Kolumbien vor den Wahlen: Zwischen Actionfilm und Inklusion
Am Sonntag sind in Kolumbien Präsidentschaftswahlen. Cepeda, Kandidat der Linken, muss wohl in die Stichwahl – gegen einen Ultrarechten.
A ls Bomben auf die Siedlung fallen, bricht das Publikum in donnernden Applaus aus. Die Menschen schwenken ekstatisch kolumbianische Flaggen und Luftballons. Es ist Wahlkampf in Kolumbien, und Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella begeistert mit seiner harten Seite. Zum Wahlkampfabschluss auf der Plaza de Lourdes in der Hauptstadt Bogotá, nur 11 Tage vor der Wahl, sind ein paar Hundert Menschen gekommen.
Zwischen einpeitschenden Jingles mit tanzenden Tigern wird ihnen zunächst ein fünfminütiges Werbefilmchen mit schnellen Schnitten, viel KI und martialischen Geigenklängen gezeigt: Ein künftiger Präsident Abelardo de la Espriella sitzt mit Polizei und Militär am Beratungstisch. Mit ernster Miene, Anzug, Einstecktuch, betrachtet er eine Karte, die das von Gewalt gebeutelte Departamento Valle del Cauca zeigt.
Ziel der fiktiven Operation: „Mordisco“, der Anführer einer Splittergruppe der Guerillabewegung Farc, und seine Männer. Im Film schwärmen nun Düsenjäger aus, werfen Bomben auf die Siedlung der illegalen Kämpfer, die inmitten von Kokafeldern liegt. Bodentruppen fesseln die Männer und schubsen sie in Lastwagen. Mordisco liegt leblos auf der Erde.
Als die gefesselten Männer und ein anderer Farc-Boss in einem in Rekordzeit aus dem Boden gestampften Megagefängnis verschwinden und ein letztes Mal zurückblicken, bricht wieder Jubel auf dem Platz aus. Die Panamericana, eine in den vergangenen Monaten von tödlichen Attentaten erschütterte Fernstraße, ist wieder sicher, Menschen weinen vor Freude. Happy End.
Sicherheit mit aller Gewalt
Die Botschaft ist klar: Abelardo de la Espriella wird für Sicherheit sorgen. Und zwar mit aller Gewalt.
Vor der Bühne schießen jetzt Feuerfontänen aus dem Boden. Dann ist er endlich selbst da. Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella, der sich „Tiger“ nennt, steht angeleuchtet in einer Art Glaskasten, neben sich eine aufgeblasene Tigerpranke mit Krallen. Um ihn herum im Dunkeln die Personenschützer. Hinter der Bühne erhebt sich die Lourdes-Kirche.
„Glaubt ihr, dass man das Verbrechen mit eiserner Hand bekämpfen muss?“ – „Ja!“, brüllen die Menschen auf dem Platz. „Dass man den Verbrecher, der sich nicht unterwirft, töten oder in eins der zehn Megagefängnisse bringen muss?“– „Ja!“ – „Glaubt ihr, dass man die Korrupten loswerden muss, wie Ratten?“ – „Ja!“ Immer wieder reißt der 47-jährige Unternehmer zackig den rechten Arm zum militärischen Gruß.
Dann gibt’s einen Hauch Soziales: „Glaubt ihr, dass man das Gesundheitssystem retten muss, damit niemand aus Mangel an Medikamenten und Versorgung stirbt?“ – „Ja!“ Dazu verspricht er digitale Unis und Gratiscomputer für die Jugend, Förderung für alleinerziehende Mütter. Gleichzeitig will er den Staat um 40 Prozent schrumpfen.
Linker liegt vorn
Dreizehn Kandidat*innen treten am Sonntag bei der Präsidentschaftswahl in Kolumbien an. Der linke Kandidat Iván Cepeda (Pacto Histórico – Historisches Bündnis), aus dem aktuellen Regierungslager, liegt in den Umfragen vorne – gefolgt von dem ultrarechten de la Espriella (Defensores de la Patria – Verteidiger des Vaterlands), etwas abgeschlagen dahinter die Rechte Paloma Valencia vom Centro Democrático (Demokratisches Zentrum).
Die nötigen 50 Prozent der Stimmen für einen Sieg in erster Runde wird wohl niemand erreichen. Dann geht es am 21. Juni in die Stichwahl. Dort könnte es knapp werden für Cepeda, der die Politik des ersten linken Präsidenten in der Geschichte des Landes fortführen will.
Der scheidende Präsident Gustavo Petro ist ungewöhnlich beliebt. Seine Partei hat bei den Parlamentswahlen im März noch Sitze hinzugewonnen. Dabei gilt Petros größtes Projekt, der „totale Frieden“ (paz total) mit allen verbliebenen bewaffneten Gruppen, als gescheitert.
Denn diese nutzten das Chaos im Land, um Mitglieder und Territorium zu gewinnen. Es gibt heute nach Schätzungen von Expert*innen rund 27.000 bewaffnete Kriminelle, die in fast der Hälfte der Gemeinden Einfluss ausüben. Und 14 aktive Kampfherde.
„Totaler Frieden“
Nur Iván Cepeda, der Kandidat der linken Regierungspartei, sieht die Verantwortung dafür woanders. Für ihn liegt der Grund für die Ausbreitung der bewaffneten Gruppen nicht bei dem Projekt „totaler Frieden“, sondern bei Petros rechtem Vorgänger Iván Duque.
Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes warnt, dass die humanitäre Situation in Kolumbien 2025 so schlimm war wie mindestens seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Hunderttausende Binnenvertriebene – doppelt so viele wie im Vorjahr. Fast 1.000 Tote oder Verletzte durch Sprengkörper sowie Hunderte neue Fälle von verschwundenen Personen. 175.000 Menschen wurden von bewaffneten Gruppen unter Ausgangssperren gestellt.
Die Sicherheitsprobleme prägen auch den Wahlkampf. Alle drei führenden Kandidat*innen haben Attentatsdrohungen gemeldet. Zwei Mitglieder des Wahlkampfteams von de la Espriella wurden Mitte Mai ermordet, eine Wahlkämpferin des Centro Democrático vor den Augen ihres Sohns erschossen, der Konvoi eines linken Regierungssenators beschossen, die linke Vizekandidatin Aida Quilcué wurde zeitweise entführt. Nicht zu vergessen das Attentat auf den rechten Senator und Präsidentschaftsbewerber Miguel Uribe Turbay im Jahr 2025, dem der Politiker später erlag. Kein Wunder, dass Sicherheit neben Korruption und Gesundheitswesen das wichtigste Thema im Wahlkampf ist.
Auch wenn die Plaza de Lourdes, auf der Abelardo de la Espriella in Bogotá seine Wahlkampfveranstaltung gibt, eher klein ist und zwischen seinen Anhängern mit ihren Fankappen und Kolumbien-Trikots trotzdem großzügig Platz bleibt: de la Espriella, der selbst ernannte Outsider im Wahlkampf, der US-Präsident Donald Trump, El Salvadors Diktator Nayib Bukele und Argentiniens marktradikalen Libertären Javier Milei verehrt, könnte Kolumbiens nächster Präsident werden. Dabei beißt sich seine Selbstdarstellung zum Teil heftig mit der Realität.
„Gebet fürs Vaterland“
Er ruft gern zum militärischen „Gebet für das Vaterland“ auf – doch Militärdienst hat er selbst nicht absolviert. In den vergangenen Jahren hat er mit seiner Familie in Miami und Italien gelebt. In den USA darf er nicht als Anwalt arbeiten, weil sein Diplom da nicht anerkannt ist, aber mit seiner Kanzlei hat er dort ein Heidengeschäft gemacht – vor allem als Vertreter von Drogenhändlern und anderen Kriminellen, die er laut Wahlkampf eigentlich mit „Klauen und Zähnen“ verfolgen will. Reiche und politische Gruppen stünden nicht hinter ihm, behauptet er gerne – dabei gehört der Char-Clan aus Barranquilla zu seinen Unterstützer*innen.
Kolumbianische Journalist*innen haben das alles belegt – auch Ungereimtheiten in der Wahlkampffinanzierung. Er überzog Journalist*innen daraufhin mit mehr als Hundert Klagen, wenn ihm die Berichterstattung nicht passte – und beleidigte Journalistinnen frauenfeindlich. Auf der Plaza de Lourdes verspricht er jetzt, Frauen zu beschützen.
„Ich bin kein Politiker, ich bin Unternehmer. Wir halten unser Wort“, wiederholt er in jener Nacht. „Ich bin nicht der perfekte Kandidat – nur Gott ist perfekt. Aber ich bin das, was viele von euch sich gewünscht haben.“
Auch der 54-jährige Oscar, der seinen Nachnamen nicht in den Medien lesen will, ist hier, ganz in Tiger-Merch gewandet. Käppi, T-Shirt. Der stämmige Mann mit den kurzen Haaren ist Unternehmer und macht mit seinen Freunden Werbung für de la Espriella. Die meisten in seiner Familie wollen auch Abelardo wählen.
Viel Gewalt erlebt
„Dieses Land ist von traditionellen Politikern regiert worden, die überwiegend korrupt waren“, sagt er. „Wir brauchen einen Unternehmer, der für Ordnung sorgt, sich um die Finanzen unserer Nation kümmert, um Sicherheit und Entwicklung in unserem Land.“
Oscar stammt aus Usme in der Nähe von Sumapaz – im ländlichen Süden von Bogotá. Die Gegend war seinerzeit ein Rückzugsgebiet und Korridor der Farc-Guerilla. „Wir haben damals viel Gewalt erlebt“, sagt Oscar.
Vor 20 Jahren hätten sie die Straßen nicht benutzen können, weil die Guerilla dort Menschen entführte. Aber: „Auch heute haben wir viel Drogenhandel und Gewalt auf der Straße.“ Manche seiner Freunde müssten Schutzgeld zahlen. „Mit Petro hat die Gewalt zugenommen“, sagt Oscar. „Ich habe Angst, entführt zu werden, wenn ich das Stadtgebiet verlasse.“
Kolumbien ist stark polarisiert in rechts und links. Linke werden von der Rechten teils immer noch mit der Guerilla gleichgesetzt – dasselbe gilt für die arme, oft indigene Landbevölkerung. In der Vergangenheit hat der kolumbianische Staat in Zusammenarbeit mit Paramilitärs linke Politiker:innen und Aktivist:innen verfolgt und im Falle der Unión Patriótica, eine linke Partei, die sich für Frieden einsetzte, samt ihrer Anhängerschaft förmlich ausgelöscht. Dass 2022 mit Gustavo Petro mit Hilfe der sozialen Bewegungen zum ersten Mal ein linker Präsident und eine „Regierung des Wandels“ an die Macht kam, war eine enorme Veränderung.
Nicht war weiter rechts
Jahrelang gab es nichts im Land, was weiter rechts stand, als das Centro Democrático des mächtigen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Unter dessen Regierungen begingen staatliche Sicherheitskräfte schwere Menschenrechtsverbrechen – alles im Namen der sogenannten „demokratischen Sicherheit“, die das Land vom Drogenkrieg befreien sollte. Die Rechte beschönigt oder leugnet das bis heute, etwa die „falsos positivos“ – unschuldige, arme Menschen, die von der Armee ermordet und als getötete Guerilleros ausgegeben wurden, um Quoten zu erfüllen und Prämien zu kassieren.
Doch für diejenigen, denen selbst das rechte Centro Democrático zu sehr Establishment ist, gibt es jetzt de la Espriella. Und Centro Democráticos Kandidatin Paloma Valencia (48), die auf vielen Wahlplakaten einfach nur „die von Uribe“ heißt, muss laut den meisten aktuellen Umfragen ernsthaft um den Einzug in die Stichwahl fürchten.
Dabei ist Senatorin Paloma Valencia eine der härtesten Gegnerinnen von Präsident Gustavo Petro. Bei der Schlussveranstaltung zum Abschluss ihres Wahlkampfes in der Movistar-Arena in Bogotá bastelt sie sieben Tage vor der Wahl an ihrem Image als einende Mutter der Nation – und kämpft um die Mitte.
„Die erste Frau Präsidentin“ – „Wir spalten nicht, wir verbinden“ – „Ordnung, Entschlossenheit, Mut“. So steht es auf Bannern. Während de la Espriellas Fans fürs Vaterland beten, wird hier die Hymne gesungen.
Valencias größter Trumpf ist ihr Vizepräsidentschaftskandidat Juan Daniel Oviedo. Der hat seine eigene Kandidatur aufgegeben und sich ihr angeschlossen. Der offen schwule Bogotaner mit grauem gewelltem Haar, der homophobe Sprüche von de la Espriella abbekam, entpuppt sich als Publikumsliebling.
Als Schnösel verschrien
Lange war er wegen seiner näselnden Sprechweise als Schnösel der Oberschicht verschrien. Dabei stammt er von unten, die Aussprache geht auf einen Unfall zurück. Sein Leben habe ihn gelehrt: Man könne nicht Opfer seiner eigenen Beschränkungen sein, ruft er auf der Bühne. Das kommt hier gut an. „Vize! Vize! Vize!“ schreit die Arena.
„Der Hass der Populisten der extremen Linken und der extremen Rechten hat mich hierhergebracht, den will ich besiegen“, sagt Oviedo. „Wer diesen Hass besiegen will, muss Paloma Valencia wählen.“
Die Kandidatin erscheint ganz in weiß, strahlendes Lächeln, noch rauhere Stimme als sonst. „Ich möchte eine Präsidentin sein, die auf der Seite der Bürger steht. Die sie umarmt. Die sie berührt. Die ein starkes Team hat und regiert, um Kolumbien zu verändern.“
Nach all den Dankes- und Lobeshymnen kommt sie zum rechten Kerngeschäft. Mit ihr werde es kein „neokommunistisches Regime“ geben. Mit ihr an der Spitze werden alle Haftbefehle gegen das „Kartell des totalen Friedens“ wieder in Kraft gesetzt, die die linke Regierung für Verhandlungen ausgesetzt hatte. Die kriminellen Gruppen werde sie „wie Ratten jagen“, brüllt sie. Ein Veteranentrupp tritt auf die Bühne. Deren Sprecher bittet sie: „Retten Sie das Vaterland!“
Doch der laute Jubel, der durch die Arena wabert, täuscht: Von den rund 3000 Plätzen bleiben einige leer – oder leeren sich im Laufe der Veranstaltung.
Die 20-jährige Isabella Villate will dennoch für Valencia stimmen. Sie ist Mitglied der Partei Nuevo Liberalismo, die Paloma Valencias Kandidatur unterstützt. Ihr Vater komme aus prekären Verhältnissen in Bogotá, erzählt sie. Als er ein kleiner Junge war, hätten bewaffnete Gruppen manche seiner Freunde im Viertel rekrutiert. Isabellas Großmutter entschloss sich, in einen anderen Stadtteil zu ziehen, um ihren Sohn davor zu schützen – und musste bei Null anfangen. Später ging Isabellas Vater wegen dieser Erfahrung zur Luftwaffe. „Er wollte etwas für sein Land tun.“
„Ich will nicht, dass meine Kinder sowas erleben müssen“
Isabella Villate sagt, dass Sicherheit deshalb für sie ein wichtiges Thema sei. „Ich bin in einer absolut privilegierten Situation“, betont sie. Sie konnte auf eine internationale Schule gehen, ist mehrsprachig, studiert Kommunikations- und Politikwissenschaft. „Ich will nicht, dass meine Kinder eines Tages so etwas erleben müssen – und das Land ist an einem Punkt, wo mir das nicht weit entfernt erscheint.“ Sie habe Familie in Cauca, dem Ort, an dem die Attentate kein Ende nehmen.
Als Frau, die sich politisch engagiert, hoffe sie auf eine Präsidentin. „Damit sie uns Frauen repräsentiert und zeigt, wozu wir fähig sind.“ Neben ihren Plänen für die Sicherheitspolitik gefällt ihr besonders ihr Versprechen, alleinerziehende Mütter zu fördern, gerade auf dem Land. „Ohne Feministin zu sein packt sie damit ein grundliegendes Problem an.“
Dass Iván Cepeda ein Guerillero sei, dass Kolumbien wie Venezuela enden könnte, ein kommunistisches Land zu werden drohe, wie es viele in der extremen Rechten sagen, das glaubt Isabella nicht. Aber in Cepedas Konzept fürs Land vermisse sie eine starke Sicherheitspolitik.
Auf dem Plaza de Bolivar in der Altstadt von Bogotá hat sich an diesem Freitagabend ein anderes, deutlich bunteres Kolumbien versammelt, um Cepeda zu sehen. Alte Menschen, viele junge Menschen, Menschen mit bunt gefärbten Haaren. Straßenverkäufer*innen, Intellektuelle, Studierende, Rentner*innen, Betuchtere, Schwarze, und vor allem auch Indigene, die bei Paloma Valencia gerade einmal in einem Werbespot auftauchten. Auch die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, die die erste linke Regierung in der Geschichte ins Amt brachten, sind wieder gekommen.
Ungerechtigkeit und Mord
Als eine indigene Band die Hymne der Indigenen Wache anstimmt, ein Lied des Widerstands gegen Rassismus und historische soziale Ungerechtigkeit und Mord, singen alle aus voller Kehle mit. Egal, ob indigen oder nicht.
Cepeda hat die indigene Senatorin Aida Quilcué als Vize gewonnen. Ihr Mann wurde von der Armee ermordet – vollkommen unschuldig, wie später bewiesen werden konnte. In Teilen der Rechten wird er dennoch als Guerillero verunglimpft. Hier auf der Plaza de Bolívar wird Aida Quilcué verehrt. „Wir wurden über 500 Jahre ausgeschlossen“, erinnert Quilcué an die Unterdrückung von Indigenen, als sie auf der Bühne zur Menge spricht. Kandidat Cepeda, lobt sie, habe unermüdlich für Versöhnung, die Opfer und den Frieden gekämpft.
Als Cepeda 31 war, wurde sein Vater, ein kommunistischer Senator der Unión Patriótica, von Paramilitärs im Auftrag des Militärs ermordet. Sein Sohn gründete Movice, die Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen. Als Politiker engagiert er sich seit Jahren für Aufklärung und Friedensprozesse. Auf der Plaza de Bolivar steht immer wieder ein Satz: „Die Macht der Wahrheit“.
Jackeline Guaitarilla (36) hat spastische Zerebralparese und benutzt einen Rollstuhl. Auf ihren lila Haaren sitzt eine Kappe von Cepedas Pacto Histórico. Zwei Freundinnen unterstützen sie, damit sie heute dabei sein kann. Sie stammt aus Pasto im Südwesten Kolumbiens. Die Juristin ist Aktivistin für die Menschenrechte von Menschen mit Behinderung, speziell Frauen.
Sie lächelt übers ganze Gesicht. „Ich freue mich so über die Menschenmasse, weil es hier einfach alles gibt: trans* Personen, Personen von anderswo, ohne und mit Bildung, groß, dick, dünn, einfach wunderbar. Diversität ist der größte Reichtum des Universums. Wie toll, dass wir alle zusammen hier sein können für eine gemeinsame Sache, die soziale Gerechtigkeit.“
Unterstützrin Jackeline Guaitarilla
Menschen mit Behinderung immer ignoriert
Und noch etwas lässt sie euphorisch werden: „Iván Cepeda ist der erste in der Geschichte, der uns Menschen mit Behinderung im Wahlkampf erwähnt.“ Im Wahlprogramm stünden sie als Teil der Gesellschaft, der Kandidat spreche von Ableismus – alles ein Novum in Kolumbien.
Dass Paloma Valencia oder Abelardo de la Espriella die Wahl gewinnen könnten, macht ihr Angst. „Paloma Valencia behauptet, Gender gäbe es nicht, es sei Ideologie, und dass wir versuchen würden, alle zu Homosexuellen zu machen. Was wird aus unseren Organisationen und Kämpfen, wenn sie gewinnt? Woher sollen wir zum Beispiel Ressourcen nehmen, wo sollen wir freie Räume finden, um uns zu äußern, wenn sie Minderheiten nicht anerkennt?“
Valencia wie de la Espriella bedeuteten ihrer Ansicht nach eine Rückkehr in die Vergangenheit. „Sie kommen aus ihrer privilegierten Blase und sehen andere Realitäten nicht, wo Menschen hungern, Frauen Gewalt ausgesetzt sind, Menschen mit Behinderung keinen Zugang zu Bildung haben, keine Arbeit bekommen“, sagt Guaitarilla.
Im Gegensatz zu den inszenierten Showeinlagen seiner Gegner hat der Senator und Philosoph Iván Cepeda das Auftreten eines bedachten Professors: Strickjacke, bis zum Hals zugeknöpftes Hemd mit Rundkragen. Seine Rede liest der 63-Jährige langsam vom Blatt ab: „Für das Wohl aller, zuerst für die Armen“ heißt sie. Jubel auf der Plaza.
Sein Ton ist eher erklärend als kämpferisch. „Der Uribismus ist faschistisch. Er verkörpert in all seinen Facetten eine Ideologie der Verachtung gegenüber anderen Menschen: Rassismus, Klassendenken, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, die Ausbeutung der Natur und den Hass auf den Frieden.“
Immer wieder geht es um die einfachen Leute und die Ausgegrenzten, denen er zur Seite stehen wolle. Er zählt eine Liste an Sozialprojekten auf, mit denen so ziemlich jede benachteiligte Gesellschaftsgruppe aufgefangen werden soll – um den „Schaden von Jahrzehnten Neoliberalismus“ zu reparieren. Wie er das alles finanzieren will, zumal ihm sein Vorgänger Petro ein Finanzloch hinterlässt – das sagt er nicht.
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Aber die Finanzierung spielte bei der Konkurrenz auf der Bühne auch keine Rolle. Wen die Kolumbianer*innen für glaubwürdiger halten, wird sich spätestens in der Stichwahl zeigen.
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