Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

9 Kommentare

 / 
  • Wie wärs mit nem kleinen Parteiausschlussverfahren. Nur Mut, SPD!

    Albig kann dann ja die Wertsozen gründen als kleine Splitterpartei ganz für sich alleine. Dann kann er ein Koalition mit Lucke anstreben :-P

  • Alte Erkenntnis- anne Küste:



    Jau. Wen Gott will strafen - den schickt er nach



    Heiligenhafen!“ un hei dor born.



    de.wikipedia.org/wiki/Torsten_Albig



    Was eine Achterbahn 🎢 - MP & im Abgang -



    Lobbyist für Schmöckzeugs - das paßt schonn.



    Und ein Bärendienst für die SPD - paßt - Oh je •

  • Die SPD hat bei der letzten Bundestagswahl 800.000 Wähler an die Afd verlohren, ist doch klar das man die zurückholen will.

    • @Bernd Simon:

      "Die SPD hat bei der letzten Bundestagswahl 800.000 Wähler an die Afd verlohren, ist doch klar das man die zurückholen will."



      Ob ein Aufgehen mit und/oder in der AfD dabei hilfreich sein könnte, ist allerdings fraglich. Warum sollten AfD-Wähler (zurück) zur SPD wechseln, wenn die eh nur AfD-Politik macht?

  • Mit einigem "guten Willen" könnte man den Albig-Beitrag auch als Gegenposition im Sinne des sogenannten diskursrelevanten "Advocatus Diaboli" einordnen, aber eigentlich ist er wieder eine günstige Steilvorlage für die AfD, im Sinne von "Öl ins Feuer gießen", so meine Meinung.



    Appeasement ist keine gute Idee, zumindest nicht bei dieser Gemengelage.



    Historische Belege dafür liegen auch vor.



    Unsicherheit im Umgang mit Radikalen erhöht deren Agilität und verstärkt die eigene Fragilität.

  • Ein verzweifelter SPD-Mann . Wir suchen noch immer nach dem Heide-Mörder. Ja, Albig hat einen netten Job gefunden, dafür rackert sich die SPD-Garde ja auch für einen lohnenswerten 'Anschluß' ab. Mal sehen, wo Klingbeil landet, allerdings viel mehr als ein Ministergehalt wird er wohl nicht erreichen, der Marktwert der SPD-Garden ist inzwischen ziemlich gesunken (aber auch schon seit Gazprom-Gerd). Das gilt für Spahn, Söder und Frei ebenso, Amthor hatte es ja schon früher auf einem direkteren Weg probiert.... Alles wirklich verdienstvolle -vorwiegend- MÄNNER ! Ausnahme, aber unglaubwürdig: MRS. Reiche....

  • Was wären denn nach Albigs Vorstellung konkrete politische Vorhaben die die SPD gemeinsam mit der AfD umsetzen könnte für die sich innerhalb des demokratischen Spektrums keine Mehrheit organisieren lässt? Auch jenseits von der Migrationspolitik sind die Positionen der AfD irgendwo zwischen Neoliberalismus auf Steroiden und Sozialdarwinismus doch so ziemlich das komplette Gegenteil sozial-demokratischer Wohlfahrtsstaatlichkeit.

  • Albig sollte sich ein Beispiel an seinem Nachfolger nehmen. Daniel Günther hat klar erkannt, was passieren wird, wenn eine demokratische Partei mit den Faschisten zusammenarbeiten würde und tritt stattdessen für ein AfD-Verbot ein.



    Bei der SPD in der gegenwärtigen Verfassung spielt es aber sowieso keine Rolle, ob sie verdientermaßen geeint oder getrennt an der Fünfprozenthürde scheitert, ist doch völlig egal.

    • @Flix:

      Anschließe mich.



      Man legt doch auch in seiner eigenen Wohnung kein Feuer, um zu testen, ob der Rauchmelder funtioniert.