U-Bahn-Station Lukjaniwka in Kyjiw: Sechs Stockwerke voller verkohlter Leere
Die Kyjiwer U-Bahn-Station Lukjaniwka und die Umgebung bieten auch Tage nach den russischen Angriffen ein Bild der Verwüstung. Doch die Menschen lassen sich nicht unterkriegen.
Eilig verlassen die Menschen die U-Bahn-Station Lukjaniwka in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Hier unten ist nichts davon zu sehen, dass 90 Meter weiter oben, in der Nacht zum 21. Mai, zwei russische Raketen eingeschlagen haben. Sie haben das dort gelegene Einkaufszentrum und den anliegenden Markt in eine verkohlte Masse verwandelt.
Manche Menschen haben es besonders eilig. Sie versuchen die knapp zwei Minuten, die sie die schnellen Rolltreppen aus dem Bauch der Erde ans Licht nach oben bringen, abzukürzen, indem sie andere, die geduldig auf der Rolltreppe stehen, überholen.
Oben angekommen sieht man noch im Inneren der U-Bahn-Station, dass auf der linken Seite Teile der Decke beschädigt sind, sie hängen herunter. Offenbar verdecken schnell angebrachte Sperrholzplatten Bereiche, die wohl niemand sehen soll. Während einige nach dem Verlassen der U-Bahn-Station direkt zu den wartenden gelben Bussen eilen, bleiben andere am Ausgang stehen und sehen sich wortlos um.
Einige ziehen dabei ihr Smartphone aus der Tasche, fotografieren, was sich ihnen bietet und was sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen: ein langgezogenes mehrstöckiges Hochhaus mit lauter schwarzen riesigen Löchern. Sie fotografieren die Schäden des russischen Luftangriffs. Danach gehen viele wortlos weiter und umrunden die U-Bahn-Station.
Ein Kinderlachen
Auf deren Hinterseite ragt ein verkohlter sechsstöckiger Bau in den Himmel. Sechs Stockwerke voller verkohlter Leere, jeweils voneinander getrennt durch Pfeiler. Noch vor Kurzem konnte man hier Zwiebeln, Radieschen oder elektronische Artikel kaufen. Das zerstörte Areal ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Feuerwehrleute räumen Schutt beiseite, Lastwagen und Räumfahrzeuge stehen am Straßenrand.
Eine Hebebühne hievt zwei Arbeiter in die sechste Etage des zerstörten Gebäudes. Irgendwo blinkt ein Blaulicht. Lächelnde Gesichter sieht man an diesem Nachmittag nicht. Nur einmal ist das Lachen eines Kindes zu hören. Doch sofort zieht die Mutter es hastig in ein Auto, damit es die Verwüstung nicht zu sehen bekommt.
Vor einem McDonald’s–Restaurant direkt neben dem U-Bahn-Ausgang kehrt eine Mitarbeiterin Glassplitter zusammen. Viele Fenster der umliegenden Häuser sind zerborsten. Und immer wieder Menschen, die innehalten in ihrem Schritt und wortlos das Geschehen betrachten.
Am Nachmittag kommen immer mehr Frauen mit roten Blumen. Erst einzelne, dann mehrere. Eine davon, eine ältere grauhaarige Frau mit Kopftuch, wirkt erschüttert. „Ich war zwei Jahre in Deutschland“, erzählt sie. „Dann bin ich zurückgekehrt, weil ich dachte, hier würde wieder alles gut werden. Das Schlimme ist: Das ist wahrscheinlich erst der Anfang. Putin hat doch angekündigt, Kyjiw noch stärker zu bombardieren. Und die Welt schaut einfach zu – bequem über das Internet.“
Tiefgaragen als Schutzräume
Auch die Frage nach Schutzräumen beschäftigt viele Bewohner. „Ganz in der Nähe der Metrostation gibt es ein Untersuchungsgefängnis“, sagt ein Mann, der sich als Ivan Kukurudziak, Sozialarbeiter und Psychologe, vorstellt. „Dieses Gebiet wurde schon mehrfach aus der Luft angegriffen. Die Gefangenen haben keine Möglichkeit, bei Luftalarm in sichere Bunker zu gehen. Ich verstehe nicht, warum man sie nicht verlegt.“
Überhaupt seien Luftschutzräume in Kyjiw vielerorts schlecht organisiert, meint er. „Es gibt Stadtteile, in denen dringend neue Schutzräume gebaut werden müssten. Statt Lösungen zu finden, schieben sich Stadtverwaltung und Militäradministration gegenseitig die Verantwortung zu.“
Viele Menschen würden zwar Tiefgaragen als Schutzräume nutzen. Wirklich sicher seien diese jedoch nicht. Andere Häuser würden ihre Keller als Schutzraum zur Verfügung stellen. Doch er fühle sich immer sehr unwohl, wenn er wieder einmal seinen Schlafsack vor Heizungsrohren ausbreite. „Angenommen, die Heizungsrohre werden bei einem Angriff zerstört, dann haben wir das heiße Wasser im Keller.“
Währenddessen arbeiten Feuerwehrleute weiter zwischen Trümmern und Absperrbändern. Über ihnen ragen die ausgebrannten Etagen des ehemaligen Marktes in den Himmel. Doch der Markt will nicht aufgeben. Direkt vor dieser Absperrung sitzen Frauen auf kleinen Hockern oder auf dem Boden und verkaufen Gemüse, Blumen, Kräuter. Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Radieschen – der Alltag geht weiter.
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