Demokratie und Wissenschaftsfreiheit: Geistes- und Sozialwissenschaftler im Kampf gegen Faschismus
Unter den Unterstützer:innen der Aktionswoche der Studis gegen rechts sind kaum Naturwissenschaftler:innen. Dabei haben sie das Problem erkannt.
Sind Demokratie und Wissenschaftsfreiheit nur eine Sache für Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen? An dem Aufruf „Wissenschaft gegen Faschismus“ sind auf jeden Fall auffallend wenige Professor:innen der MINT-Fächer beteiligt, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Unter den rund 570 Unterzeichner:innen des von den Studis gegen rechts organisierten Aufrufs für eine Themenwoche zur „Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten der faschistischen Gefahr“ entstammen nur etwa fünf Prozent natur- oder technikwissenschaftlicher Fakultäten. Die überwältigende Mehrzahl forscht in geistes-, sozial-, kultur- oder kunstwissenschaftlichen Fachgebieten.
Schon bei einem ersten Vernetzungstreffen Ende April per Videokonferenz mit rund 180 Teilnehmer:innen sei der unterdurchschnittliche Anteil der Naturwissenschaften aufgefallen, sagt Philosophiestudent Jonas, einer der Organisatoren der Themenwoche von Studis gegen rechts. Daraufhin habe man dazu aufgerufen, gezielt Kolleg:innen aus Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und Ingenieurwissenschaften anzusprechen. Der Aufruf habe jedoch nicht ausgereicht, das Ungleichgewicht aufzuheben.
Es wäre interessant gewesen, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit Sitz im Sachsen-Anhaltischen Halle die Frage nach dem mangelnden Interesse der MINT-Fächer beantwortet hätte, firmierte sie doch bis 2008 als Deutsche Akademie der Naturforscher.
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Bei ihrem Frühjahrsempfang Mitte April hatte die Leopoldina-Präsidentin, die Wirtschaftswissenschaftlerin und Mathematikerin Bettina Rockenbach, klar Stellung bezogen: „Werden in absehbarer Zeit auch bei uns, in diesem Bundesland oder gar auf Bundesebene wissenschaftsfeindliche Kräfte das Regierungshandeln mitbestimmen?“, fragte sie. Das sei eine so realistische Befürchtung, dass sich die Wissenschaft und ihre gesellschaftlichen Fürsprecher jetzt gemeinsam engagieren müssten, um ihr Eintreten zu verhindern. „Die Leopoldina fühlt sich besonders verpflichtet, die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen“, hatte Rockenbach gesagt. Bei der Anfrage in Bezug auf die Themenwoche Wissenschaft gegen Faschismus verweist die Leopoldina aber auf die übergeordnete Allianz der Wissenschaftsorganisationen.
„Welche Beiträge wissenschaftliche Disziplinen und Fächer zu gesellschaftlichen Debatten leisten können, liegt im Rahmen der grundgesetzlich geschützten Wissenschaftsfreiheit in der Verantwortung der einzelnen Wissenschaftler:innen und Fachgemeinschaften“, teilt die Allianz der Wissenschaftsorganisationen mit, „als Staatsbürger:innen können sie sich zudem auf die Meinungsfreiheit stützen.“
Die anwendungsorientiert forschende Fraunhofer-Gesellschaft positioniert sich auf Nachfrage zwar eindeutig: Demokratiefeindliche, rassistische und antisemitische Haltungen seien nicht nur aus ethisch moralischer Sicht abzulehnen, sondern noch dazu zutiefst weltfremd. Als gemeinnützige Forschungseinrichtung müsse sie aber „unsere Neutralität gegenüber den Interessen Einzelner oder Gruppen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ wahren.
Wenn die große Themenwoche vom 1. bis zum 7. Juni sowie die Wissenschaftskonferenz in Erfurt am 2. Juni vorbei sei, „überlegen wir, wie es mit der Initiative weitergeht“, sagt Jonas. Zu fragen, welche gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten faschistischer Gefahr zukomme, bleibe aktuell. „Wir wollen das fortführen, und es ist uns ein großes Anliegen, mehr Professor:innen der MINT-Fächer anzusprechen.“
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