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Schrumpfende KirchengemeindenOffene Kirche nicht offen für Fusion

Wegen sinkender Mitgliederzahl werden Gemeinden zusammengelegt. Nun soll es die Apostel-Paulus-Gemeinde in Schöneberg treffen. Doch die wehrt sich.

Die Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg ist ein beliebter Anlaufpunkt im Kiez Foto: Emmanuele Contini/imago

Es ist ein warmer Frühlingsabend, Gruppen junger Menschen sitzen auf der Kirchentreppe mit Bier und Pommes. Auch die Grünflächen rund um die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Apostel-Paulus-Kirche in der Schöneberger Akazienstraße sind ein gern besuchter Treff im hippen Kiez. Überhaupt ist die Kirche etwas Besonderes: Hier finden nicht nur Chorkonzerte statt, sondern auch viele Feste der queeren Berliner Szene, deren Hotspot im Kiez liegt und die ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die umliegenden Restaurants und Läden ist.

Vor allem aber praktiziert die Apostel-Paulus-Kirche eine offene Kirche, was immer weniger Berliner Kirchengemeinden tun. Eine offene Kirche heißt nicht einfach, dass man die Kirchentür offen hält. Um Diebstahl und Vandalismus am wertvollen Inventar sowie Unfälle an oft maroden oder für heutige Verhältnisse viel zu kleinen Kirchentreppen zu verhindern, muss eine offene Kirche innen beleuchtet sein. Und Gemeindemitglieder müssen – oft ehrenamtlich – in der Kirche nach dem Rechten sehen. Bei immer kleiner werdenden Kirchgemeinden ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich dazu genug Leute finden.

„Für uns ist die offene Kirche wichtig“, sagt Pfarrerin Martina Steffen-Elis. „Viele Menschen aus der Nachbarschaft suchen die Kirche in ihrer Mittagspause auf, um zur Ruhe zu kommen, oft auch um zu meditieren.“ Das seien nicht nur evangelische Christen, auch Konfessionslose, Katholiken und Muslime.

„Im Winterhalbjahr kommen RentnerInnen aus den Hinterhöfen der Nachbarschaft, die es sich nicht mehr leisten können, ihre Wohnungen zu heizen. Unsere Kirche ist geheizt.“ Themen dieser Menschen kämen dann auch in den Gottesdiensten vor. Die Kirche sei ein Ort gegen die Einsamkeit, einer für zivilgesellschaftliches Engagement. Ein Ort, der den Kiez um die Schöneberger Akazienstraße im Innersten zusammenhält.

Es fehlt ein Gemeindekirchenrat

Doch das soll nicht so bleiben, befürchtet die Kirchengemeinde. Grund ist, dass sie nach dem Willen des Kirchenkreises Tempelhof-Schöneberg mit einer benachbarten Kirchengemeinde zusammengelegt werden soll. Superintendent Michael Raddatz begründete das bei einer Versammlung der beiden Gemeinden Anfang voriger Woche mit der nicht zustande gekommenen Wahl eines Gemeindekirchenrates in der Apostel-Paulus-Gemeinde im vergangenen Herbst. Es hätten sich nur drei Frauen beworben, nötig seien allerdings sechs Ratsmitglieder.

In der Schöneberger Kirche in der Akazienstraße gibt es nicht nur Gottesdienste, sondern auch vielfältige Konzerte Foto: Matthias Kindler/epd

Ein Gemeindekirchenrat ist ein für sechs Jahre gewähltes ehrenamtliches Gremium, das die Geschicke der Gemeinde leitet und sie rechtlich vertritt. Er ist Arbeitgeber der Mitarbeitenden, er ist Bauherr bei Renovierungsarbeiten. Ohne ihn geht es nicht. Der Kirchenkreis hat darum in Absprache mit der Landeskirche eine Strategiegruppe ins Leben gerufen, die Perspektiven für die Gemeinde prüfte. Allerdings nicht die von ihr selbst gewünschte Erlaubnis, die Wahl einfach zu wiederholen, sondern die einer Fusion mit einer benachbarten Gemeinde.

Gemeindefusionen sind in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) eine Reaktion auf die immer geringere Zahl von Kirchenmitgliedern – und inzwischen etwas recht Normales. Seit 2022 gilt: Gemeinden sollen nicht weniger als 300 Mitglieder haben. Damit ging die Zahl der Kirchengemeinden in der EKBO von 1.120 im Jahr 2021 auf 520 im vergangenen Jahr zurück.

In Brandenburg gab es deswegen sogar die Protestbewegung „Kirche im Dorf“, die entsprechende Schilder an kleinen Dorfkirchen aufhing. Dorfgemeinden beharrten auf ihrer Eigenständigkeit. Die Kirchengemeinde gehört zur Identität vieler Christen. Genützt haben die Proteste selten.

Ziel der Fusionen war, so Stephan Wache von der Pressestelle der Landeskirche, „eine Vereinfachung der verwaltenden Strukturen und eine Bündelung der Aufgaben.“ Als Körperschaften des öffentlichen Rechts hätten Kirchengemeinden große Verwaltungspflichten, die sich, so Wache, vereinfachen ließen, wenn es weniger Körperschaften gäbe. Vor Ort sollten die Gemeinden aber natürlich weiterhin Menschen begleiten, örtliche Vorhaben in Angriff nehmen und für ihre Mitglieder da sein.

Mehr Mitglieder als bislang für Eigenständigkeit erforderlich

Die Apostel-Paulus-Gemeinde hat gut 1.800 Mitglieder, also deutlich mehr als jene 300, die eine Gemeinde mindestens haben soll. Für Berlin sieht aber eine Beschlussvorlage der Synode – quasi das Kirchenparlament – eine künftige Mindestgröße von 3.000 Mitgliedern vor. Sie ist aber noch in der Diskussion. Superintendent Raddatz begründete die von ihm priorisierte Gemeindefusion bei der Versammlung auch als Vorgriff auf diesen möglichen Beschluss.

Die Debatte verließ dabei hochemotional. Mitglieder der Gemeinde Zum Heilsbronnen, mit der die Apostel-Paulus-Gemeinde fusionieren soll, stehen der Fusion überwiegend positiv und „mit großer Neugier“ gegenüber, wie es ein Gemeindemitglied formuliert. Mitglieder der Apostel-Paulus-Gemeinde hingegen wollen entweder gar nicht fusionieren oder aber den im Kreiskirchenrat angestoßenen Fusionsprozess so wiederholen, dass sie einbezogen werden.

„Unsere Gemeinde wird enteignet und abgeschafft“, findet ein Gemeindemitglied, weil ihr sogar der Name der anderen Gemeinde übergestülpt werden soll. „Keine Gemeinde passt weniger zu unserer als diese“, sagt ein anderes Gemeindemitglied. Sie verweist auf das Konzept der offenen Kirche, das auch Menschen in die ehrenamtliche Arbeit einbezieht, die nicht evangelischen Glaubens sind. „Wir haben die meisten Erwachsenentaufen in ganz Berlin“, argumentiert die Pfarrerin. Das heißt, rund 20 Menschen pro Jahr treten erst im Erwachsenenalter hier in die Kirche ein. In der Folge verliere ihre Gemeinde weniger Mitglieder als andere, der Mitgliederverlust betrage 1,3 Prozent pro Jahr.

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Am Ende entschied das Gremium des Kirchenkreises nach der Versammlung nicht, wie ursprünglich vorgesehen, die Fusion der beiden Gemeinden. Stattdessen wurde die Entscheidung verschoben, um mehr Zeit für Diskussionen zu haben. Die Apostel-Paulus-Gemeinde hatte zuvor beantragt, die Wahl ihres Gemeindekirchenrats wiederholen zu können.

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