Koch und Ruhs im Vergleich: Mehr Fragen, bessere Antworten
Kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch konservative Perspektiven seriös umsetzen? Durchaus. Es kommt halt ganz konservativ aufs Handwerk an.
Immer mal wieder schlägt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Vorwurf entgegen, er sei „links-grün versifft“. Bei dem Versuch, diesem Narrativ etwas entgegenzusetzen, scheiterte der NDR bereits 2025: Nach drei Pilotfolgen zu Reizthemen wie gewalttätigen Migranten, Bauernprotesten und Corona wurde das TV-Reportagemagazin „Klar“ mitsamt Moderatorin Julia Ruhs nicht weitergeführt.
Laut einem Brief an die Zeitung Welt distanzierten sich circa 250 Journalist*innen des NDR von der Sendung, da diese weder journalistische Grundsätze noch den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen erfülle. Ruhs sprach sich öffentlich gegen die Entscheidung aus und warf dem NDR „Cancel Culture“ vor.
Seit dem 15. April ist das Format zurück als Crossover-Experiment zwischen dem Norddeutschen und dem Bayerischen Rundfunk. Im Zweiwochentakt wechseln sich Ruhs, diesmal für den BR, und die ehemalige Welt-Chefredakteurin Tanit Koch für den NDR ab.
Das Versprechen: gründliche Recherchen und Fakten-Checks zu den „großen Streitthemen unserer Gesellschaft“. Diesmal lässt sich direkt zwischen Koch und Ruhs vergleichen, wie sich konservative Themen im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags umsetzen lassen. Die ersten beiden Folgen unterscheiden sich hier sichtlich in ihrer Herangehensweise.
„Wir wechseln heute aber mal die Perspektive“
Den Start macht Tanit Koch. Es geht um Gewalt gegen Polizist*innen. „Bei Berichten über Polizeibeamte geht es regelmäßig um den Vorwurf, sie würden unverhältnismäßige oder exzessive Gewalt ausüben. Und solche Fälle gibt es. Wir wechseln heute aber mal die Perspektive und blicken auf Gewalt und Respektlosigkeit gegen die Polizei“, startet Koch in die Moderation.
Die Folge wechselt zwischen erzählerischen Szenen, Perspektiven von betroffenen Polizisten, bestimmten Vorfällen, aber auch Expert*inneninterviews und faktischer Einordnung. Beispielsweise wird zu Beginn der Folge ein Polizist gezeigt, dessen Arm so verletzt wurde, dass er beinahe nicht mehr arbeitsfähig war. Er erzählt seine Leidensgeschichte, darauf folgt die Einordnung in Zahlen: wie viel körperliche Gewalt es gibt, wie viel verbale Gewalt und wie der Gewaltbegriff gefasst wird.
Im Weiteren werden Motive für Gewalt gegen die Polizei beleuchtet, vor allem aus linken, propalästinensischen und Fußballgruppen. Hierzu werden Extremismus- und Polizeiforscher*innen befragt. Dabei fehlt die Rolle der Dynamik, die nur einmal kurz von Polizeiforscherin Daniela Hunold aus dem Off zitiert wird: Es gebe durchaus Praktiken „wie vereinzelte übermäßige Gewalt von Polizisten“, die die Gewalt des Gegenübers befeuern würden.
Doch der Fokus bleibt, wie im Vorhinein angekündigt, bei der Gewalt gegen Polizist*innen. Dennoch sorgt der Wechsel zwischen emotionalisierenden Szenen und analytischer Einordnung dafür, dass die gezeigten Fälle nicht bloß für sich stehen bleiben, sondern in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden.
An den Grenzen der Demokratie
Ruhs begibt sich in der Folge: „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ vom 29. April auf die „Spuren des Islamismus in Deutschland“. Zu Beginn erklärt eine Stimme aus dem Off: „Islamismus: Mitten in Deutschland, eine gefährliche Ideologie, auch im Unterricht Drohungen, Extremisten misshandeln Frauen, Demonstrationen werden von Israel-Leugnern unterwandert.“
Zwar wird zwischen Islam und Islamismus unterschieden, Islamismus wird aber lediglich einmal, unter Bezug auf das Bundesinnenministerium, als extremistische Ideologie definiert, die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet. Konkrete Erscheinungsformen, die Ausprägung in Zahlen, Studien oder Forschungsperspektiven, die das Ausmaß des Problems einordnen könnten, sind eher spärlich, auch im Vergleich zu Koch.
Stattdessen arbeitet die Folge vor allem mit einzelnen Fallbeispielen. Als zentrale Expertin tritt die Politikwissenschaftlerin Gülden Hennemann auf, die gemeinsam mit Ruhs nach Berlin-Neukölln fährt, unter anderem an den Hermannplatz, der im Beitrag als Ort beschrieben wird, an dem die Demokratie teilweise an ihre Grenzen stoße, so Hennemann.
Im weiteren Verlauf thematisiert die Folge Konflikte an einer Neuköllner Grundschule während des Ramadans. Muslimische Schüler sollen anderen Kindern das Essen verboten und Pausenbrote weggenommen haben. Der Beitrag deutet diesen Vorfall als Ausdruck religiöser Intoleranz und somit möglichen Nährboden für Islamismus. Eine breitere pädagogische, psychologische oder sozialwissenschaftliche Einordnung bleibt aus.
Emotionalisierende Verdichtung
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Nach der Ausstrahlung gaben einzelne Eltern der Schule gegenüber der Wochenzeitung Freitag an, sich instrumentalisiert zu fühlen. Im Nachhinein wurden einige Szenen aus dem Beitrag entfernt.
Ähnlich geht es weiter. Islamistische Drohungen, religiöse Influencer, Halal-Zertifizierungsorganisationen oder häusliche Gewalt im Zusammenhang mit religiösem Fundamentalismus – die Beispiele stehen weitgehend unverbunden nebeneinander; systematische Kriterien für ihre Auswahl oder Gewichtung werden nicht transparent gemacht. Dadurch entsteht weniger eine analytische Untersuchung als vielmehr eine emotionalisierende Verdichtung unterschiedlicher Verdachtsmomente.
Tanit Koch arbeitet anders: Ihre Beiträge verwenden deutlich stärker Studien, Zahlen und Expert*innenstimmen, wodurch Einzelgeschichten nicht isoliert stehen bleiben.
Im Gesamten bleibt der Eindruck, dass Ruhs dem selbst formulierten Anspruch gründlicher Recherche und faktenbasierter Einordnung nur begrenzt gerecht wird. Die Vorwürfe einiger Eltern, ihre Kinder seien inszeniert und instrumentalisiert worden, werfen zusätzlich Fragen auf.
Politisch aufgeladene Themen lassen sich sehr wohl im öffentlich-rechtlichen Rahmen thematisieren. Die Frage ist eher, was erreicht werden soll: Bestätigung von ohnehin schon feststehenden Meinungen mit Mitteln der Emotionalisierung, sodass sich eine eventuell verloren gegangene Zielgruppe wieder an Bord ziehen lässt – oder wirkliche Bildungsarbeit, welche diese Themen aufnimmt, faktisch und ganzheitlich angeht und sich somit in der Berichterstattung von rechten Medien unterscheidet.
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