Sexualisierte Gewalt im Gazakrieg: Die Nationalität ist kein Gradmesser für Leid
Viele streiten derzeit über mutmaßliche sexualisierte Gewalt in israelischen Gefängnissen und von der Hamas. Doch erst einmal den Zeugen richtig zuzuhören, wäre sinnvoller.
D er Schlagabtausch um die Deutungshoheit nach dem 7. Oktober 2023 ist unübersehbar. In jüngster Zeit streiten sich die pro-palästinensischen und pro-israelischen Lager über zwei Berichte, in denen es um sexuelle Gewalt geht. Einerseits veröffentlichte die New York Times (NYT) Aussagen palästinensischer Gefangener, die sexuellen Missbrauch in israelischen Gefängnissen schilderten.
Andererseits informierte der Daily Wire über einen Bericht, der die sexuelle Gewalt der Hamas gegen die Opfer des 7. Oktober dokumentierte und von der „Zivilkommission zu den Verbrechen der Hamas gegen Frauen, Kinder und Familien“ am 7. Oktober erstellt wurde. Einer der Gründe für den Streit zwischen den beiden Lagern ist das Timing: Der NYT-Artikel erschien weniger als 24 Stunden, bevor die Zivilkommission zu den Verbrechen am 7. Oktober ihre Ergebnisse veröffentlichte.
Diejenigen, die den NYT-Bericht für weniger glaubwürdig hielten oder ihn gänzlich ablehnten, verwiesen auf seine Quellen. Eine davon war der „Euro-Med Human Rights Monitor“, geleitet von Ramy Abdu, einem Palästinenser, der als den Kreisen der Hamas nahestehend gilt. Das nutzte das pro-israelische Lager, um Zweifel an den durch die Organisation gesammelten Zeugenaussagen zu säen.
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Ebenfalls Wellen schlug Shaiel Ben-Ephraim, ein israelischer Aktivist, der von einer pro-israelischen Haltung zu antizionistischen Positionen wechselte. Er verstärkte die vom Euro-Med-Monitor verbreitete These: Israelische Streitkräfte setzten Hunde ein, die darauf trainiert waren, palästinensische Häftlinge sexuell zu missbrauchen. Diese Behauptung bezeichnete das pro-israelische Lager als antisemitische Ritualmordlegende.
Auf der anderen Seite wiesen viele aus dem pro-palästinensischen Lager den Bericht der Zivilkommission zurück, da er von einer israelischen NGO stammt, die sich darauf konzentriert, ausschließlich die sexuellen Verbrechen der Hamas gegen die Opfer vom 7. Oktober zu dokumentieren. Andere leugnen weiterhin alle Beweise für die sexuellen Verbrechen der Hamas.
Den Opfern muss zugehört werden
Klar ist, beide Berichte enthalten schreckliche Zeugenaussagen. Palästinensische Gefangene berichteten, von israelischen Wachen mit Metallstöcken und Karotten sexuell missbraucht worden zu sein. Andere Palästinenser schilderten, wie sie von Siedlern im Westjordanland mit Kabelbindern gefesselt und herumgeschleift wurden.
Im Bericht der Zivilkommission zitierte Zeugen berichten, dass sie beim Nova-Tanzfestival gewalttätige Gruppenvergewaltigungen gehört und gesehen hätten. Ein Überlebender sagte, er sei von seinen Angreifern wie eine „Sexpuppe“ benutzt worden.
Beide Lager haben mehr Zeit und Energie darauf verwendet, die Überbringer der Nachrichten zu diskreditieren, als den Aussagen selbst Gehör zu schenken. Sobald dies geschieht, geraten die Opfer und ihr Leid in Vergessenheit.
Und das trotz der Tatsache, dass es substanzielle Beweise dafür gibt, dass die Hamas sexuelle Gewalt gegen die Opfer des 7. Oktober und gegen in Gaza festgehaltene Geiseln angewendet hat. Beweise, die unabhängig davon bestehen, welches Medium darüber berichtet hat oder welche politischen Positionen diejenigen vertreten, die sie verbreitet haben.
Der Bericht der Zivilkommission, der über zweieinhalb Jahre hinweg auf der Grundlage von mehr als 10.000 Fotos und Videos sowie über 430 Interviews erstellt wurde, verliert nicht an Stringenz, nur weil das rechtskonservative Medium Daily Wire darüber berichtet hat.
Ein UN-Bericht kam auch zum Schluss, dass begründeter Anlass zu der Annahme besteht, dass es während der Angriffe vom 7. Oktober zu sexueller Gewalt durch palästinensische Milizen gekommen ist. Die Misshandlung palästinensischer Gefangener wird gleichermaßen durch Zeugenaussagen bestätigt, die bereits vor dem letzten Krieg, währenddessen und auch danach gemacht wurden.
Es ist natürlich sinnvoll, die Standpunkte der Organisationen und Personen zu berücksichtigen, die Beweise sammeln. Doch wichtiger ist es, die Aussagen der Opfer anzuhören und zu prüfen, wie schlüssig sie sind. Die Nationalität eines Opfers war noch nie ein Kriterium für das Leid, und sie sollte es auch nicht werden.
Es braucht mehr Konsequenzen
Nach den Berichten müssen Programme folgen, die diesen Opfern helfen, sich von dem zu erholen, was sie durchgemacht haben. Die Haftbedingungen palästinensischer Gefangener in Israel erfordern eine unabhängige Untersuchung.
Seit Itamar Ben-Gvir Israels Minister für nationale Sicherheit wurde, und noch mehr seit dem 7. Oktober, hat er offen mit seinem Ziel geprahlt, die Haftbedingungen zu verschlechtern.
In dem Kampf um die Deutungshoheit gibt es keine Gewinner – jede Seite wird noch lange Zeit ihre eigene Sichtweise vertreten. Jede Stunde, die damit verbracht wird, über die Glaubwürdigkeit eines Journalisten oder die Finanzierungsquellen einer NGO zu debattieren, ist eine Stunde, in der man nicht einem Überlebenden zuhört, der beschreibt, was mit seinem Körper gemacht wurde.
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Die beiden hier untersuchten Arten von Zeugenaussagen sind keine gegensätzlichen Behauptungen. Es handelt sich um unabhängige Berichte über Gräueltaten und sie erfordern Rechenschaftspflicht, um sicherzustellen, dass sich solche Schrecken niemals wiederholen.
ist 27 Jahre alt und wurde in Gaza geboren. Er studierte an der Islamischen Universität Gaza. Nachdem er 2023 zum zweiten Mal an Protesten gegen die Hamas und für bessere Lebensbedingungen in Gaza teilgenommen hatte, wurde er von der Hamas verhaftet. Zurzeit hält er sich in Deutschland auf.
Politische Lager, die diese Aussagen als Munition missbraucht haben, könnten weitaus mehr für die Menschen tun, die sie angeblich vertreten. Sie sollten sich darauf konzentrieren und unabhängige Gremien wie das IKRK dazu auffordern, die palästinensischen Gefangenen besuchen zu dürfen und eine gründlichere Untersuchung durchzuführen.
Verbunden sein muss das mit der Forderung nach Rechenschaftspflicht für jede Person, sei es ein israelischer Wachmann oder ein palästinensisches Hamas-Mitglied, die das Verbrechen der sexuellen Gewalt gegen Zivilisten oder Gefangene begeht.
Aus dem Englischen übersetzt
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