Nach fünf Jahren droht das Aus: Countdown für besetzte Fabrik bei Florenz
Ehemalige Arbeiter*innen eines Autozulieferers kämpfen für ein nachhaltiges Unternehmen und ihre Zukunft. Doch gewinnen könnte nun ein Spekulant.
Fällt der Vorhang? In diesen Tagen entscheidet sich, ob die längste Fabrikbesetzung Italiens seit 1945 vor ihrem Ende steht – und wenn ja, wie dieses aussieht. Abriss oder Neuanfang als nachhaltig produzierendes, demokratisch organisiertes Unternehmen.
Vor nunmehr fast fünf Jahren kündigte der Automobilzulieferer GKN im an Florenz angrenzenden Campi Bisenzio allen seinen damals 422 Arbeiter:innen von einem Tag auf den anderen. Daraufhin besetzten diese das Werk mit dem Ziel, den Produktionsstandort und damit auch ihre Arbeitsplätze zu verteidigen.
GKN ist ein britischer in 30 Ländern präsenter Multi, aktiv in der Luftfahrt genauso wie als Zulieferer in der Automobilindustrie. Zu jenem Zweig gehörte auch das Werk in Campi Bisenzio. 2018 übernahm der Kapitalfonds Melrose Industries die GKN – und zur Profitoptimierung gehörte dann im Juli 2021 der Beschluss, Campi Bisenzio komplett dichtzumachen. Der gewerkschaftlichen Vertretung im Betrieb wurde das in einer trockenen Mail mitgeteilt.
Doch die Beschäftigten wollten die Entlassung über Nacht nicht hinnehmen. Sie besetzten das Werk und sie konstituierten sich als „Collettivo di Fabbrica ex-GKN“, als „Fabrikkollektiv“. Seither kämpfen sie mit viel Geduld und langem Atem um die Zukunft ihres Betriebs. Erste Siege errangen sie vor den Arbeitsgerichten, die die Kündigungen als „antigewerkschaftlich“ einstuften.
„Unternehmer-Philosoph“ ohne Vision
Die Lage komplizierte sich jedoch weiter, als dann Melrose seinerseits im Jahr 2023 ausstieg und das toskanische Werk an den Italiener Francesco Borgomeo verkaufte. Der pflegt zwar gerne seinen Ruf als „Unternehmer-Philosoph“ und benannte den Betrieb in QF – Fiducia nel Futuro (QF – Vertrauen in die Zukunft) um, doch außer erneuten Kündigungen hatte er nie ein Zukunftskonzept zu bieten.
Das wiederum arbeiteten die Aktivist*innen des Fabrikkollektivs aus. Sie sehen die Zukunft der Fabrik in einer Genossenschaft, die nicht mehr Autoteile herstellt, sondern auf ökologische Produktionslinien setzt: auf Lastenfahrräder einerseits, Solarpaneele andererseits. Gestalt verliehen sie dem Projekt mit der Schaffung der Kooperative GFF: der Kooperative GKN For Future. Sie gibt sogenannte Volksaktien aus, um das nötige Kapital aufzutreiben. Bisher hat sie schon 1,5 Millionen Euro eingesammelt, weitere 500.000 Euro sollen bis zum 30. Juni zusammenkommen. Und die Bank Banca Etica erklärte sich bereit, als Finanzierer mit weiteren 5,6 Millionen Euro einzusteigen.
Möglich waren diese Erfolge, weil sich das Kollektiv vor Ort auf breite Solidarität stützt. Immer wieder kamen Tausende Menschen zu den Demonstrationen in Campi Bisenzio und Florenz für den Erhalt des Werks und auch zu den Festen des Kollektivs.
Staatliche Hindernisse
Doch womöglich reicht das nicht: Die Aktivist*innen beklagen, sie würden von den staatlichen Institutionen hängengelassen. Dabei schien es im vergangenen Jahr, als sei ein Durchbruch erzielt worden. Im Mai 2025 schufen die Region Toskana, die Stadt Florenz, die Stadt Campi Bisenzio und zwei weitere Kommunen ein Konsortium, das das Firmengelände kaufen oder anmieten sollte.
Seither aber herrscht Schweigen – das nun schon seit einem Jahr bestehende Konsortium hat schier gar nichts unternommen. Keineswegs untätig blieb dagegen der Unternehmer Borgomeo. Er beantragte für seine Firma Vergleich vor Gericht, er erwirkte zugleich einen Räumungsbescheid gegen die Fabrikbesetzer*innen, dessen Vollstreckung nur ausgesetzt, aber weiter im Raum ist – und er verkaufte das Werk an zwei im Immobiliensektor tätige Tochterfirmen.
Mit den Besetzer*innen dagegen redet er nicht. Die fürchten, er setze jetzt auf Immobilienspekulation: auf den Abriss des alten Werks und dann womöglich die Schaffung eines Logistikpools statt einer industriellen Produktionsstätte. „Wann erklärt das Konsortium (der Region und der Gemeinden – die taz) endlich, dass das Gelände von öffentlichem Nutzen ist?“, fragt das Kollektiv in einer Erklärung vom 17. Mai. Die eigene pessimistische Antwort: „Das sind Institutionen, die sich seit geraumer Zeit aus der Auseinandersetzung zurückgezogen haben.“ Genau ihre Unterstützung aber bräuchte es wohl für eine Wende.
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