Das neue Syrien: Kommt das Alkoholverbot in Damaskus?
Im März erklärte die Provinzverwaltung der Kapitale: Nach 3 Monaten solle der Ausschank von Alkohol verboten werden. Doch bislang hat sich nichts verändert.
Drei Monate betrug die Frist der Provinzverwaltung von Damaskus, im Juni nun soll der Ausschank von Alkohol in der syrischen Hauptstadt verboten werden. Den Bars und Nachtclubs der Stadt ermöglicht dies einen letzten Abschied. Noch strömen die Nachtschwärmer:innen in ihre Lieblingslokale – im Bewusstsein, dass das Ende dieser Ära kurz bevorsteht.
Die Damaszener Verwaltung hatte Mitte März 2026 eine Verordnung erlassen, die den Verkauf von Alkohol auf lizenzierte Geschäfte in einigen christlich geprägten Vierteln wie Bab Tuma, Bab Scharqi und al-Qassaa beschränkt. Der Ausschank soll ganz verboten werden.
Selbst in den düstersten Jahren des Krieges hatte sich die Hauptstadt ein Nachtleben bewahrt, das den Einwohner:innen das Gefühl gab, aufatmen zu können. Die Bars sind weit mehr als bloße Verkaufsstellen für Alkohol oder Orte flüchtiger Unterhaltung. Sie funktionieren als Zufluchtsorte, sich von der Last des Alltags und dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie politischen Druck zumindest für kurze Zeit zu befreien.
„Ist Alkohol in Damaskus wirklich das Problem?“
An einem Aprilabend sitzt der 27-jährige George Farah im Kreis seiner Freunde in der Bar „Floyd“ in al-Qassaa und wiegt sich zu den Klängen der Oud. Den Beschluss will der Programmierer aus Damaskus nicht direkt kommentieren, er sagt aber gegenüber Qantara, dass er sich „voller Wehmut von diesen Orten verabschiedet“, da er befürchtet, dass sich „die fröhlichen Nächte hier nicht wiederholen werden“. Er fragt: „Warum wird Alkohol verboten? Und wen schädigt er überhaupt? Ist Alkohol in Damaskus wirklich das Problem?“
Muwaffaq Sanadiki
Der 46-jährige Muwaffaq Sanadiki aus Bab Scharqi macht seine Ablehnung der Verordnung deutlich: „Es ist traurig und inakzeptabel. Der Beschluss ist eine eklatante Verletzung der persönlichen Freiheit und eine ungerechtfertigte Einschränkung. Und das nur, um sich das Wohlwollen einer bestimmten Gruppe zu sichern.“ Er fordert, dass die Verwaltung den Beschluss zurücknimmt.
Rula Rizkallah, Angestellte in einer Medienproduktionsfirma in Damaskus, verweist auf die potenziell negativen Auswirkungen des Beschlusses auf den Tourismus und den Dienstleistungssektor. Sie bezeichnet den Beschluss gar als „Verbrechen“ an dem Image der Hauptstadt.
Doch nicht alle Damaszener:innen sehen in dem Beschluss eine illegitime Einschränkung des öffentlichen Lebens. Der 32-jährige Buchhalter Kinan al-Harsch ist der Ansicht, dass die vielen Bars nicht zur Identität der Stadt passen. Historisch gesehen habe diese „nie auf einer Kultur der Bars und des Nachtlebens basiert“. Diese Phänomene seien stets auf kleine soziale Schichten beschränkt gewesen. Al-Harsch betont, die Behörden hätten das Recht, die Stadt gemäß den Wünschen der sozialen und kulturellen Mehrheit zu verwalten.
Der konservative Diskurs ist stärker geworden
Der Beschluss hat unter Syrer:innen eine breite Debatte ausgelöst. Neben der befürchteten Einschränkung der Freiheitsrechte geht es auch darum, dass der Alkoholverkauf künftig auf christliche Viertel beschränkt werden soll. Anwohner:innen fürchten, dass sich die Spaltung der Gesellschaft anhand religiöser Zugehörigkeit zuspitzen könnte.
Einige Tage später hielten Anwohner:innen im Viertel Bab Tuma eine Kundgebung ab. In Reaktion darauf entschuldigte sich die Provinzverwaltung in einer Erklärung vom 21. März bei den Einwohner:innen der Viertel Bab Tuma, al-Qassaa und Bab Scharqi für das, was sie als „Missverständnis“ bezeichnete. Die Behörde stellte klar, dass „der Beschluss rein organisatorisch ist und darauf abzielt, die Sicherheit und die öffentliche Moral zu wahren, die Gewerbelizenzen zu regulieren und das Chaos einzudämmen, ohne die persönlichen Freiheiten der Bürger zu verletzen“.
Unter Bar- und Kneipenbesitzer:innen herrscht Skepsis. Die meisten warten ab, obwohl die wirtschaftlichen Schäden des Beschlusses bald Realität werden könnten. Es wirkt nicht so, als hätten sie bereits mit den Vorbereitungen für eine Schließung begonnen.
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Sumer al-Hazim, Besitzer einer Bar im Viertel Bab Scharqi, bestätigt, dass sich bislang weder am Alkoholkonsum noch dem Andrang der Gäste etwas geändert habe: „Wir als Besitzer von Bars und anderen Lokalitäten, die in Damaskus Alkohol ausschenken, haben keinerlei direkte Aufklärung oder Anweisungen von den zuständigen Behörden erhalten.“
Die neue Alkoholverordnung steht im Kontext weiterer umfassender Veränderungen, die sich im öffentlichen Raum in vielen syrischen Städten im vergangenen Jahr etabliert haben. Der konservative Diskurs ist spürbar stärker geworden, zum Beispiel ist der Begriff der „öffentlichen Moral“ zunehmend präsent. Sie wird zur Begründung herangezogen, um in die Details des alltäglichen Lebens einzugreifen. Von Vorschriften betroffen sind etwa Kleidung, Musik oder das Zusammenkommen der Geschlechter.
Dieser Text erschien bei Qantara. Die taz veröffentlicht eine gekürzte Version.
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