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Neues Album von Indieband Kresse 3Sie fallen beim Aufstehen

Die Indieband Kresse 3 befreit sich mit dem neuen Album „Die Welt ist gestreckt“. Zu hören sind catchy Popsongs vom Epigonentum ihrer Flegeljahre.

„Und lass uns ins Kino gehen, im Apparat ist es so schön“ singen Kresse 3 aus Berlin-Wedding, hier im Schöneberger Odeon Kino Foto: Marina Monaco

Schramm macht die Gitarre in der ersten Sekunde. Einmal nur über die Saiten. Schramm. Vielversprechend klingt das: es geht los, es ist angerichtet, der Vorhang geht auf, hör her, sei gespannt, jetzt gleich passiert es. Und dann – das Schlagzeug setzt ein, steigert sich, nochmal schrubbt jemand über die Gitarre – geht’s wirklich los.

Zurückgelehnt, mit verlangsamt monotonem Unterton beginnen die vier Wahl-Weddinger von Kresse 3 ihr neues, zweites Album „Die Welt ist gestreckt“, das letzte Woche bei Geisburg Records erschien. Es ist die erste Veröffentlichung bei einem Label der 2020 in Berlin gegründeten Band und vielleicht schwingt auch das im Eröffnungsakkord mit: Jetzt vielleicht, geht es richtig los. „Wir leben/die Liebe/auf die niemand gewartet hat/die Augen/sind offen/aber alle/sind weg//trockene Tücher/sie brennen nicht/doch ich/will“ heißt es da auch gleich im Chor intoniert im Refrain des ersten Songs. Unweigerlich muss man da an die verschmitzten Klänge von den Düsseldorf Düsterboys und International Music denken.

Nicht nur musikalisch, auch im Impetus des Vortrags scheinen sich die Berliner an den älteren Kollegen aus Westdeutschland abzuarbeiten. Die undurchschaubare Gratwanderung zwischen intellektuellem Ernst und tiefem Selbsthumor wird nicht nur im gelangweilten Entertainer-mäßigen Low-Budget-Musikvideo zur Singleauskopplung von „Trockene Tücher“ sichtbar, sie zieht sich durch das neue und die vorherigen Alben, durch die grauen Anzüge der Bandmitglieder, die eklektischen Cover-Schriftzüge und ihre Geisteswissenschaftler-Texte.

Das Album

Kresse 3: „Die Welt ist gestreckt“, Geisburg Records/iMusician

Record-Release-Konzert am 21.8. im Schokoladen, Berlin

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Liebe, Leere, Verunsicherung

In denen erscheinen jedoch nicht nur das Schiff aus „Fitzcarraldo“, griechisch-mythische Frauenfiguren und römische Ruinen, sondern auch jede Menge basaler Gefühle aus denen seit jeher der klassische Stoff emotionaler Popmusik gewebt wird. Da ist natürlich die Liebe, aber auch die Leere, jede Menge Verunsicherung und eine große Portion Kummer – aber die wird meistens eher verkopft beschrieben.

All diese körperlosen Gedanken verpacken die vier Männer Konrad Muschick (Gesang, Gitarre), Pit Steffen (Gesang, Gitarre, Keys), Christopher Olk (Bass, Gesang) und Lukas Küsters (Schlagzeug) in eine nostalgisch-deutsche Pralinenschachtel aus Postpunk, Krautrock und Indie, gefüllt mit Zitaten und Bezügen aus mehr als drei Jahrzehnten deutscher Studentenmusik, dabei sind die vier Musiker selbst alle erst um die 30 Jahre alt.

Im Track „Bumerang“ kann man die Klugheit, die Deutschland-Beschreibungen und die Resignation der frühen Tocotronic entdecken, in „Kolloseum“ erinnert der Bruch des Refrains, wenn es unter dem italienischen Wahrzeichen rund geht, hintergründig an die Berliner Band Von Wegen Lisbeth und in „Schrottplatz“ werden Element of Crime sogar stellenweise liebevoll-wörtlich zitiert, nur dass hier nichts mit dem Vorschlaghammer zerschlagen wird, die Müllhalde ist lediglich das Hirn und darin fehlt – natürlich – die Liebe.

Spargelstecher in Brandenburg

Gegründet haben sich Kresse 3, deren hintenangestellte Nummer sich durchaus als Referenz an Vorbilder wie Spacemen 3 verstehen lassen kann, im ersten Coronajahr, als sich die Freunde Muschick und Küsters zwischenzeitlich als Spargelstecher auf den Feldern Brandenburgs ihren Lebensunterhalt verdienten. Geistig reichte es den beiden nicht, doch war die Idee zwischen den staubigen Häufchen erstmal gefasst, wurde kurzerhand ein Proberaum organisiert, zwei weitere Mitglieder im Freundeskreis rekrutiert, innerhalb weniger Monate eine erste EP aufgenommen.

Musik studiert hat keins der Bandmitglieder, stattdessen sind die vier Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler, aber das macht nichts, Kresse braucht nicht viel zum Wachsen. Wie sie schmeckt, weiß jedes Kind. Alles ist bekannt und doch ab und zu unvorhersehbar geschmackvoll, wenn beispielsweise der Song „Kassandra“ plötzlich in einen melodischen englischen Refrain verfällt: „Sunrise/sunrise/I’m falling down“.

Es sind diese widersprüchlichen Melancholien, das beständige Fallen im Aufstehen, das Echo trostloser deutscher Landschaften trotz Sonne, die die appetitlich angerichtete Veröffentlichung so verlockend machen. Nur sieben Songs lang ist das schmale Album, aber der eine oder andere dürfte sich noch lange im Hirn festsetzen. So wie ein paar Samen in nasser Watte, oder wie es in „Wunsch im All“ heißt: „Weil ich hier schon lange bin/und jeden Zentimeter kenne/manche Gedanken machen keinen Sinn/und andere/nehmen/nie ein Ende“.

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