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Wim Wenders und Nastassja KinskiWenders’ Trick

Kommentar von

Gunnar Hinck

Der Starregisseur filmte Nastassja Kinski einst als Kind halbnackt. Seine Verteidigungsstrategie bei der Filmpreisverleihung ist äußerst fragwürdig.

Fragwürdige Verteidigungsstrategie: Wim Wenders bei der Preisverleihung Foto: Christoph Soeder/dpa

E ine 13-Jährige muss sich bei Dreharbeiten halbnackt ausziehen und bekommt von einem Mann, nur mit Unterhose bekleidet, eine Ohrfeige verpasst. Das Kind war auf die Szene nicht vorbereitet. Die Darstellerin der verstörenden Szene aus dem vielfach prämierten Film „Falsche Bewegung“ von 1975, Nastassja Kinski, verlangt vom Regisseur Wim Wenders seit Jahren, dass er die Szene aus dem Film entfernt. Außerdem fordert sie eine Entschädigung. Der blockt ab.

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Altstar Wenders glaubte nun wohl bei der Verleihung des deutschen Filmpreises, dass er mit einem Gang an die Öffentlichkeit das Thema abräumen könne – aber das ist gründlich danebengegangen. Der 80-Jährige gab bei seiner Rede auf der Filmpreis-Gala – er erhielt den Ehren-„Lola“ für sein Lebenswerk – den zerknirschten Altmeister: Es sei damals eine andere Zeit gewesen, dem 29-jährigen Wenders von damals könne er keinen Vorwurf machen. Er will die Frage, ob und wie an Filmen nachträglich Hand angelegt werden darf, nun mit jüngeren FilmemacherInnen „diskutieren“. Er könne das Ganze nicht allein tragen.

Ernsthaft jetzt? Es ist nicht bekannt, dass junge Regisseure demnächst vorhaben, 13-jährige Kinder halbnackt zu filmen. Die Causa ist eine Sache zwischen ihm und Nastassja Kinski, doch er weicht der direkten Auseinandersetzung mit ihr seit Jahren aus, wie die Süddeutsche Zeitung recherchierte.

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Wenders gab ein seltsames Beispiel, dass ein nachträgliches Schneiden von Filmen nicht gut sei: Stephen Spielberg entfernte einst eine martialische Szene aus seinem Film „E.T.“, was dieser später bereute. Aber da wurden nicht Kinder sexualisiert, da ging es um schwer bewaffnete Soldaten.

Das Publikum aus Filmschaffenden spendete Wenders übrigens frenetischen Applaus. Sie sind dessen Trick, sein Problem an eine diffuse Diskussionsrunde zu delegieren, auf den Leim gegangen. Es war ein in jeder Hinsicht befremdlicher Moment. Es bleibt zu hoffen, dass Nastassja Kinski nun den Klageweg einschlägt, den sie bislang vermeiden wollte.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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16 Kommentare

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  • Ich war nie Wenders-Fan. Aber spätestens mit seiner Aussage bei de Berlinale, dass Kunst nicht politisch zu sein habe, hat er sich ohnehin komplett ins Aus gestellt. Das hier passt nur einmal mehr ins Bild.

  • Es ist ja leider nicht so, als könnte er mit dem Umschneiden des Films das geschehene Unrecht wieder ungeschehen machen. Immerhin das hat der Mann doch eingesehen.



    Dass er sich gleichzeitig aber auch davor drückt, mit der Betroffenen Schauspielerin zu kommunizieren, ihr persönlich statt einem unbetroffenen Publikum sein Bedauern auszudrücken, lässt es doch wie eine billige Ausrede wirken, weil er einfach "keine Lust" hat, den Film zu verändern.



    Dass vor diesem Hintergrund er jetzt einen Preis verliehen bekommt, der dieses Werk mit einschließt, ist der eigentliche Skandal.



    Ob man nachträglich an Filmen schneiden sollte, die "nicht mehr in die Zeit passen" ist eine davon vollkommen unabhängige Frage. Schließlich war nicht die gezeigte Szene, sondern deren Entstehung und das Geschehen hinter den Kulissen das Problem. (Weswegen ich in diesem konkreten Fall nicht glaube, dass ein neuer Schnitt irgendetwas verbessern würde)

    • @Herma Huhn:

      Naja aber das umschneiden würde verhindern, dass die Szene immer wieder gezeigt wird und damit eine mögliche retraumatisierung erfolgt.



      Insofern hätte das rausschneiden tatsächlich auch gute Folgen. Die Entstehung kann nicht rückgängig gemacht werden, aber die ständige Wiederholung wäre nicht mehr möglich.

  • In dem Artikel der SZ ("doch er weicht der direkten Auseinandersetzung mit ihr seit Jahren aus, wie die Süddeutsche Zeitung recherchierte") stehen so Sachen drin wie:

    "Ich habe ja bisher bewusst keine rechtlichen Schritte eingeleitet, sondern um ein Gespräch mit Nastassja Kinski gebeten, und das seit vielen Jahren. Er geht dem aus dem Weg“, sagt Schertz (Kinskis Medienrechtsanwalt).

  • Danke für den Kommentar. Und dann wünsche ich Nastasja Kinski viel Erfolg!

  • Die Forderung des nachträglichen Umschneidens von Filmen ist genau so fehlgeleitet wie die nach dem nachträglichen Umschreiben von Büchern. Wer das will, fordert auch die "Korrektur" von Onkel Toms Hütte und Huckleberry Finn. Das sind alles Zeitdokumente. Ein einführender Vorspann oder ein einordnendes Vorwort ist angemessen. Alles andere nicht.

    • @TheBox:

      Das hieße dann, dass das Opfer - als 13-Jährige halbnackt und plötzlicher Gewalt ausgesetzt, auf die sie nicht gefasst war (was also eine Straftat ist) - als Dokument Würde und seine Rechte längst verloren hätte und zugleich seinerseits mal nicht so einen Kulturkampf veranstalten möge. Interessanter Standpunkt, zu dem die weiteren Beispielen allerdings auf mehreren Ebenen gar nicht passen.

    • @TheBox:

      In diesem Zeitdokument ist Kunstfreiheit aber mit sexueller Selbstbestimmung und Recht am eigenen Bild eines Kindes abzuwägen. Die Bilder sind übergriffig entstanden, durch Überrumpelung, und dokumentieren eine Grenzüberschreitung, die heute strafbewehrt wäre (damals weiß ich es nicht). Abgesehen vom Rechtlichen geht es auch darum, einer Situation und einem Menschen, der verletzt worden ist und den Mut besitzt damit in die Öffentlichkeit zu treten, würdevoll und mit Respekt zu begegnen. Wenders scheint das nicht zu wollen und wird dennoch bepreist und bejubelt. Das Rausreden und Kleinreden lässt ihn mehr als nur alt aussehen, es ist eine Machtpose, die hämisch wirkt. Eine direkte Entschuldigung ist angemessen. Eine zweite, respektvolle Filmversion zu erstellen wäre für niemanden ein Verlust. Es könnte im Gegenteil gesichtswahrend für beide, Wenders und Kinski sein.

  • Ich fand auch die Ausstellung über Wim Wenders in der Bundeskunsthalle Bonn im letzten Jahr bezeichnend. Erst durch die zeitgleiche, eindrucksvolle „Susan Sontag“ Ausstellung gegangen, wirkte dann „Wim Wenders“ in der ihm betreffenden Ausstellung immer so bemüht.



    Seinen Erstling nun zur großen Kunst erklären zu wollen, wirkt ebenso bemüht.

  • Wohl alles von der Kunstfreiheit gedeckt, oder?



    Unverständlich, warum dieser alte weiße Mann die Szene nicht mit Hilfe von VFX korrigieren lässt, kein Hexenwerk und damit hätte die Entschuldigung Substanz und er hätte wahre Reue bewiesen.



    Pikant zudem:



    würde sich Hr. Wenders auch mal mit der familiären Situation der Kinsky Familie hinsichtlich sexuellen Mißbrauchs seitens Klaus Kinsky auseinandersetzen, wäre die Szene einer unmündigen 13 jährigen wohl besser gestern draussen als heute.



    Nichts als kleinmütige Hybris.

    • @Stefan Schmitt:

      VFX und damit wäre dann alles cool, oder was?

      Was für eine Hybris in diesem Kommentar.

    • @Stefan Schmitt:

      Dass Wenders ein uneinsichtiger alter Mann ist, keine Frage. Aber was hat seine Hautfarbe damit zu tun?

      Sexuelle Übergriffigkeit gibt es auch bei Nicht-Weißen, auch bei Künstlern, siehe Bill Cosby.

      Ob sein Verhalten nun typisch "männlich" ist, darüber könnte man auch streiten, es gibt auch uneinsichtige und überhebliche Frauen.

      Dass sich das Publikum vom ihm mit Beschlag belegen ließ, ist ein Skandal.

      Und warum hat die Jury ihm überhaupt den Preis verliehen. Sein Verhalten wäre Grund genug, ihn schon im Vorfeld als preisunwürdig auszusortieren.

    • @Stefan Schmitt:

      Wie interessant und berührend, was Sie schreiben. Auch ich war mit meinem Mann in beiden Ausstellungen und wir waren begeistert. Wo Wenders für Universalismus und die ewige Suche nach der einen Wahrheit stand, war Sontag die Konstruktivistin, die alles radikal in Frage stellte und sich Realität auch selbst erschuf. Beide wie die zwei Seiten einer Münze.

      Zufällig sah ich jetzt auch Wenders Entschuldigung im Fernsehen und war geschockt, wie unglaubwürdig es für mich rüberkam. Als würde er ganz anders empfinden als formulieren, das hat mich traurig gestimmt.

      Sonntag konnte Fehler glaubwürdiger einräumen, war wahrscheinlich auch nie auf der Suche nach Unfehlbarkeit.

  • Ich hab mir den Film nun angesehen. Die Notwendigkeit dieser Nacktszene erschliesst mir absolut nicht.



    Herr Wenders würde der Kunst und den Frauen ein Denkmal setzen, wenn man diese 'Schweinerei' rausschneidet und der Zeit anpasst.



    Immer diese Nacktszenen, die oft gar nicht unbedingt notwendig sind, scheinbar aber in der Männerwelt der Schaffenden zu einem unbedingten Muss gemacht wurde und wird.



    Und wenn Frau Kinski das heute nicht mehr mag zu einem Objekt für lüsterne Männer gemacht zu werden, könnte das dieser alte Mann ja auch mal akzeptieren.



    Es ist lediglich der Stolz und die Arroganz der Macht, die das noch aufrecht erhalten ..

    Buuh Herr Wenders, kommen Sie mal wieder auf den Teppich. Sie haben damals schon überrumpelt und hören nicht damit auf ..

    • @bloggerlogger:

      Frage ist halt, ob das irgendetwas besser macht, wenn wir über die Realität des Deutschen Autorenfilms der 70er einen Blumenvorhang des Vergessens drüber ziehen?

      Ganz konkret: Ich bin immer wieder baff erstaunt über den Sexismus und Rassismus in alten Filmklassikern, rechts wie links. Und das ist eine wichtige Erfahrung! Weil ich daran erkennen kann, dass sich seitdem etwas geändert hat, dass ich das Zeitrad garantiert nicht zurückdrehen möchte und dass die gesellschaftlichen Kämpfe notwendig waren.

      Nun ist die Darstellung von Sexismus und Rassismus etwas anderes als Missbrauch Minderjähriger am Set. Und gleichzeitig: ich finde nicht, dass es da eine einfache Lösung gibt. Einfach rausschneiden? Ok ...?

      Ich möchte mir die Position von Wenders definitiv nicht zu eigen machen, aber ich finde auch, dass das nicht Gegenstand einer Privatentscheidung zwischen Wenders und Kinski sein kann, was da jetzt passieren soll.

      An der Stelle bin ich auch wirklich irritiert, von den Kommentaren in linken Medien: Worauf liefe das denn hinaus? Hat da irgendjemand noch zwei Gehirnzellen drauf verwendet das abzuwägen? Ein bisschen Horizont täte gut ...

      • @Hanno Homie:

        " ... ich finde auch, dass das nicht Gegenstand einer Privatentscheidung zwischen Wenders und Kinski sein kann, was da jetzt passieren soll."

        Könnten Sie das bitte erklären?

        Wie Sie ja selbst geschrieben haben, ist der Missbrauch einer Minderjährigen am Set etwas anderes als die Darstellung von Sexismus und Rassismus.

        Frau Kinski fordert als Betroffene und Opfer, dass die Szene entfernt wird. Das ist etwas völlig anders, als wenn diese Forderung von irgendwelchen Aktivisten und Eiferern erhoben würde, die dem Rest der Welt ihre Sicht der Dinge aufdrücken wollen.

        Einem Missbrauchsopfer zu erklären, sie habe das nicht zu entscheiden, weil das Weiterungen haben könnte, die sie möglicherweise selbst auch nicht will und die gesellschaftlich bedenklich sein könnten, geht mir schlicht zu weit.