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Journalistin über Feminismus in Italien„Es hat sich in kurzer Zeit eine kulturelle Revolution ereignet“

Ist Italien fortschrittlich oder altmodisch, was Frauen- und Transrechte angeht? Jennifer Guerra über Widerstandskraft und mangelnde Solidarität.

Moment der Eingkeit: Proteste aus Anlass des Femizids an Giulia Cecchettin, hier in Mailand am 22. November 2023 Foto: Piero Cruciatti/afp

Interview von

Francesca Polistina

taz: Frau Guerra, die italienische Premierministerin Giorgia Meloni ist eine Frau, die Oppositionsführerin Elly Schlein ebenfalls. Ist Italien damit Vorreiter in Sachen Gleichstellung?

Jennifer Guerra: Wir haben zum ersten Mal sowohl eine Premierministerin als auch eine Oppositionsführerin, das stimmt. Aber das ist keineswegs repräsentativ. Weder für die italienische Gesellschaft und für die Macht, die Frauen im Alltag ausüben können, noch für die politische Klasse. Denn abgesehen von diesen zwei Figuren sind Politikerinnen in Italien immer noch stark unterrepräsentiert, ihre Zahl ist nach der letzten Wahl sogar gesunken.

taz: Ist das Bild eines sexistischen Landes also weiterhin berechtigt?

Guerra: Vor einigen Monaten wurde ich vom deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen interviewt und auch gefragt, warum Italien noch so frauenfeindlich sei und es so viele Hausfrauen gäbe. Meiner Meinung nach ist dieses Bild zwar sehr klischeehaft, aber realitätsnäher. Wir sind immer noch ein traditionelles und stark von der katholischen Kirche beeinflusstes Land. Dieser Traditionalismus wird jedoch durch das starke zivile Engagement und die Widerstandskraft der Frauen ausgeglichen, vor allem bei bestimmten Themen wie der geschlechtsspezifischen Gewalt.

taz: Sie meinen vor allem den Feminizid, also die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Der Feminizid ist seit einigen Monaten als eigenständiger Straftatbestand im italienischen Strafgesetzbuch verankert. Auch in den Medien ist das Thema präsenter als in Deutschland.

Guerra: Italien hat hier in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren enorme Fortschritte gemacht – sowohl auf der gesetzlichen wie auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Inzwischen weiß jede*r, was ein Feminizid ist. Es gibt viele Initiativen zur Prävention von Gewalt an Frauen: Die Ergebnisse sind zwar nicht immer zufriedenstellend, aber was die Wahrnehmung des Phänomens angeht, hat sich innerhalb kurzer Zeit eine kulturelle Revolution ereignet. Man muss aber auch betonen, dass sich leider selten etwas tut, wenn es keine Fälle gibt.

taz: Welche andere Themen gelten als zentral innerhalb des feministischen Diskurses?

Guerra: Der italienische Feminismus unterteilt sich meiner Meinung nach in drei Hauptströmungen: der Differenzfeminismus der zweiten Welle, der in den siebziger Jahren entstanden ist und immer noch eine große, symbolische Autorität genießt. Der transfeministische und queere Feminismus von Non una di meno (der 2015 in Argentinien als Ni una menos entstanden ist; Anm. d. Red.), der mit den queeren Bewegungen verbündet ist. Und dann gibt es die Welt des Netzfeminismus, zu der Influencerinnen und all die jungen Frauen, die ihnen folgen, zählen. Sie sind für feministische Themen sensibilisiert, gehören aber nicht unbedingt einer organisierten Bewegung an. Die Antwort, welche Themen gerade wichtig sind, kann, je nachdem, wen man fragt, unterschiedlich ausfallen. Das Thema der Gewalt ist dasjenige, das alle Strömungen verbindet. Auch wenn junge Feministinnen den Eindruck haben, dass bestimmte Formen der digitalen Gewalt nicht ernst genommen werden.

Bild: privat/ Damiano Lorenzon
Im Interview: Jennifer Guerra

Jennifer Guerra, geboren 1995, ist eine italienische Journalistin und Schriftstellerin, die sich mit Feminismus, Genderthemen und LGBTQ+-Rechten beschäftigt. Sie ist Autorin mehrerer Essays zum Thema Feminismus, darunter (in italienischer Sprache) „Il femminismo non è un brand“. Ihr Newsletter „Sibilla“ erscheint auf der Plattform Substack.

taz: Die Verbreitung von revenge porn, also von intimen Bildern oder Videos ohne Zustimmung, und von Deepfakes ist in Italien eine Straftat. Ist das Gesetz angemessen?

Guerra: Das Gesetzt deckt nicht die gesamte digitale Gewalt ab, und die Straftat ist schwer nachzuweisen. Für mich ist es also nicht besonders wirksam. Das Problem ist aber nicht nur ein Mangel an Gesetzen, sondern auch ein Mangel an Bewusstsein dafür, dass das, was im Internet geschieht, auch im realen Leben geschieht. Die digitale Welt ist kein Hyperuranion, also kein metaphysischer Ort jenseits unserer Welt, sondern Teil der Realität.

taz: Ein weiteres Thema, über das diskutiert wird, ist die Inklusion und die Rechte von trans Personen.

Guerra: Das ist ein riesiger Streitpunkt innerhalb der Bewegung – nicht nur in Italien. Gleichzeitig ist es ein Generationenkonflikt: Jüngere Frauen sind stärker mit der queeren Bewegung verbündet, manche ältere Feministinnen sind da hingegen ziemlich kompromisslos – und haben eine gewisse Macht. Zum Beispiel Eugenia Roccella, Ministerin für Familie und Chancengleichheit, und Marina Terragni, Ombudsfrau für Kinder. Beide definieren sich als Differenzfeministinnen, auch wenn andere Differenzfeministinnen sich von ihnen distanzieren. Trans-Aktivist*innen werfen ihnen vor, transphobe Positionen zu vertreten.

taz: Wie würden Sie den Zustand der Bewegung insgesamt einschätzen?

Guerra: Meiner Meinung nach befindet sich der italienische Feminismus in einer Krise. Es gibt zwar tausende feministische Organisationen, weshalb man den Eindruck gewinnen könnte, dass die Bewegung sehr stark ist. In Wirklichkeit ist es sehr schwierig, sich zu verbünden und zusammenzuschließen – auch bei den wichtigsten Anliegen. Die Reaktion auf den sogenannten „DDL Bongiorno“ ist ein Beispiel. Dieser Gesetzentwurf zu Vergewaltigungen legt den Fokus nicht auf das Einvernehmen – also auf das „nur Ja heißt Ja“ – wie Feministinnen seit Jahren fordern, sondern auf den Widerspruch. Das heißt, dass die Person, die Gewalt erfahren hat, beweisen müsste, dass sie sich gewehrt hat. Das ist eine Verschlechterung gegenüber dem geltenden Gesetz, das sowieso schon problematisch ist. Trotzdem haben nicht alle feministischen Gruppen an den Protesten teilgenommen. Es hat eine gewisse Einigkeit gefehlt. Das macht die Bewegung schwach.

taz: Dennoch gab es sehr wohl Momente der Einigkeit, zum Beispiel nach dem Feminizid von Giulia Cecchettin 2023, über den auch die taz berichtete.

Guerra: Das stimmt, an der großen Demo in Rom haben damals 500.000 Menschen teilgenommen. Aber zugleich ist es sehr schwer, politische Initiativen gemeinsam voranzubringen. Tatsächlich kann die feministische Bewegung in Italien in den letzten Jahren nur sehr wenige Erfolge für sich beanspruchen, anders zum Beispiel als in Spanien. Viele Dinge haben sich zwar auf kultureller Ebene geändert. Aber diese Veränderungen sind nicht das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen und Praktiken über alle Strömungen hinweg.

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